Staub – Kritik

In seinem filmischen Essay nähert sich Hartmut Bitomsky einem Thema, das zwar jedem im Alltag begegnet, mit dem sich aber nur wenige wirklich auskennen.

Staub

Als Essayfilm bezeichnet man eine Unterkategorie der Dokumentation, in der es den Filmemachern weniger um eine Inszenierung historischer Fakten geht, als um eine weiterführende, subjektiv geprägte Reflexion. In Deutschland zählt neben Alexander Kluge und Harun Farocki vor allem Hartmut Bitomsky zu den bekanntesten Vertretern dieses Genres. Bitomsky hat sich in der Vergangenheit etwa mit den Kulturfilmen des dritten Reiches (Deutschlandbilder, 1983), der Autobahn (Reichsautobahn, 1985) und zuletzt einem amerikanischen Langstreckenbomber (B-25, 2001) auseinander gesetzt. Obwohl er häufig Technologie oder Architektur als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen nimmt, geht es ihm immer auch um die Einbeziehung einer sozialen und politischen Komponente. Umso überraschender ist es, dass er sich in seiner neuesten Arbeit einem auf den ersten Blick eher banalen und buchstäblich schwer greifbaren Thema zuwendet.

Staub

Wie die früheren Filme Bitomskys dreht sich auch Staub um genau das, was der Titel vermuten lässt. Der Film beschränkt sich jedoch nicht auf den jedermann geläufigen Hausstaub, sondern versteht den Begriff als Bezeichnung für einen Aggregatzustand, der in sämtlichen Lebensbereichen anzutreffen ist. Statt sich für einen unter zahlreichen möglichen Ansätzen zu entscheiden, bewegt sich Bitomsky zwischen verschiedenen Disziplinen und Perspektiven hin und her, um einen möglichst vielschichtigen Blick auf sein Thema zu erlangen. Hierbei kommen allerlei Leute zu Wort, die in ihrem Alltag mit Staub zu tun haben: Hausfrauen ebenso wie professionelle Putzfrauen, Menschen, die mit Präzisionsarbeit Kunstwerke reinigen, Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sowie Künstler. Zwischen diesen Gesprächen reflektiert Bitomsky zu Bildern von Baustellen, Kalkwerken oder zu vom Fernseher abgefilmten Staubwolken aus amerikanischen Western über die zahlreichen Facetten der feinen Partikel, wobei er besonders an der Tatsache interessiert scheint, dass sie sich der Kontrolle des Menschen entziehen und jede Bekämpfung unweigerlich zur Sisyphosarbeit wird.

Ein Film über einen so allgemeinen Begriff hätte leicht zur oberflächlichen Ansammlung von Anekdoten und skurrilen Halbwahrheiten werden können, doch heraus gekommen ist eine umfangreiche und detaillierte Betrachtung aus fundiertem Wissen und philosophischen Überlegungen. Staub ist jedoch nicht auf eine einheitliche These hin konzipiert und zeigt die einzelnen Perspektiven stattdessen kaleidoskopartig. Dass der Film sehr differenziert an sein Thema herangeht, führt allerdings im Extremfall dazu, dass ausführliche Beschreibungen einiger Wissenschaftler im Fachjargon, etwa beim militärischen Test eines Granatenwerfers in staubiger Umgebung, ein Vorwissen voraussetzen, über das sicher nur wenige Zuschauer verfügen. Der Versuch, sich mit dem Thema möglichst genau auseinanderzusetzen, wird teilweise zu ambitioniert.

Staub

Doch Bitomsky geht es nicht nur um eine Vermittlung von lexikalischem Wissen. Immerhin funktioniert der Film neben seiner intellektuellen Ebene auch über eine durchaus ansprechende visuelle Form. Gerade in einer Zeit, in der Dokumentationen fast ausschließlich auf Video gedreht werden, wirkt die ästhetische Qualität der sorgfältig komponierten 35-Millimeter-Bilder bemerkenswert. Zudem bildet das Ordnungsprinzip der strengen, minimalistischen Bildkompositionen, mit denen so unterschiedliche Orte wie dreckige, industrielle Arbeitsplätze und sterile Räume wissenschaftlicher Forschung eingefangen werden, einen spannenden Kontrast zu den wild umherschwebenden Staubpartikeln, um die es inhaltlich geht.

Durch Staub lernt man schließlich vor allem eines: Hier handelt es sich nicht nur um ein zu beseitigendes Abfallprodukt aus Haushalt und Industrie, sondern um eine Materie, die durchaus ästhetische Eigenschaften besitzen kann. Nicht ohne humorvollen Unterton stellt Bitomsky zwei Künstlerinnen vor, die den Staub als Inspirationsquelle für ihre Arbeit verwenden. Auf der einen Seite werden in Gemälden Staubballen als formlose Gebilde in kosmischen Landschaften inszeniert und anderseits die unterschiedlichen Ausprägungen des Hausstaubs in Schaukästen archiviert. Dass Staub auch Dinge sichtbar macht und ohne ihn das Blau und Abendrot des Himmels nicht zu sehen wären, bezieht Bitomsky schließlich auch auf den Film selbst. Während das Reinigen einer Filmspule gezeigt wird, lässt Bitomskys Stimme aus dem Off verlauten, dass Film Staub sei, der im Kino aufleuchte.

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