The Loneliest Planet

Mit dem Rucksack und der Toleranz durch die Welt. Julia Loktev enthüllt die Fragilität einer gespielten Gleichberechtigung.

The Loneliest Planet 1

Einsamkeit? Weit gefehlt. Nica (Hani Furstenberg) und Alex (Gael García Bernal) sind ein glückliches junges Pärchen. Auch wenn Regisseurin Julia Loktev auf eine traditionelle Figureneinführung verzichtet, wird schnell klar, dass die Rucksacktour durch Georgien, auf der wir sie begleiten, nicht ihre erste gemeinsame Reise ist. Bei einer Wanderung durch die Berge genießen sie die Zweisamkeit in einer atemberaubenden Landschaft, geben sich aber auch alle Mühe, Bergführer Dato (Bidzina Gujabidze) auf Augenhöhe zu begegnen, Gemeinsamkeiten und Gesprächsthemen mit dem einigermaßen Englisch sprechenden Einheimischen zu suchen. Kurz: Nica und Alex sind nicht nur charmant und witzig, sondern auch wenig angreifbar für die üblichen Vorwürfe an ignorante Touristen in fremden Ländern. Sie zeigen Neugier am Anderen und lassen Berührungsängste vermissen. Alles könnte so einfach, alles könnte so schön sein.

Doch mit einer auf wenige Ereignisse reduzierten Handlung zeigt Loktev bald, dass diese fehlenden Berührungsängste, diese bewundernswerte Toleranz Teile des Problems sind. Das gelingt ihr gerade deshalb, weil sie nicht die offensichtliche Arroganz westlicher Touris zum Ausgangspunkt nimmt, sondern das sympathische Draufgängertum von Nica und Alex. Schon der Titel deutet an, dass Loktev die Reiselust ihrer Protagonisten eher dekonstruieren als bestätigen will, und die überraschenden Schnitte, welche die Fröhlichkeit der ersten Sequenzen jäh unterbrechen, bereiten das subtile Drama vor, das sich in diesem Film abspielt.

The Loneliest Planet 4

In The Loneliest Planet spüren wir die durch kein Lächeln der Welt zu überwindende kulturelle Grenze zwischen den Touristen und ihrem Bergführer. Wenn Dato eher beiläufig Kommentare macht, die westlichen Moralvorstellungen eigentlich zuwiderlaufen, und Nica und Alex zu höflich sind, um zu widersprechen, verschränken sich kulturelle und klassenspezifische Hierarchien zu einem Dilemma, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Und wenn der Georgier erzählt, dass seine einzige „Reise“ ein verzweifelter und kreditfinanzierter Ausbruch war, um seine Frau in Europa zu suchen, dann wird jede Sicht auf die drei als Freunde aus unterschiedlichen Kulturkreisen absurd. Nica und Alex werden niemals gezwungen zu reisen, Dato wird niemals aus Lust reisen können. Die Welt treibt sie alle in die Ferne, die einen aus Langeweile, aus Suche nach dem Abenteuer, die anderen aus Hoffnungslosigkeit. Subtil bringt Loktev die unterdrückten Machtverhältnisse ans Licht, die unter dem Deckmantel der bunten Vielfalt verschwinden.

The Loneliest Planet 2

Ebenso beiläufig gelingt Loktev ein Kommentar zu ähnlichen Hierarchien im Geschlechterverhältnis. Es genügt eine unangenehme Begegnung mit einem georgischen Gewehrträger, ein kulturelles Missverständnis, das Alex kurzzeitig zwischen spontanem Selbstschutz und (deutlich weniger instinktivem) „Beschützerinstinkt“ schwanken lässt. Eine absurde Situation, die nur wenige Momente andauert und die doch eine gewaltige Aussagekraft hat. Danach nur noch knappe Dialoge, Anspielungen, Blicke – vor allem Ungesagtes, das Sicherheiten erschüttert, die Fragilität der anfangs so entspannten und harmonischen Beziehung enthüllt. Mit äußerst wenigen Mitteln und ohne jegliche Didaktik illustriert Loktev die Wirkung herrschender Geschlechtervorstellungen noch in den scheinbar egalitärsten Beziehungen. Nika ist es, die sich als emanzipierte Frau in der Bergwüste von Georgien schließlich doch abhängig fühlen muss. In diesem Aspekt erinnert The Loneliest Planet an Maren Ades ähnlich aufgebauten Film Alle Anderen (2009).

The Loneliest Planet 5

Porträt einer neuen Generation junger Amerikaner, Kritik an der Verschleierung sozialer Hierarchien in Zeiten von Multikulti-Kitsch und Diversity Management, feministische Parabel auf ein noch immer patriarchal organisiertes Beziehungsmodell. Das Schöne an The Loneliest Planet ist, dass man alle diese Elemente finden kann, sie aber niemals zu einem „Thema“ werden, das den Film diktiert. Wir finden diese Dinge vor, wie wir sie in unserem Alltag vorfinden. Loktev arbeitet sie zwar heraus, das geht aber niemals auf Kosten des filmischen Erlebens. Dass wir erst nach dem Film so richtig über die komplexen Subtexte nachdenken wollen, vorher aber ganz bei Nica und Alex sind, das liegt vor allem am faszinierend intuitiven Spiel der drei Hauptdarsteller. Loktev und ihr Cast lassen den Eindruck entstehen, wir seien nur ganz zufällig Zeuge einer Bergwanderung – und selbst die stark gedehnte, nur durch ein Feuer und Taschenlampen beleuchtete Schlussszene, die sich in einem Drehbuch wohl an der Grenze der Glaubwürdigkeit befinden würde, kommt im Film ganz natürlich daher.

The Loneliest Planet 3

The Loneliest Planet ist ein dialog- und handlungsarmes Kammerspiel in weiter Landschaft. Es zeigt ein zufriedenes, junges Pärchen auf Reisen, mit einer dem armen Reiseland angemessenem Demut und Toleranz ausgestattet. Julia Loktev gelingt es zu enthüllen, wie viel Konfliktpotenzial noch aus dieser einfachen Konstellation zu holen ist und wie sehr unsere fröhlich globalisierte Welt auf vielfältigen und ineinander verschränkten Formen von Ungleichheit und sozialen Hierarchien beruht, die nicht einfach wegzutolerieren sind. Diese Skepsis gegenüber einer auf zwischenmenschlicher Verständigung beruhenden Veränderung ist schließlich Substanz des Filmtitels, der dem Werk eine weitere Nuance hinzufügt. Mit den schwindenden Distanzen befinden wir uns auf diesem Planeten zwar stets in „bester Gesellschaft“, sind aber doch so verloren wie Nica in den Weiten georgischer Berge.

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Kommentare


holgermichael

Klasse Kritik!


sk

interessanter, spröder film und eine gelungene kritik.






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