Tage oder Stunden
Albert Dupontel brilliert im neuen Film von Jean Becker, der sich erst mit herrlich ungenierter Kritik am französischen Bürgertum vergnügt und dann mit Kitsch und Klischee zu Ende geht.
Erfolgreich im Beruf. Verheiratet mit einer schönen Frau. Vater von zwei Kindern. Umgeben von guten Freunden. Besitzer eines netten Häuschens im Vorort von Paris. Antoine Méliot (Albert Dupontel) hat scheinbar alles, um zufrieden zu sein. Dennoch entscheidet er sich eines Tages, all jenes Glück innerhalb von 48 Stunden (oder 85 Filmminuten) zu zerstören. Sein großer Auftritt, der gleichzeitig der große Auftritt von Albert Dupontel wird, beginnt am frühen Morgen. Es fängt damit an, dass er einen wichtigen Kunden beleidigt, kurz darauf seinen Job kündigt und seine Partneranteile zum Verkauf anbietet. Es folgt die Demütigung seiner Schwiegereltern, und zum großen Finish dieses ersten „neuen“ Tages beginnt er einen Streit mit seiner Frau Cécile (Marie-Josée Croze), die ihn einer Affäre bezichtigt, die er zwar nicht hat, aber auch nicht abzustreiten gewillt ist. Nach dem darauf folgenden vorhersehbaren Streit schläft er auf dem Sofa.
Der nächste Tag bringt für Antoine neue Möglichkeiten, seinem Leben eine radikale Wendung zu geben. Es ist nämlich sein 42. Geburtstag; aber wer den Verdacht einer Midlife-Crisis hegt, wird bald eines Besseren belehrt.
Am Abend steigt die große Überraschungsparty mit Freunden, Champagner und Smalltalk bei Antoine zu Hause. Unter den Augen seiner Frau schleicht sich Antoine eher gelangweilt durch die Grüppchen, die seine Freunde bilden. Sein Gesicht hellt sich erst wieder auf, als ihm die Frau eines Freundes in den Keller folgt, um mit den Champagnerflaschen behilflich zu sein. Ihr offenherziges Dekolleté scheint ihm Rechtfertigung genug, um zudringlich zu werden. Beim gemeinsamen Abendessen am großen Tisch lästert Antoine dann lustvoll über die Gesellschaft und will in jedem seiner Freunde einen Heuchler, Geldgierigen oder Lügner erkennen. n den Streitgesprächen läuft Albert Dupontel zur Höchstform auf und monologisiert munter drauflos. Erst als die Runde von der Belästigung jener Frau erfährt und Antoine sich dafür auch noch brüstet, kommt es zur Gegenwehr ihres Ehemanns, was schließlich in einer Schlägerei ausartet.
Jean Becker zieht diese Szene genüsslich in die Länge und lässt Antoine immer neue Beleidigungen in die Runde werfen. Schade dabei ist, dass Antoines Kritik an der bürgerlichen Fassade kaum etwas Neues bietet und nur leicht an der Oberfläche kratzt. Zu hastig kommt er mit einem breitgefächerten Angebot an Erniedrigungen und Vorwürfen daher, die die Themen nur kurz anzuschneiden vermögen. Das Fehlen eines verbalen Gegenspielers bewirkt, dass sie außerdem zu verhallen drohen. Dennoch macht es Spaß, einem boshaften und reuelosen Mittvierziger zuzusehen, der sich Dinge erlaubt, die einerseits fassungs- und verständnislos machen und gleichzeitig ein gewisses Schmunzeln hervorrufen.
Danach verlässt der Film seine tragikomische Linie und macht sich mit Antoine auf den Weg nach Irland, wohin er flieht, um mit seinem Vater, den er 30 Jahre nicht gesehen hat, abzurechnen. Zugleich macht sich Jean Becker auf den Weg, den Zuschauer langsam zu einer plausiblen Erklärung von Antoines Verhalten zu führen. Die Szenen zwischen Vater und Sohn können aber das Niveau der Partyszene nicht halten. Die Vorwürfe des Sohns an seinen Vater haben nichts Überraschendes, und es kostet Mühe, Antoine seine plötzliche Wandlung vom Wüterich zum seelisch Verletzten abzukaufen. Auch Klischee und Kitsch bleiben nicht lange fern und geben dem Film den Touch, den er eigentlich nicht nötig hätte: Er wird pathetisch.
Die bis dahin dauernde, schwer zu fassende Komik wird zum Ende des Films durch Tragik ausgewechselt, was zwar zu Verständnis und Tränen rühren mag, aber nicht der Fassungslosigkeit gleichkommt, die die erste Hälfte des Films so spannend machte. Mit dem Ende nimmt der Film eine Wendung, die ihm jegliche Schlüssigkeit raubt und die Gesellschaftskritik am französischen Bürgertum fast vergessen lässt.
Filmkritik von Miriam Leonardi
Veröffentlicht am 01.04.2009
Kommentare zu Tage oder Stunden
Wwelle 12.12.2009 11:54
Wenn Sie am Abend oder am Wochenende ein gutes Buch lesen und über einige Lebenserfahrung verfügen, dann wird dieser Film Ihnen viele Anregungen zu sehr interessanten und tiefgründigen Gesprächen liefern.
Das Mitsichselbstklarkommen und Mitseinempartnerleben stellt der Film deutlich überzeichnet dar.
In abgeschwächter Form können wir aber alle Aspekte im täglichen Leben wiederfinden. Wer mutig ist findet alle Aspekte auch bei sich und bei seinem Partner.
Der Film gibt uns auf angenehme Weise die Möglichkeit unangenehme Fragen an uns selbst und über unsere eigenen Lebensumstände zu stellen.
Oder aus der entgegengesetzter Richtung kommend: Der Film gibt uns auf angenehme Weise die Möglichkeit unangenehme Fragen an unsere Nächsten und über deren Beziehungen zu stellen.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Tage oder Stunden
Originaltitel: Deux jours à tuer
Frankreich 2007
Laufzeit: 85 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Jean Becker
Drehbuch: Eric Assous, François d’Epenoux, Jean Becker
Basierend auf dem Roman Deux jours à tuer (2001) von: François d’Epenoux
Produktion: Louis Becker
Bildgestaltung: Arthur Cloquet
Montage: Jacques Witta
Musik: Alain Goraguer, Patrick Goraguer
Darsteller: Albert Dupontel, Marie-Josée Croze, Pierre Vaneck, Alessandra Martines, Cristiana Reali, Claire Nebout, François Marthouret
Kinostart: 30.04.2009
DVD-Angaben
Titel: Tage oder Stunden
Vertrieb: Indigo
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 84 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial.
Verleih ab: 27.11.2009
Verkauf ab: 28.11.2009
Copyright Tage oder Stunden
Fotos: © Arsenal
BERLINALE 2012

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