Der Hobbit: Eine unerwartete Reise

Stolpersteine auf dem Weg zum Topf voll Gold: Über das künstlerische Scheitern und den politischen Skandal bei der Herstellung von The Hobbit.

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Wer am Abenteuer teilnehmen will, muss erst den Vertrag unterzeichnen. Und der hat es in sich: In Bilbo Beutlins (Martin Freeman) Händen entfalten sich die Bögen wie ein Himmel oder Hölle-Spiel; Zusatzblätter voll mit Kleingedrucktem, Klauseln zu Entschädigungsansprüchen, Vergütungsregelungen und so weiter. Ein Knebelvertrag? Gandalf, der Zauberer (Ian McKellen), und der Zwergenführer Thorin Eichenschild (Richard Armitage) haben schon unterzeichnet, Bilbo zögert noch.

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In Tolkiens Buchvorlage zu Der Hobbit: Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey) existiert diese Szene so nicht. Dort gibt es nur einen Brief der 13 Zwerge mit einigen spöttischen, in Juristenenglisch verfassten Bestimmungen zur Entlohnung, sollte ihre Mission denn glücken. Es geht um viel Gold (einst angehäuft von den Bergbauzwergen), aber auch um viel Gefahr (durch den Drachen, der sein Nest auf dem Goldhaufen gebaut und den Zwergen ihre Heimat geraubt hat). Auf dem Weg nach Hause und zu den Reichtümern lauern allerlei Orks, Totenbeschwörer, Trolle, Riesenspinnen, insgesamt viel Spaß für die Abenteurer und das Kinopublikum. Also warum nur dieses explodierende Vertragswerk zu Beginn?

Um das zu verstehen, muss man aus den digitalen Elfenwunderwelten Mittelerdes kurz ins ganz wirkliche Neuseeland springen, wo die bis dato teuerste Kinoproduktion aller Zeiten gedreht wurde. Da gab es nämlich in Gestalt der ansässigen Schauspielergewerkschaft auch ein paar Spielverderber, die an Sir Peter Jacksons Riesenabenteuer erst teilnehmen wollten, wenn vorher das Vertragliche geregelt würde.

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Die New Zealand Actors Equity (NZAE) versuchte, mit Warner Bros. einen gemeinschaftlichen Tarifabschluss für alle am Hobbit beteiligten Schauspieler zu erstreiten, da diese als „freie Vertragspartner“ wie einfache Angestellte behandelt würden, ohne aber deren Rechte auf gewerkschaftliche Vertretung zu haben. Mit einem Boykottaufruf ging die NZAE in die Offensive: Niemand unterschreibt, ehe man nicht auf ihre Forderungen eingegangen ist. Inwieweit diese überzogen gewesen sein mögen und ob die NZAE möglicherweise zu starken Druck auf potenzielle „Streikbrecher“ ausgeübt hat, kann jeder für sich entscheiden (und sich hier schlau machen). Fakt ist, dass die hinter Der Hobbit stehenden Produktionsfirmen und ein sich anscheinend persönlich beleidigt fühlender Peter Jackson unerbittlich zurückschlugen. Man drohte „nach Osten“ zu gehen (in die Tschechische Republik, wo die Arbeitsbedingungen investitionsfreundlicher sind) und Neuseeland die 500 Millionen Produktionskosten vorzuenthalten – von den damit verknüpften verlorenen Einnahmen in der Tourismusbranche und den schlechten Aussichten auf neue Großinvestitionen ganz zu schweigen.

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Peter Jackson, dem die vielen Kriege seiner Fantasiewelt wohl ebenso zu Kopf gestiegen sind wie die jeden Rahmen sprengenden Projektgrößen seiner aufpolierten B-Movies, tat sich besonders übel hervor. Er verteufelte die Schauspielergilde und beschuldigte deren Mitglieder, willfährige Diener in den Händen ihrer australischen Kollegen zu sein. Überhaupt seien die Kiwis bedroht von den Erzfeinden des dunklen Reiches Down Under. Die neuseeländische Regierung intervenierte, machte einen Deal mit Warner Bros., in dem sie sich verpflichtete, per Eilverfahren ein Ausnahmegesetz durchs Parlament zu prügeln, das frei angestellten Schauspielern einen gewerkschaftlichen Zusammenschluss untersagte. Im Gegenzug würde Jackson einen Werbeclip für die neuseeländische Tourismusindustrie drehen. Diese Geschichte, für Tolkiens Welten vielleicht etwas zu alltagsgrau, wurde seitdem als The Hobbit Dispute bekannt. Und das klingt doch schon wieder wie ein Kapitel aus dem Silmarillion.

