The Doors - When You're Strange

Tom DiCillos Dokumentation über eine der populärsten Bands der 1960er Jahre übt sich im Eingrenzen des Morrison-Mythos und gießt doch mehr Öl ins Feuer.

The Doors - When You're Strange

Egal was er tat, Jim Morrison sei immer „echt“ gewesen, er habe nie gespielt. Das sei das Geheimnis seines Charismas. Bandkollege Ray Manzarek behauptet dies in der Dokumentation No One Here Gets Out Alive: A Tribute to Jim Morrison (1981). Beim Anblick von Tom DiCillos Versuch, den Mann hinter dem Mythos zu beleuchten, bekommt man jedoch den gegenteiligen Eindruck: dass Morrison gerne in Rollen schlüpfte und posierte und dass er als Performer weitaus talentierter war denn als Texteschreiber.

Für den offensichtlichen Fan DiCillo (Delirious, 2006) ist Morrison „ein Poet, dessen Seele zwischen Himmel und Hölle gefangen war“, „gleichzeitig unschuldig und profan“, mit Lederhosen, die „so designt waren, dass sie sein Geschlechtsteil betonten“. The Doors – When You’re Strange ist ähnlich tiefsinnig und entmystifizierend wie Oliver Stones Pulp-Biopic The Doors (1991) – und dabei trotz oder gerade wegen seines häufig albernen oder pathetischen Off-Kommentars nicht weniger unterhaltsam.

The Doors - When You're Strange

DiCillos erste Dokumentation nach sechs Spielfilmen eröffnet mit einem schauspielernden Morrison, wie er als Hauptdarsteller seines selbst produzierten und lange verschütteten Experimentalfilms HWY: An American Pastoral (1969) durch eine Wüste fährt. Vom Rockstardasein ausgebrannt und vom übermäßigen Alkoholkonsum aufgeschwemmt, wollte der ehemalige Filmstudent Ende der 1960er Jahre ins Regiefach wechseln. Die hier veröffentlichten Szenen des gemeinsam mit Kameramann Paul Ferrara gedrehten Roadmovies wecken allerdings Zweifel, ob diese Karriere erfolgreich verlaufen wäre. Und DiCillos Inszenierungseinfall, Morrison im Autoradio die Nachricht seines eigenen Todes hören zu lassen, könnte ebenfalls einem schlechten Studentenfilm entstammen.

The Doors - When You're Strange

Nachdem Keyboarder und Orgelspieler Ray Manzarek in No One Here Gets Out Alive kaum erwähnenswerte Einsichten über den „Lizard King“ preisgab und sich weigerte, an Oliver Stones fiktionalem Porträt mitzuwirken, hat er DiCillos Film zwar unterstützt, tritt darin aber genauso wenig wie Gitarrist Robby Krieger und Schlagzeuger John Densmore vor die Kamera. Auf Interviews mit Zeitgenossen verzichtet DiCillo vollkommen. Stattdessen präsentiert er mit den von Johnny Depp bedeutungsvoll vorgetragenen Kommentaren seine subjektive, leider oft klischeereiche Sicht der Band und ihres drogenaffinen Frontmannes, dessen „Unschuldsverlust“ er recht bemüht und teils historisch verzerrend mit dem der USA in den 1960er und frühen 70er Jahren verbindet, mit dem Attentat auf Martin Luther King oder den Charles-Manson-Morden.

The Doors - When You're Strange

Francis Ford Coppola hat in Apocalypse Now (1979) den Abwurf von Napalm-Bomben mit „The End“ untermalt. Auch DiCillo thematisiert den Vietnamkrieg, gegen den die Band mit dem Song „The Unknown Soldier“ protestierte und an dem Morrisons Vater als Marineoffizier aktiv beteiligt war. Eine Live-Version von „The End“ muss in When You’re Strange – sehr originell – als Abschlusslied dienen. Parallel dazu montiert der Regisseur altbekannte Archivaufnahmen von eskalierten Studentenprotesten und einem erschossenen Bobby Kennedy, bevor er sich die Peinlichkeiten nicht verkneifen kann, Morrisons Tod in Paris im Alter von 27 Jahren mit einem ausgehenden Streichholz zu bebildern und uns mit dem Resümee „You can’t burn out if you’re not on fire“ zu entlassen.

The Doors - When You're Strange

DiCillos weitgehend chronologische, mitunter etwas sprunghafte Umsetzung wirkt insgesamt zu uninspiriert und von der Legendenbildung um Morrison geblendet. Die Bedeutung der Band für Teile ihrer Generation, die hier als „Jugendbewegung“ über einen Kamm geschoren wird, oder ihren Einfluss auf andere Musiker vermittelt die Dokumentation nur an der Oberfläche und ohne einen überzeugenden individuellen Blickwinkel. Sehens- und hörenswert sind vor allem die neu ausgegrabenen Konzert-, Studio- und Privatvideoaufnahmen aus den Jahren 1966 bis 1971. Bilder von Morrison auf und hinter der Bühne, mit Fans, Journalisten oder Flugzeugpersonal offenbaren mehr von seinem Charakter inklusive Selbstdarstellungskünsten und Persönlichkeitsschwankungen als DiCillo mit einer Plattitüde wie „War er brillant oder brillant kalkulierend?“ oder einer Definition des Sängers als „altertümlicher Schamane“.

When You’re Strange schließt mit dem Hinweis, dass bis heute kein Song der „Doors“ für eine Autowerbung verwendet wurde. Bislang auch noch für keinen Film, der tiefer als nur am Lack der Bandgeschichte kratzt.

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