The Way Back - Der lange Weg

Eine Gruppe Kriegsgefangener flüchtet aus einem sibirischen Arbeitslager. Dabei vergisst der Film diese Reise wirklich beschwerlich zu gestalten. 

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Mitte der 1950er Jahre sorgte der autobiografische Roman eines ehemaligen polnischen Leutnants wegen seiner unglaublichen Handlung für Aufmerksamkeit. In Der lange Weg beschreibt Slawomir Rawicz, wie er 1941 gemeinsam mit sechs anderen Männern aus einem sibirischen Gulag floh und dabei einen Fußmarsch von 5000 Kilometern zurücklegte. In den 1980er Jahren kam schließlich heraus, dass Rawicz angeblich nicht über sich, sondern einen Freund geschrieben hatte, kurz darauf wurde aber auch diese Version widerlegt. Der auf Rawizcs Buch basierende Film The Way Back – Der lange Weg (The Way Back, 2010) will auf das Prädikat einer authentischen Geschichte trotzdem nicht verzichten und wirbt damit, auf einer wahren Begebenheit zu beruhen.

Die Handlung setzt mit der Inhaftierung von Janusz (Jim Sturgess) ein, einem polnischen Offizier, der von seiner Frau als Spion denunziert wurde. Im sibirischen Arbeitslager trifft er auf Gefangene aus verschiedenen Ländern und sozialen Milieus. Unter ihnen befinden sich etwa der eigenbrötlerische amerikanische Ingenieur Smith (Ed Harris) und der zu Gewaltausbrüchen neigende russische Gangster Valka (Colin Farrell). Bemerkenswert an der Besetzung ist, dass nicht nur konsequent auf slawische Darsteller verzichtet wird, sondern auch fast alle russischen und polnischen Figuren von Amerikanern und Briten mit einem aufgesetzten Akzent verkörpert werden.

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Lange hält sich The Way Back nicht im Arbeitslager auf, zeigt kurz die Schikanen der Wärter und die steilen Hierarchien unter den Gefangenen, bevor er sich schließlich ganz dem ausufernden Fußmarsch mit malerischen Landschaftsaufnahmen widmet. Sieben Jahre ist es nun her, seit der australische Regisseur Peter Weir seinen letzten Film gedreht hat. Besonders in den 1980er und 90er Jahren zeichnete er sich für zahlreiche Kassenerfolge verantwortlich, die stets den strengen Konventionen Hollywoods verpflichtet waren und deren Eigenheiten sich eher in wiederkehrenden  Themen als in einem distinktiven formalen Stil niederschlugen. Mit von der Außenwelt isolierten Figuren und zwischenmenschlichen Spannungen etwa sollte sich Weir nach Filmen wie Der einzige Zeuge (Witness, 1985), Mosquito Coast (The Mosquito Coast, 1986) oder Der Club der toten Dichter (Dead Poets Society, 1989) bestens auskennen. Umso mehr überrascht es, dass The Way Back vor allem in dieser Hinsicht nichts zu bieten hat.

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Aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten der Flüchtlinge sind Konflikte eigentlich vorprogrammiert. Besonders der psychopathische Valka macht sich in der Gruppe nicht besonders beliebt. Und doch will sich keine wirkliche Spannung zwischen den Figuren entwickeln. Ohne das Konfliktpotenzial auszuschöpfen, werden die Unstimmigkeiten allzu schnell gelöst.

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Man sollte Weir zugutehalten, dass er The Way Back bei weitem nicht so pathetisch inszeniert, wie es die Größenordnung der Produktion und die Geschichte erwarten lassen. Nur an wenigen Stellen drängeln sich die Streicher zu sehr in den Vordergrund, und wenn jemand stirbt, wird das eher nüchtern registriert als emotional ausgeschlachtet. Umso entsetzlicher ist dann die Schlussszene, in der Weir mit Archivaufnahmen den Zusammenbruch des Kommunismus im Schnelldurchlauf zeigt und einen noch offenen Konflikt im Jahr 1989 mit einer tränenseligen Katharsis auflösen muss.

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Was The Way Back zuvor fehlt, ist eine entscheidende Bedrohung. Als Zuschauer neigt man zu vergessen, warum die Männer eigentlich diese Strapazen auf sich nehmen. Die Naturgewalten stellen zwar offensichtlich eine Gefahr dar, bleiben aber zu abstrakt. Selbst im letzten Drittel des Films, wenn sich in der Wüste die Erschöpfung in Bildern von vertrockneten Lippen, aufgerissener Haut und blutigen Füßen manifestiert, bleibt man dem Leid der Figuren gegenüber erstaunlich distanziert. Und dann ist da noch die Rede von den Kommunisten, die es darauf abgesehen haben, die Flüchtlinge zu töten. Nach der Flucht aus dem Arbeitslager sind die gefürchteten Kommunisten genau einmal zu sehen. Sie kommen in Gestalt mongolischer Reiter und lassen sich mit einer lahmen Ausrede abspeisen. In solchen Augenblicken wirkt The Way Back weniger wie eine beschwerliche Reise als wie ein langer Spaziergang.

