Das brandneue Testament

Gott ist ein Arschloch, und seine Welt ist ein Vergnügungspark, dessen Attraktionen nicht viel Abwechslung bieten.

Das brandneue Testament 03

Gott (Benoît Poelvoorde) liebt seinen Job. In seinem Arbeitszimmer, das von einer endlosen Wand aus Karteischubladen gesäumt ist, entwirft er an einem von halbleeren Whiskeyflaschen und Aschenbechern umstellten Computer seine Welt: Flugzeugabstürze, Umweltkatastrophen, Kreuzzüge, Murphy’s Law und der Toast, der immer auf die Marmeladenseite fällt. Überhaupt ist der in Bademantel und Unterhemd gehüllte Weltenschöpfer ein ziemliches Arschloch. Beim Abendessen schreit er seine Frau (Yolande Moreau) und seine Tochter Ea (Pili Groyne) an, die in seiner fensterlosen Welt aus Sportfernsehen und schlechter Laune gefangen sind. Der älteste Sohn JC hat sich bereits aus dem Staub gemacht. Bevor die Exposition von Das brandneue Testament aber zu einer überlangen, wenn auch sehr komischen Sitcom wird, zieht Ea die Reißleine und setzt den sadistischen Späßen ihres Vaters ein Ende. Sie schleicht sich in sein Büro, schickt den Menschen ihre Todesdaten als Nachricht und zieht, wie einst ihr Bruder, aus, um den Menschen ein neues Testament zu bringen. Dafür braucht man schließlich nicht mehr als ein paar Apostel und jemanden, der ihre Geschichte aufschreibt. Ea ist nicht wählerisch: Ein blinder Griff in die Karteischubladen ihres Vaters genügt ihr, um ihre sechs Gesandten zu erwählen.

Die fabelhafte Welt der Apostel

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Diese sechs Menschen erzählen Ea in Das brandneue Testament ihre Geschichten. Sechs Evangelien, die Jaco Van Dormael in ein Sammelsurium von filmischen Ideen verwandelt. Dabei kreiert er mit den Geschichten der Apostel immer neue Episoden, die ihm, ähnlich wie schon in seiner Sci-Fi-Romanze Mr. Nobody (2009), als üppige Spielplätze der Bildsprache dienen. Die Welt des kleinen Willy erscheint nur in seinen Brillengläsern scharf. Ein winziger Fleck auf der Leinwand, der unser einziges Fenster in die Welt des todkranken Jungen bleibt, während seine Eltern und seine Umwelt im tiefen Grau des Nebels verschwinden. Es folgt die Geschichte des hypersexuellen Marc. Wir beobachten, wie er als Kind ein riesiges Loch in den Sand gräbt, während sein erwachsenes Alter Ego von seiner ersten Begegnung mit einem Mädchen erzählt. Von hier an rutscht sein Leben in den trostlosen Alltag zwischen Arbeit und Sexkino ab, während uns die Kamera mit der Fahrt zurück in die Leere des bodenlosen Lochs von Marcs Kindheit führt und somit die visuelle Klammer schließt. So eindrucksvoll Van Dormael hier die Möglichkeiten der Kinematografie auslotet, so schwer tut er sich damit, sich von dieser Episodenhaftigkeit zu lösen, mit der er alsbald auf der Stelle tritt.

Das brandneue Testament 01

Dennoch lässt es sich der Film nicht nehmen, alle sechs Schicksale in visuellen Experimenten aufzubereiten. Dabei fällt auf, dass sich die Apostel nicht so sehr unterscheiden, wie es Eas Schubladenauswahl und die Bildsprache suggerieren. Sie alle sind vereinsamte Menschen, die durch ihr physisches oder seelisches Trauma zu Außenseitern wurden. Daran ist die ersten vier Episoden nichts auszusetzen, doch Van Dormaels uferlose Aufbereitung der charmanten Underdogs wird sukzessive immer ärgerlicher. Da helfen auch Eas Therapien in Form von Träumen nicht, in denen sie wahlweise tanzende Körperteile oder singende Fische auf dem Küchentisch zaubert. Sie bleiben Schauwerte, die in ihrem kitschigen Grundton mehr und mehr an Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) erinnern.

Jeder Witz ist eine kleine Revolution

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Van Dormaels Inszenierung wirkt in der Folge sehr bemüht darin, diesen Grundton wieder zu dekonstruieren. Ständig wiederkehrende Zwischensequenzen, eine Folge des „Deathleaks“, wie die Medien Eas Aussendung der Todesdaten an die Menschheit nennen, erinnern durchaus glaubwürdig daran, dass wir uns noch im Dunstkreis der Komödie befinden. Derweil endet ein von den Aposteln initiierter letzter Marsch zum Strand in der Erkenntnis, dass die Idee, seine letzten Stunden am Meer zu verbringen, nicht gerade originell ist. Van Dormaels Hauptkomplize in der Subversion des Kitschs bleibt aber der schwarze Humor. Im Film repräsentiert durch den Allmächtigen selbst, der in kleinen Portionen immer wieder fluchend mit der von ihm selbst kreierten Welt kollidiert und so versucht, diese wieder geradezurücken. Gottes Suche nach seiner Tochter und sein Kampf mit den von ihm kreierten Missständen der Welt bleiben der unterhaltsamste Teil des Films, vielleicht gerade weil hier nicht allzu viele Möglichkeiten bestehen, visuell abzuschweifen. In der Folge fällt den Auftritten des unheiligen Vaters jedoch wieder deutlich weniger Erzählzeit zu als den Aposteln. Das brandneue Testament mag der schönere Weltentwurf sein, aber es macht einfach nicht so viel Spaß wie das Alte, bei dem die Strukturen noch umgewälzt werden, indem ein Priester Gott mal ordentlich die Fresse poliert.

Trailer zu „Das brandneue Testament“


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