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Wenn Bilbo Beutlin also mit dem widerspenstigen Papier rumhantiert, dann tritt Peter Jackson hinter der Kamera noch einmal gehörig nach gegen seine Widersacher von der NZAE. Klar, Bilbo unterschreibt am Ende, wie auch die Schauspieler alle unterschrieben haben, denn hie wie da geht es ja um den großen Topf voll Gold. Aber wenn man den fertigen Film sieht, muss es einen fast bestürzen, dass für ein so erschreckend misslungenes Werk quasi ein ganzes Land in Geiselhaft genommen wurde. Im Vergleich zu Jacksons teils unmotiviert sich hinziehenden Möchtegernepos liest sich die Chronik der Arbeitskämpfe wie die wahre Abenteuergeschichte von Der Hobbit.

Es war eine offensichtliche Fehlentscheidung, das Hobbit-Projekt zu einer Filmtrilogie auszuwalzen. Viele Szenen, vor allem in der ersten Filmhälfte, wirken zu lang, erfolglos um Komik bemüht und schlicht billig inszeniert. Die unerbittlich scharfen 3D-Bilder offenbaren ihre Studioherkunft in jedem Moment, Bilbos Höhle sieht aus, als sei sie für eine ARD-Doku über Mittelerde eingerichtet worden, nicht aber wie Teil einer magischen Welt. Die Zwergenschar soll ein wilder, komischer Haufen sein, nervt aber fast von Beginn an mit ihren grotesken Masken und ihren unsinnigen Possen. Jackson versucht, der eher auf ein Kinderpublikum zugeschnittenen Sprache des Buches zu Beginn noch mit leichter Komödie gerecht zu werden, aber die Witze zünden nie.

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Wie soll man auch Situationskomik erzeugen, wenn per „Slave-Mo-Co“-Verfahren die Schauspieler an zwei unterschiedlichen Sets zugleich spielen müssen, damit die perspektivischen Verhältnisse stimmen? Allein das sagt viel über Jacksons Schauspielverständnis aus: Immer kommt die Technik zuerst, und würde sich dieser Aufwand nicht ab und an in zugegebenermaßen fetzigen Effektschlachten selbst legitimieren, man wüsste mit Der Hobbit wirklich nichts anzufangen. In der zweiten Filmhälfte wird es wieder dunkler, man nähert sich dem Ton der Herr der Ringe-Filme. Daher kann für die zwei folgenden Teile zumindest erwartet werden, dass sie in Maßen die Entbehrungen rechtfertigen, die Jackson seinem Heimatland, seinen Schauspielern und seinen Zuschauern zugemutet hat. Bis dahin bleibt Der Hobbit ein Skandal, sowohl in politischer wie künstlerischer Hinsicht.

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Kommentare


Legolas

Ich muss leider ausnahsweise mal dieser Kritik zustimmen! Die gestrige langerwartete Vorpremiere war fast ausnahmslos eine riesige Enttäuschung! Mir haben die gewohnt aufwändigen und sensationellen Details der Masken, Kostüme, Waffen, Schmuck und Sets total gefehlt. Mir schien dass fast jede Szene mittels sicher aufwendigen Computeranimationen "gedopt" wurde, keine Kreatur schien echt schauspielerisch gemeistert!
Die total lächerlichen Zwerge sind doch ein Schlag ins Gesicht jedes HDR Fans! Was sollen zudem über Gewürze streitende Drolle, ein mit Vogeldreck bekleckerten Grüner Zauberer der einen Igel zu stillen scheint und einen völlig lächerlichen Hasen-Schlitten fährt, Elfen auf Hirschen? Schauspielerisch - naja, sorry, aber auch keine Glanzleistung, wobei dies sicher auf die Regie zurück führt. Peter Jackson scheint wohl sein grosses Talent und die tollen Ideen meist in die neue sicher geniale Technik des Digitalen Filmdrehens eingesetzt zu haben! Oder ob es daran lag, dass die jetzt plötzlich 4 Produzenten ihm da wohl zu stark rein geredet haben? Eine grosse Enttäuschung!
Zum Schluss muss ich aber dennoch etwas positives sagen: der 3D Effekt war mindestens hier sehr gekonnt und wohl einer der Besten bisher!


cardigans

Selten so eine tendenziöse Rezension gelesen... Schade!