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Kommentare


Munabib

Man sollte die Thematik kennen, über die man einen Kommentar abgibt... es braucht keine großangelegte Jagd nach den Entflohenen, das erledigt sich von selbst in einer solchen Umgebung. Den Einheimischen war es streng verboten, Flüchtigen zu helfen. Nur gab es auf Grund der Umsiedlungsaktionen und Zerschlagung der traditionellen Lebensweise unter Stalin selbst in entlegenen Winkeln des Reiches kaum noch intakte Strukturen (verlassene Oase, zerstörtes Kloster) Es gab aber auch Widerstand und ich sehe die Gruppe der Reiter nicht als Kommunisten. Im Gegenteil, hätte sich herausgestellt daß die Flüchtigen Russen wären, es hätte übel für sie ausgesehen. Es war im Grunde egal wer sie waren, solange sie keine Russen waren. Die hätte man umgebracht. Und das eherne Gesetz der Gastfreundschaft, heilig in gewissen Kulturen selbst in Kriegszeiten, lies ihnen einen Sack Wasser durch einen Boten zukommen. Wenn der Autor ein Gefühl der Bedrohung vermisst, dann weil er nicht begriffen hat, worum es in diesem Film geht. Jeder dieser Männer trug einen emotionalen Panzer ohne den er zusammengebrochen wäre. Durchhalten, weitermachen, vorwärts. Sie waren schon erschöpft als die Reise begann, Streit untereinander wäre reine Energieverschwendung gewesen und man wußte fast nichts voneinander. Das war auch nicht wichtig. Wichtig war, sich im Gelände zu orientieren und voranzukommen. Der Film hat mich positiv überrascht, gute Story, glaubhafte Charaktere. ***


Klaus Neumann

Leider ist es mir nicht möglich zu diesem Film einen Kommentar abzugeben.
Der Film hat es offensichtlich nicht in unsere Kinos geschafft obwohl viele ihn gerne gesehen hätten.
Aber unsere Filmzensoren waren schneller.
Womöglich waren wieder einige Szenen nicht für den deutschen Betrachter bestimmt. Leider ist es nun in ganz Deutschland üblich, dass Filme arg beschnitten oder uns völlig vorenthalten werden. Früher tat man das in der ehemaligen DDR. Inzwischen sind wir alle entmündigt.


O. Zallap

@Klaus Neumann:
Filmzensoren??
1.) Wer entscheidet denn ihrer Meinung nach, welche Filme zensiert werden und welche nicht?
2.) Welche Inhalte werden denn ihrer Meinung nach zensiert?

Wenn Sie oben auf Kinoprogramm klicken, sehen Sie, dass der Film in einigen Kinos gezeigt wird. Die meisten Programmkinos zeigen Filme eh zeitverzögert und nicht sofort (wie hier ab 30.6.)


