Sierra Charriba

1864, im vorletzten Jahr des Amerikanischen Bürgerkrieges, rückt ein strafversetzter Hauptmann der Unionsarmee, Major Dundee (Charlton Heston) aus, um einen persönlichen Krieg gegen den Apachenanführer Sierra Charriba zu führen, der mordend und plündernd durchs Land zieht.

Sierra Charriba

Sierra Charriba (Major Dundee), der dritte Spielfilm des Hollywoodaußenseiters Sam Peckinpah, steht emblematisch für spätere Niederlagen des Regisseurs, die er gegenüber Produzenten und Studiobossen einstecken musste. Wie auch sein Folgefilm The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (The Wild Bunch, 1969), Peckinpahs unumstrittener Western-Höhepunkt und der lakonische Pat Garrett jagt Billy the Kid (Pat Garrett and Billy the Kid, 1973) wurde Major Dundee ohne dessen Einverständnis vor dem Verleihstart um wesentliche Passagen gekürzt und zum Teil umgeschnitten. Unlängst sind die späteren Western nach den Vorstellungen des 1984 verstorbenen Regisseurs rekonstruiert worden. Nun soll die DVD-Veröffentlichung Major Dundees als „Extended Version“ die letzte Lücke im Vermächtnis des Westernwerkes Peckinpahs schließen.

Dass Columbia Pictures seinerzeit wenig mit Major Dundee anzufangen wusste und sich bemühte aus der Chronik eines Scheiterns nachträglich ein Heldenepos zu basteln, ist nachvollziehbar. Der Regisseur scheint seiner Zeit voraus gewesen zu sein. Zwei Jahre bevor das New Hollywood-Kino mit Filmen wie Bonnie und Clyde (Bonnie and Clyde, 1967) und Point Blank (1967) „offiziell“ eingeleitet wurde, widmet sich Peckinpah der bevorzugten Filmfigur dieser amerikanischen „neuen Welle“, dem Antihelden. Zu diesem Zeitpunkt liegt die erste Blüte dieses Figurentyps in den Gangsterfilmen der 30er und Film Noirs der 40er/50er Jahre schon lange zurück. Major Dundee lässt sich jedoch nicht uneingeschränkt als Vorläufer der neuen Hollywood-Ära bezeichnen. Wo etwa Arthur Penn in Little Big Man (1970) seinen Antihelden Jack Crabb, gespielt von Dustin Hoffman, als Katalysator des bevorzugten Modus Operandi New Hollywoods nutzte, der Demontage von nationalen Mythen, scheint sich Peckinpah in Major Dundee lediglich auf die Fallstudie eines gescheiterten Befehlshabers beschränken zu wollen. Bemerkenswert dabei ist nicht nur die Tatsache, dass der Regisseur eine zwielichtige Gestalt des amerikanischen Bürgerkrieges, nach realem Vorbild, in den Mittelpunkt der vier Millionen Dollar teuren Großproduktion stellte, sondern auch, dass diese Figur mit Hollywoods Musterbeispiel des ehrbaren Mannes, Charlton „Moses/Ben-Hur“ Heston, besetzt wurde.

Sierra Charriba

Dundees unrühmliche Vergangenheit, seine Kompetenzüberschreitung in der Schlacht bei Gettysburg, die von dessen Beförderungseifer beseelt war und zu seiner Strafversetzung führte, wird in Peckinpahs Film nur am Rande erwähnt. Der Regisseur zeigt einen verbissenen Offizier, dem jedes Mittel recht zu sein scheint, seinen militärischen Ruf zu rehabilitieren. Peckinpahs Antiheld trägt jedoch nicht nur die Züge eines egoistischen Feldherrn. Dundee fällt eine militärische Fehlendscheidung nach der anderen, gerät in Hinterhalte und verliert Gefechte. Letzten Endes drückt sich der Major gar vor seinem Kommando, indem er sich für einige Wochen einem Alkoholexzess hingibt und sich beinahe zu Tode säuft. Das Scheitern eines Dilettanten, auf über zwei Filmstunden ausgebreitet, wurde in der ursprünglichen Kinofassung durch Kürzungen, sowie dem Einspielen von Heldengesängen und Marschmusik zum halbgaren Versuch einer Hymne auf eine ehrenvolle Niederlage.

