Triple 9

Mit schwerem Geschütz entfacht John Hillcoat ein Feuerwerk aus Korruption und Gewalt. Doch so richtig mag die Lunte nicht brennen.

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Das Bild währt nicht sehr lange auf der Leinwand, doch es hinterlässt Eindruck: Für kurze Zeit sehen wir eine riesige Highway-Kreuzung, über der behände die Kamera schwebt. Irgendwo in den untersten Schichten glimmen klein und fast unsichtbar die Polizeilichter auf und ab. Darüber verbiegen und verzweigen sich weitere Straßenareale, führen aus dem Bildkader hinaus oder dringen in ihn hinein und bilden ein pulsierendes, pumpendes Nervensystem, das die Metropole mit Energie zu versorgen scheint. Diese kurze, aber prägnante Aufsicht gibt John Hillcoats finsterem Copthriller Triple 9 während einer atemlosen dreiteiligen Parallelmontage nicht nur zusätzlichen dramatischen Auftrieb, sondern veranschaulicht bestens die Struktur des gesamten Films. Hillcoat lässt Handlungsstränge und Personenbeziehungen überlappen und kreuzen, modelliert sie zu einem Geflecht aus Ebenen und Schnittstellen, die systematisch zusammengehören und doch zu allen Richtungen hin offen sind.

Amerikanische Männer zwischen Mythos und Ethos

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Zwischen all diesen Lebensadern aus Teer und Asphalt regiert die Gewalt. Sie erweist sich einmal mehr als Hillcoats Paradethema, um das er seine Geschichten anlegt. Mit dem äußerst schönen, hypnotischen Western The Proposition – Tödliches Angebot (2005) und dem für die Goldene Palme nominierten Lawless (2012) hat er bereits gezeigt, wie gerne er mit klassischen Genreerzählungen liebäugelt und uramerikanische mythische Kosmen etabliert, die um Maskulinität, Moral und gesellschaftliche Positionen kreisen. Noch nie zuvor aber hat er sich so offenkundig einem Regelwerk unterworfen wie hier – wovon nicht nur kaugummikauende Reißbrettcharaktere und unzählige verbeulte, brennende und eingeschlagene Autos zeugen.

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Ein Haufen korrupter Cops in Atlanta wird nach einem riskanten Coup von der jüdischen Russenmafia unter Führung der eiskalten Boss-Braut Irina (absolut famos: Kate Winslet) ausgeschmiert und zu einer weiteren, eigentlich kaum realisierbaren Aktion gezwungen. Allein ein sogenannter 999, ein Polizistenmord, könnte die Durchführung ermöglichen, da dieser sämtliche Einsatzkräfte lange genug von weiteren Vorkommnissen ablenken könnte. Chris (Casey Affleck), der Neffe eines Sergeants, scheint da das perfekte Opfer zu sein.

Kein Chaos

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Triple 9 basiert voll und ganz auf zunehmenden Verzahnungen, bis sich schließlich überall Querverbindungen zwischen den Figuren geformt haben. Die Ebenen von Gesetzeshütern und Gesetzesbrechern verschwimmen gemäß des Bad-Cop-Prinzips zu einem einzigen lückenlosen Beziehungsraster. Einmal wird bei einem Blick ins Büro der Schlachterei, die als Deckmantel für die Geschäfte der Mafia fungiert, gar deutlich, dass hier gemeinsame Sache mit dem FBI getrieben wird. Räumlich sind die Sphären klar getrennt, doch ist der Film sehr darauf aus, ein immenses Spektrum an Stadtarchitektur und -struktur zusammenzuraffen. Glied an Glied reiht sich ein urbaner Ort an den nächsten. Triple 9 erschafft so ein Kaleidoskop der amerikanischen Metropole, das vielfältige, schimmernde Eindrücke hinterlässt und gegensätzliche Pole der Stadt mithilfe von Montage und Erzählung kontrahiert. Banken und Bordelle, Ghettos und Polizeipräsidien, Wolkenkratzer und Baracken.

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Je weiter das Treiben auf den fast unmöglichen Raubzug zusteuert, umso mehr erweist sich Triple 9 als Film der Quantitäten. Er erstreckt sich unaufhaltsam in die Breite und bleibt dementsprechend flächig. Hillcoat kreiert so ein Stück kinetisches Kino, das trotz allerlei Hektik und Dynamik seltsam geordnet wirkt. Kein Chaos. Orte und Figuren fasst das Drehbuch von Matt Cook eher als Schablonen, vor denen sich die Story mit eiserner Konsequenz weiter verschlängelt. Die Figuren werden aufgestellt wie auf einem Spielbrett, wo sie, wie die Highways, zunächst Verwirrung stiften, aber doch nur bündige Knotenpunkte bleiben, von denen aus sich neue narrative Fluchtlinien bilden.

Ein Film wie ein Blick aus dem Hochhaus

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Dafür sind einige Momente so hochfunktional komponiert, dass Hillcoat durch formale Verve den Zuschauer wieder für sich gewinnen kann. Bei einem gefährlichen Polizeimanöver etwa haftet sich die Kamera unentwegt an die Einheit, verfolgt jeden Vorgang, jede Befehlsausführung, rast mit ihr Straßen entlang, schleicht Treppen hinauf, durchquert Wohnräume. Strategisch verteilt Hillcoat solche ausgedehnten Heist-Sequenzen als schmucke Sprengsel in seinem Film, die der Konstruiertheit des Plots ein wenig entgegenwirken sollen. Das funktioniert ganz gut, da kann kurz darauf das Beziehungsgeflecht gleich noch ein wenig weiter gedehnt werden.

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Weil das Maß aber irgendwann voll ist und für Empathien in diesem Film eh kein Platz, bleibt Triple 9 nichts anders übrig als zu platzen. Figur um Figur wird in einem ordentlichen Showdown aus dem Weg geräumt. Die Hoffnung darauf, dass Hillcoat aus seinen Konflikten noch irgendetwas Produktives herauskitzelt, darf man schließlich aufgeben. Cop Michael (Chiwetel Ejiofor), der ebenfalls am ultimativen Raubzug beteiligt ist, trinkt mit Partner Chris, der bald dran glauben soll, ein freundschaftliches Bier, man spricht über Stresssituationen im Job und beweist Loyalität, obwohl kurz zuvor noch alle Zeichen auf Hahnenkampf standen. Das mit dem moralischen Zwiespalt ist dann auch wirklich angekommen. Triple 9 ist wie ein Blick aus einem Wolkenkratzer auf die Stadt. Elemente erstrecken sich zu allen Seiten hin, breiten sich aus, verbinden sich. Kann man ihre Verwobenheit zwar skizzenhaft erblicken, bekommt man von ihrer wahren Tiefe nur eine grobe Ahnung.

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