Gemmasan

Diese Kritik ist eine Gemeinheit! Der Film war toll, der Humor hat gepasst, die Dramaturgie einwandfrei und die erste "langweilige" Hälfte erstens garnicht so langweilig wie beschrieben und zweitens nötig, um den Charaktären einen würdigen Einstieg zu verschaffen! Das einzige was wirklich zu bemängeln wäre (subjektiv) ist die deutsche Synchronisation. Der Rest passt und unterhält!


Eric

Komisch auch, dass noch immer die von Gandalf gerufenen Adler jede Situation klären können. Haben wir uns nicht schon im „Der Herr der Ringe“ gefragt, warum alle Beteiligten nicht einfach zum Schicksalsberg geflogen sind und den Ring einfach reinwerfen?


Wolfgang

ja,dIe Kritik ist ok..ich emfand das ähnlich..,da bin ich ein Fan von Peter Jackson..aber beim Hobbit ist manches nicht so gut gelaufen-schade..ich kam enttäuscht und traurig aus dem Kino..die Orks wirkten zu animiert und zuviel auf Technik geglänzt als auf Inhalt. Manche Szenen waren zu ähnlich übernommen wurden aus Herr der ringe,anscheinend wollte Peter Jackson eine Verknüpfung schaffen,was so gekünzelt aber aus sah. Aber es gab auch schöne Szenen die bewegt hatten..aber mit Herr der Ringe kann man den Hobbit nicht vergleichen. Gut der Film hat unterhaltngswert,aber mit den 48 f HD kann ich mich nicht anfreunden..hoffentlich gefällt der mich in 2 D 24 f besser. Ich muss mein Traume erstmal verarbeiten,weil ich große Vertrauen auf diesen Film setzte und Erwartungen. Peter mach mal wieder ein Splätter,das reinigt !


Ines

Wer mit den Erwartungen an die grandios produzierten Filme aus „HdR“ in „den Hobbit“ geht wird enttäuscht werden.
Die imposante Leistung aller Schauspieler, die die HdR Filme durchweg getragen haben und sich dort entwickeln konnten , ist kaum vorhanden oder kann sich im Hobbit kaum entwickeln, da weitgehend auf special Effects und Computeranimation gesetzt wird.
Der Hobbit setzt weniger auf die schauspielerisch überzeugende Darstellung der Figuren wie Gandalf, Bilbo, Thorin Eichenschild, .. ( wobei an ihrem Vermögen nicht zu zweifeln ist), sondern auf die imposante digitale Aufbereitung der Gesamtszenerie. Schade!
Die teilweise lächerlichen bis peinlichen Szenen der Zwerge schmälern den Eindruck des Films ebenso, wie die überhand nehmenden und stark in die Länge gezogenen Filmanteile mit computeranimierten Orks, Orkschlachten und schlittenziehenden Kaninchen.
Hier ist auch wieder der im Nachteil, der das Buch gelesen hat. Das Buch hätte man spielend in zwei, dann sicher auch angemessenen Filmen unterbringen können.
Was den von mir sehr geschätzten Peter Jackson geritten hat, die knapp 300 Seiten Buchvorlage auf drei Filme zu strecken, lässt nur Kommerzstreben vermuten.
Die beiden folgenden Filme werde ich mir sparen, was schon etwas heißen will. Die HdR Filme habe ich mir jeweils 2-3 Mal angeschaut habe. Diese Trilogie ist für mich das Maß aller Filme und wird es augenscheinlich noch lange bleiben.


Kamil

Egal wie man diesen Hobbit Film gedreht hätte, die Rezension wäre wohl genauso ausgefallen... Die meisten Menschen sehen Filme aus einem anderen Blickwinkel als ihr Kritiker und in den meisten Kritiken wird 3D bemängelt. Dann schaut es doch in 2D und urteilt darüber????? Ich weiss ja nicht was ihr immer erwartet, aber schraubt mal eure Erwartungen runter oder macht es besser!!!


cst

Das einzige was hier langweilt, sind überlange Pseudo-Rezensionen wie die vorliegende, die alle wie voneinander abgeschrieben wirken. Ich fand den Film einfach nur großartig. Danke an Peter Jackson und an sein Team für die perfekte Umsetzung, das viele Herzblut und den unvergleichlichen Tolkien Spirit. A journey to middle earth again.






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