Sing! Inge, Sing!

Die deutsche Billie Holiday: Ein Porträt über das kontroverse Leben und Schaffen der Jazzsängerin Inge Brandenburg.

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Ein Fotoalbum, ein paar Kleider, 27 Tonbänder von Radioaufnahmen. Nicht viel mehr war von der Frau geblieben, der 1960 bei der ersten Ausgabe des Jazzfestivals von Antibes der Titel „Beste europäische Jazzsängerin“ verliehen wurde. Überreste eines Lebens, die der Sammler Thomas Rautenberg zufällig auf einem Flohmarkt in München entdeckte. Nach vierjähriger Recherche ist zusammen mit dem Material aus dem aufgekauften Nachlass von Inge Brandenburg eine vielschichtige Künstlerbiografie der einstmals gefragtesten Jazzinterpretin Deutschlands entstanden – und zugleich ein Panorama deutscher Musikgeschichte der Nachkriegszeit.

Der Regisseur Marc Boettcher porträtierte bereits die Sängerinnen Alexandra (Alexandra – Die Legende einer Sängerin, 1999) und Gitte Haenning (Ich will alles – Die Gitte Haenning Story, 2006) fürs Fernsehen. Ästhetisch ist seine TV-Vergangenheit auch noch in seiner ersten Kinoproduktion Sing! Inge, Sing! zu erkennen. Hier schreitet er die Stationen des Lebens der Inge Brandenburg chronologisch ab. Geboren 1929 in Leipzig, wuchs sie während des Krieges in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen auf, nachdem sie beide Elternteile im Konzentrationslager verloren hatte. Nach 1945 gelang ihr die Flucht in die amerikanische Besatzungszone, sie wurde vergewaltigt, wegen Herumtreiberei inhaftiert, bis sie schließlich über Umwege nach Frankfurt kam – neben Städten in Frankreich und Schweden die damalige Hochburg des europäischen Jazz. Nach Auftritten in deutschen Nachtclubs folgte der künstlerische Aufstieg 1957 mit einem Engagement in Schweden und die internationale Anerkennung durch einen Vertrag mit der Plattenfirma Teldec. Sie nahm Nummern wie „All of me“ und „Lover Man“ auf, Tourneen führten sie bis nach Libyen und Marokko. Das Time Magazine nannte sie die neue Billie Holiday.

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Ihre Lebensgeschichte setzt der Regisseur in einem konventionellen Dokumentarfilm zusammen, ohne ihr jedoch seinen Stempel durch einen Off-Kommentar aufzudrücken. Ganz im Gegenteil ist es vor allem Inges eigene Stimme aus zwei Interviewaufnahmen aus den Jahren 1971 und 1992, die zusammen mit Statements von Verwandten und Musikerkollegen ihr Leben schildert. In Split Screens sind dazu historische Filmaufnahmen, alte Fotografien und Aufnahmen von Inges Tagebuchnotizen montiert, wodurch biografische Details mit den damaligen Lebensrealitäten verbunden werden. Als ständige Begleitung und Rhythmusgruppe hören wir dazu: Jazzmusik, gesungen von ihren Vorbildern Peggy Lee, Ruth Brown, Judy Garland, und natürlich ihre eigenen Aufnahmen.

Schon einmal war in diesem Jahr mit Pina (2011) ein eindrucksvolles Porträt einer der wichtigsten deutschen Künstlerinnen der Nachkriegszeit zu sehen. Schuf Wim Wenders eine Hommage an die Pionierin des Tanztheaters, gedenkt Marc Boettcher der deutschen Stimme des Jazz, entwickelt dabei jedoch keine eigene künstlerische Handschrift wie Wenders, sondern stellt die filmischen Mittel diskret in den Dienst der Darstellung von Inge Brandenburgs Schaffen. Besonders steht dabei ihr musikalisches Werk im Vordergrund, indem Aufnahmen von Konzerten, Fernsehauftritte und Radiosendungen großen Raum im Film einnehmen.

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Hat es uns die 3D-Technik in Pina möglich gemacht, die Intensität der Choreografien einer Pina Bausch auch im Kino zu spüren, hat der Kontext von Inge Brandenburgs Biografie, in den wir zuvor ausführlich eingeweiht wurden, einen ähnlichen 3D-Effekt auf deren Musik. Das Ausdrucksvermögen, die tiefgründige Emotionalität, der Blues, der in ihrem Gesicht abzulesen und körperlich spürbar ist. Die Tragik einer Musik, die unsere Seele berührt, weil sie von ihr gelebt wurde. Dazu der perfekt imitierte englische Akzent, den sie sich beim Anhören von Jazznummern des US-amerikanischen Nachkriegssenders AFN (American Forces Network) durch die phonetische Transkription der Texte aneignete. „Das Mädchen mit der schwarzen Stimme“ wurde sie auch genannt.

Ein Kompliment, das gleichzeitig ihre damalige Misere widerspiegelt: Sie war eine Frau in einem männerdominierten Metier, eine Jazzsängerin in einem Land, in dem zu dieser Zeit Schlager angesagt waren. Deutschland bot nicht die Möglichkeiten, die es in den USA für Jazz gab. Nach den Erfolgen der 1950er Jahre blieb der finanzielle Erfolg für Inge Brandenburg aus. Sie führte Prozesse mit der Plattenfirma, nebenbei hagelte es negative Schlagzeilen und Anzeigen wegen Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Zwar konnte sie 1965 mit ihrer einzigen Jazz-Langspielplatte „It’s alright with me“ noch ein wichtiges Projekt umsetzen. Persönliche Probleme, die in eine Alkoholsucht gipfelten, führten jedoch nach Engagements fürs Berliner Schillertheater, Projekten wie „Jazz in der Kirche“ und einigen Fernsehrollen Ende der 1970er Jahre zu einem Rückzug ins Private. Am 23. Februar 1999 starb sie in München.

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Inge Brandenburg war nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sondern eine starke Frau, die zeit ihres Lebens Haltung zeigte und für ihre Ideen einstand. Sing! Inge, Sing! lebt von ihrer starken Persönlichkeit und ihrem Talent und zeigt uns weniger einen zerbrochenen Traum als die Höhen und Tiefen eines Lebens auf der Jagd in der unermüdlichen Verfolgung künstlerischer Ambitionen und Träume.

Trailer zu „Sing! Inge, Sing!“


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