The Bet Collector
Eine Lotterieverkäuferin und ihre Erlebnisse in der Großstadt: Jeffrey Jeturians The Bet Collector bewegt sich auf sonderbaren Pfaden zwischen Sozialdrama, dokumentarischem Impetus und einer Geistergeschichte.
Bevor wir die Hauptfigur kennenlernen, bevor The Bet Collector (Kubrador) damit beginnt, eine Geschichte – oder besser: einige lose zusammenhängende Geschichten – zu erzählen, lernen wir seinen Schauplatz kennen: den Slum einer Metropole auf den Philippinen. Die Handkamera verfolgt gemeinsam mit einem Polizisten einen Kleinkriminellen durch die engen Gassen zwischen den Wellblechhütten. Irgendwann hält es den Flüchtigen nicht mehr auf dem Boden, die Jagd verlagert sich auf die Dächer der behelfsmäßigen Unterkünfte und endet schließlich im Badezimmer einer Frau, welche auf den Ruhestöhrer solange einprügelt, bis dieser erlöst und von den Ordnungshütern abgeführt wird.
Was von diesem furiosen Beginn bleibt, ist ein erstes Gefühl für eine Stadt, die weit mehr ist als nur ein zufälliger, austauschbarer Schauplatz. Im Mittelpunkt des gesamten Films stehen Passagen durch den öffentlichen Raum. Der äußerst agilen Digitalkamera ist nur in zweiter Linie daran gelegen, Figuren innerhalb einer Spielfilmhandlung zu positionieren. In erster Linie geht es darum, den sozialen Raum selbst zu durchdringen und sichtbar zu machen. Tatsächlich ist nicht immer zu entscheiden, wo der reale Slum aufhört und wo der Spielfilm-Slum beginnt. Oder wer von den zahllosen von der Kamera eingefangenen Menschen bezahlter Schauspieler ist und wer nur zufällig anwesend war. Was Inszenierung ist und was Beobachtung. Die langen Erkundungsgänge des Films durch die Enge der Elendsviertel lassen die Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm tendenziell kollabieren auch weil der Regisseur Jeffrey Jeturian die Kontinuität des Realraumes nicht durch Montage zerstört, sondern seinen Schauplatz in langen Plansequenzen präsentiert.
Dennoch ist The Bet Collector nominell ein Spielfilm und hat als solcher eine Hauptfigur. Diese heißt Amelita (Gina Pareño, seit Jahrzehnten eine der bekanntesten Schauspielerinnen der Philippinen), befindet sich im fortgeschrittenen Alter und verkauft Lose der illegalen, aber gegen Zahlung von Bestechungsgeldern geduldeten und immens populären Lotterie Jueteng. Eine ungewöhnliche Protagonistin und zwar nicht nur wegen ihres Alters. Als Identifikationsfigur taugt sie nur bedingt: Für ihren Broterwerb geht Amelita ihren Mitmenschen auf die Nerven und zieht ihnen das letzte Geld aus der Tasche. Um zu überleben, verhält sie sich genauso egoistisch wie ihre Umgebung. In der beklemmenden Enge der Gassen des Armenviertels jedoch ist die existentielle Verzweiflung dieser Frau stets eindringlich spürbar und evoziert eine Empathie, die nie nur Amelita gilt, sondern gleichzeitig allem, was sie umgibt.
Nach dem oben beschriebenen Prolog holt der Film Atem und zeigt Amelita in ihrer ärmlichen Behausung, wie sie eines Morgens ihren faulen Mann beschimpft. Vor der Tür steht ein junger Mann in Militärkleidung. Später, nachdem sie auf ihren Rundgängen durch die Stadt einige Lose verkauft hat, ruht sie sich auf ihrem Bett aus. Ein junger Mann in Militärkleidung beginnt sie zu massieren. Noch etwas später scheint sie sich verlaufen zu haben, die Straßen sind auf einen Schlag menschenleer, hektisch und voller Angst blickt Amelita sich um. Hinter ihr ist zwischen zwei Häusern für einen Moment ein junger Mann in Militärkleidung zu sehen.
Der junge Mann in Militärkleidung ist – zumindest vermutlich, denn allzu auskunftsfreudig ist der Film nicht, was das Privatleben seiner Heldin angeht – Amelitas toter Sohn. Durch die Hintertür schleicht sich eine Geistergeschichte in diesen seltsamen kleinen Film, der bei genauerem Hinsehen nicht nur die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm in Frage stellt.
In den letzten Jahren hat eine Gruppe überwiegend junger Regisseure die Philippinen auf die Landkarte der internationalen Filmfestivals zurückgebracht. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Lav Diaz oder Raya Martin ist Jeffrey Jeturian, der Ende der neunziger Jahre seine ersten Filme realisierte, kein Avantgardist. Zwar wirft The Bet Collector einen neuen, digitalen Blick auf die verelendete Großstadtwelt der Philippinen. Dabei nutzt der Regisseur jedoch eine vergleichsweise konventionelle Filmsprache und steht in mancher Hinsicht in der Tradition eines klassisch sozialrealistischen Kinos, wie es in Jeturians Heimat einst von Regisseuren wie Lino Brocka oder Ishmael Bernal geprägt wurde. Bernals Klassiker City After Dark entwarf im Jahr 1980 ein eindringliches, rauschhaftes Bild der urbanen Philippinen. Die Reflektionen dieses Bildes sind in The Bet Collector, wo immer wieder die Stadt selbst die einzelnen Handlungsfäden aus dem Konzept zu bringen scheint, deutlich erkennbar.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 06.03.2008
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Film-Angaben
Titel: The Bet Collector
Originaltitel: Kubrador
Philippinen 2006
Laufzeit: 98 Minuten
Regie: Jeffrey Jeturian
Drehbuch: Ralston Rover
Produktion: Rogelio I. Rayala
Bildgestaltung: Boy Yniguez
Montage: Jay Halili
Musik: Jerrold Tarog
Darsteller: Gina Pareño, Fonz Deza, Nico Antonio, Soliman Cruz, Jhong del Rosario
Copyright The Bet Collector
Fotos: © Wide Management
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