Peckinpahs Wahl des Stoffes ist vermutlich in dessen Vorliebe für Charaktere mit Selbstzweifeln und einem Hang zur Selbstzerstörung begründet, Merkmale, die er in Dundees Person interpretierten konnte. In einer Dialogpassage zwischen Dundee und dem verurteilten Südstaaten-Armisten Tyreen (Richard Harris), den der Nordstaatenoffizier für seine fanatische Jagd auf den Apachen Charriba (Michael Pate) freigestellt hat, wird der Kern der Hauptfigur augenscheinlich: „Why don’t you drink Lieutenant Tyreen? Don’t you have ever any doubts who you are?“ fragt Dundee volltrunken den Konföderierten. Peckinpahs Reihe von Hauptcharakteren mit suizidalen Zügen setzt sich unter anderem mit William Holden fort, der als desillusionierter Outlaw im Finale von The Wild Bunch dem sicheren Tod entgegensieht.

Sierra Charriba

Bei der vorliegenden DVD-Edition handelt es sich nicht um den zweieinhalb Stunden langen Director’s Cut, der bis heute keine öffentliche Aufführung hatte, sondern um eine im Vergleich zur Kinofassung zwölf Minuten längere Version des Films. Diese Schnittfassung sollte mit Peckinpahs Einverständnis die ursprüngliche Kinoversion darstellen, die dann doch noch gekürzt wurde. Die DVD enthält neben den zusätzlichen Minuten optional auf der englischen Tonspur einen neuen Score von Christopher Caliendo, der die von Peckinpah ungewollte Heroisierung der Hauptfigur durch die ursprüngliche Filmmusik ersetzten soll. Caliendo orientierte sich an Jerry Fieldings Score zu The Wild Bunch, was dem Film nun im Peckinpah-Oeuvre ein stimmiges Bild verleiht. Puristen dürften darin aber einen unverzeihlichen Anachronismus sehen.

Trotz der Ergänzungen wird insbesondere der Konflikt der afroamerikanischen Armeeangehörigen mit den angeheuerten Konföderierten nur halbherzig thematisiert. Wenn diese Fassung des Films also auch nicht alle Schwächen der Kinoversion ausbügeln kann, so scheint dennoch das Unterfangen der aufwendigen Rekonstruktion geglückt zu sein, Major Dundee nach Peckinpahs Vorstellungen zu porträtieren.

Kommentare


Martin Z.

Die aufwendige Mühe der Restauration dieses Films hätte man sich sparen können. Die Welt wäre keineswegs ärmer ohne ihn. Viele Szenen besitzen die Helligkeit der sprichwörtlichen ’Neger im Tunnel bei Nacht’. Hollywood Größen der 60er Jahre agieren mit dem üblichen Pathos, hölzern und steif, allen voran Charlton Heston. Dazwischen als optischer Aufheller die damals dralle Senta Berger, die zwischen Frust und Liebeserwachen hin und her schwankt. Die Handlung windet sich recht kryptisch zwischen allen möglichen Fronten hindurch, während sich immer deutlicher Langeweile breit macht. Es gibt die üblichen Zutaten, wenn es um die Suche nach einer anführenden Rothaut geht. So sehen wir unterwegs allerdings kaum Highlights und selbst das unbefriedigende Ende verpufft wie Rauch im Wind. Für uns bleibt lediglich die kleine Rolle von Mario Adorf im Gedächtnis mit seinem unverkennbaren Gesichtsausdruck.
Vielleicht wurde ja auch nur deshalb so viel weggeschnitten und wieder hinzugefügt, weil die Handlung doch allzu offen und vage blieb. Das verleitet vielleicht zum Herumdoktern. Selbst die unterschiedlichen Titel zeigen, dass man sich nicht auf eine Hauptperson einigen konnte. Nur für Westernfans!






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