Stille Seelen

Eine Ode an die Liebe – und ans Patriarchat.

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Es beginnt mit dem Kauf von zwei Spatzen. Aist (Igor Sergeyev) ist fasziniert von den Vögeln, stellt sich den Käfig auf die Fensterbank und beginnt zu schreiben: über die Spatzen und das Leben, über seinen toten Dichter-Vater, vor allem über das alte Volk der Merja, von dem nur noch wenige Rituale überliefert sind. Die Flüsse Russlands waren für die Merja ein Heiligtum. Wer ertrinkt, dem ist das höchste Glück beschieden, doch wer sich absichtlich in die Fluten stürzt, ist dieses Glücks nicht würdig. Diese und andere Gedanken, mit gebrochener Stimme über Bilder wunderschöner Landschaften gesprochen, strahlen zunächst einen Sog aus, der einen tiefer in den Sessel sinken lässt, sich zugleich ent- und gespannt auf den Film einlassend.

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Eines dieser Rituale betrifft das Sterben. Und damit sind wir bei Miron (Yuri Tsurilo), der um seine verstorbene Frau Tanya (Yuliya Aug) trauert. Miron will sie nach altem Brauch der Merja bestatten, und dazu benötigt er die Hilfe von Aist. Und so gehen die beiden Freunde auf eine Reise hinaus aus der Stadt, hinein in die Natur, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Unterbrochen wird ihre Fahrt durch Erinnerungen an die Verstorbene, die auch Aist sehr nahe war und ihn jetzt – vielleicht sogar mehr als Miron – auf seine Einsamkeit zurückwirft. Regisseur Aleksei Fedorchenko geht immer wieder fließend von den Dialogen und Gedanken der beiden Freunde zu Landschaftsaufnahmen über, schließlich zu Erinnerungen aus dem Leben vor Tanyas Tod. Sein Ansatz ist dabei nicht neugierig-ethnografisch: Der Film nimmt immer wieder surrealistische und märchenhafte Züge an, in Interviews betonte Fedorchenko zudem, dass es ihm nicht um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung der noch lebenden Merja gegangen sei, sondern um universale Gefühle von Verlust und Liebe.

Erfolg hat dieses Märchen bereits gehabt. In Venedig bekam Fedorchenko den Preis der internationalen Filmkritik verliehen, die Kameraarbeit von Mikhail Krichman wurde ebenfalls ausgezeichnet. Und auch wenn gerade letzterer Preis durchaus verdient ist, kann Stille Seelen nicht gänzlich überzeugen –zum einen, weil er seinen Anspruch zu sehr ausstellt. Auf der Tonspur beschwört Aists Off-Stimme die großen Themen des Daseins, abwechselnd am Beispiel von seinen Spatzen, Tanya und dem Wassermythos der Merja. Die Romanvorlage von Denis Ossokin spricht aus jedem Satz, die Poesie der Bilder und der Sprache wird durch das unterschwellige Flehen gestört, doch bitte als solche erkannt zu werden. Was die Faszination von Stille Seelen ausmacht, die stimmige Übersetzung des Grundmotivs der Flüsse in einen tatsächlich fließenden Rhythmus, wird immer wieder durch die Schwermütigkeit überlagert, mit der diese Bilder gezwungen werden, für mehr zu stehen als nur für die Geschichte zweier Männer, die ein vergessenes Ritual durchführen.

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Eben diese Männer-Geschichte ist durch ihre mythische Überhöhung und die Reflexion über Vergänglichkeit und Liebe an eine reaktionäre Geschlechterordnung geknüpft. Wenn sich Autor und Filmemacher ein Ritual ausdenken, dass Miron im Film „Rauch“ nennt und das darin besteht, nach dem Tod der Frau mit einem anderen Mann über ihren nackten Körper und das eheliche Sexualleben zu sprechen, dann wirkt das weniger faszinierend surrealistisch als unangenehm bizarr. Und wenn die visualisierten Erinnerungen dann aus Bildern bestehen, in denen Tanya vor Mirons Augen masturbiert oder sich von ihrem Mann mit Wodka einreiben lässt, dann kommen wir mit dem bloßen Erkennen der Sinnlichkeit des Films und dem Bestehen auf seiner Märchenhaftigkeit nicht viel weiter.

Auch wenn der Tod Tanyas und die durchaus liebevollen Erinnerungen an sie im Zentrum stehen, ist Stille Seelen zu keinem Zeitpunkt die Geschichte Tanyas, sondern immer die eines Mannes, dem die Frau gestorben ist. Mirons Erinnerungen beschränken sich fast ausschließlich auf Tanyas Körper, der metonymisch das Bild des ewig Weiblichen reproduziert und an die Liebe der Merja zum fließenden Wasser rückgebunden wird: „Der Körper einer Frau ist selbst ein Fluss, so schade, dass man nicht in ihm ertrinken kann.“ Der weibliche Leib wird in die träumerische Atmosphäre und die Landschaft integriert, auf die Seite der zeitlosen menschlichen Natur geschoben. In ihrem Weltschmerz und der Reflexion um die Vergänglichkeit des Lebens bleiben die Männer allein, können sich erst später mit einem bisschen gekauftem Sex wieder etwas ablenken.

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So ist Fedorchenkos Werk zwar streckenweise faszinierend, aber auch prätentiös und zu beeindruckt von sich selbst, daneben fragwürdig im Hinblick auf seine Geschlechterpolitik. Die Ignoranz Tanyas als Figur wäre nicht schlimm, wäre Stille Seelen tatsächlich die Geschichte von Miron und Aist und ihre Reaktion auf einen Todesfall, und würde Stille Seelen stattdessen nicht überall als Gedicht, als Märchen, als universale Ode an die Liebe gefeiert. In dieser Ode kann die Weiblichkeit nur deshalb einen so hohen Stellenwert haben, weil weibliche Handlungsmacht ausgeschlossen ist. Tanyas Geschichte, ihr Leben und Sterben, ihr Begehren, haben keinen Platz in diesem Märchen. „Sie war eine gute Frau“ ist alles, was wir über sie erfahren.

Trailer zu „Stille Seelen“


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