Klaus Boos

Ich möchte meinem Vorredner (munabib) weitgehend zustimmen.
Nicht der Film, sondern die Kritik scheint die Welt des GULAG und seiner inneren Gesetzlichkeit nicht zu kennen. Über 1000 km vom Baikalsee entfernt erübrigt sich eine grossangelegte Jagd durch die "Organe" - die unbarmherzige Natur (wie der Kommandant des Lagers einleitend auch mitteilt) übernahm diese Rolle nur zu gründlich. Erfolgreiche Fluchtversuche waren äußerst selten - entweder verhungerten die Flüchtlinge - oder sie wurden durch die Einheimischen (meistens keine Russen sondern dort ansässige Minderheiten) gegen Prämien an die staatlichen Organe ausgeliefert.
Zwei Aspekte trifft der Film recht gut: Die Rolle der "Urkas" - der Kriminellen im Lager wird gut getroffen und in meinen Augen durch Colin Farell (Valka) ziemlich überzeugend dargestellt.
In der Figur des polnischen Mädchens werden die Schrecken der Kolchose (die eigentlich NIRGENDS überzeugend dargestellt werden) zumindest entfernt angesprochen - für mich ein Verdienst.
Die Szene am Anfang mit der Frau des polnischen Offiziers ist für Kenner der sowjetischen Justiz dieser Zeit völlig verständlich und logisch.
Munabib stellt in meinen Augen auch völlig richtig fest, dass dieser Film auch ÜBERHAUPT nicht eines dieser endlos langweiligen "Charakterstücke" ist, in denen angeblich verschiedene Charaktere aneinander geraten und solcher Art ein Kammerspiel vor der KULISSE der Naturabziehen. Hier handelt es sich um zusammengewürfelte Menschen die durch ein erbarmungsloses Schicksal zusammengeschmiedet sich durch ein großartiges, selber aber schon an sich grausames Land quälen und dabei noch durch ein zutiefst zerstörtes und entwurzeltes Gemeinwesen flüchten, um noch irgendeinen Lebenssinn zu erreichen.
Wer Russland und diese Zeit nur ein wenig kennt, wird auch die Konsequenz in der Rolle Valkas sehen, der letztlich NICHT aus Russland fliehen will - trotz der vorhersehbaren weiteren Lagerhaft.
Insgesamt ein gut gefilmtes Werk mit guten Schauspielern (der polnische Akzent war so schlecht nicht, meine Frau its Polin) und einem Stück Zeitgeschichte das durchaus noch weiterer Aufklärung bedarf.
Vielleicht sind die Schlußsequenzen etwas plakativ - wirklich stören können sie in meinen Augen aber nur jene, die wesentliche Aspekte der Stalinzeit noch immer nicht wahrhaben wollen.


No Way Out

Es ist ein guter Film, Munabib bringt es aber auf den Punkt. Dem Kritiker in Form von Michael Kienzl gelingt es aufgrund von mangelndem Wissen und Empathie nicht den Film ohne zur Hilfenahme von Hollywood Maßstäben zu bewerten.

Das was da gezeigt wird schreit aus jeder Minute frei Heraus: Hier gehts um nackte Überleben, erstmal zweitranging wofür.

Es ist schade für sie das es in dem Film keine Explosionen zu sehen gab doch man muss ihnen Recht geben das der Film sehr von authentischen Schauspielern profitiert hätte.

nwo


Heinz

The Way Back ist eine gut genachter Film der sich im einen großen Kino super macht. " Gulag " Filme hat es in den 80er auch schon gegeben , nur waren die Maßstäbe andere . z.B mit Ken Wall die sich mit der Stalinzeit auseinandergesatzt haben .

Ich sage nur nochmal Ansehen .


Martin Zopick

Es ging Peter Weir nicht um einen Ausbrecherfilm aus dem Gulag im üblichen Sinne. Wenn man den Anfang bedenkt und besonders das lange Ende, so ist hier der Weg das Ziel. Die erschütternde Eingangsszene zeigt wie durch den Verrat der eigenen Ehefrau ein Unschuldiger ins Straflager kommen kann. Das steht symbolisch für Stalins System der Massenverurteilung. Und am Ende gibt es Zusammenfassung vom Zusammenbruch des Kommunismus mit der Solidarnosz, dem Eisernem Vorhang und dem Fall der Berliner Mauer.
Dazwischen versucht eine Gruppe von sechs Männern sich vom Gulag nach China/Indien durchzuschlagen. Klar dass das gelingt. Hier stehen die Strapazen im Vordergrund. Es gibt wenig Spektakuläres. Nur Schneestürme, Sandstürme etc. Ein Überlebenskampf, der für die Hälfte der Teilnehmer über die Grenze der Ausdauer hinausgeht.
Die Idee stammt von Janusz einem Polen (Jim Sturgess). Er wird auch als letzter abtreten, nachdem er am Ziel ist. Er ist quasi der Kopf der Truppe. Daneben beeindruckt noch Ed Harris als ‘Harter Knochen‘, den erst die einzige Frau Irena (super Saoirse Ronan) auf die emotionale Schiene schubsen muss. Als Typ überzeugt hier noch Valka (Colin Farrell). Mit Tattoos übersäht sticht er schon mal zu. Er ist ein echter Verbrecher. Er wird die Grenze nicht überschreiten. Die UdSSR ist sein Gefängnis. Damit beginnt auch der Auflösungsprozess der Gruppe. Sie haben kein gemeinsames Ziel: den Ausbruch. Manche rafft der Tod dahin, Ed geht nach Lhasa. Andere landen an der Chinesischen Mauer. Wir sehen schier unmenschliche Strapazen im Wechsel mit langen Gesprächen vor einer eindrucksvollen, weil auch äußerst abwechslungsreichen Kulisse. Das ist gute Unterhaltung. Gemessen an der Mainstreamskala liegt der Film im oberen Drittel.






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