Shutter Island

Boston Harbour. Zwei  Männer, die sich Teddy und Chuck nennen, nehmen an einem nebligen Morgen im Jahr 1954 Kurs auf Shutter Island.

Shutter Island

Inseln werden in der literarischen Tradition häufig in Zusammenhang mit Utopien oder Dystopien gedacht. Historisch dienten sie lange als Orte für Straflager und Gefangenenkolonien. Die viel beschworene „westliche Zivilisation“ verfügt diesbezüglich in Alcatraz über ein – auch in seiner medialen Wirkungskraft – hervorstechendes Zeichen der Moderne. In der kulturellen Imagination beherbergen derlei Inseln häufig exzentrische Genies, deren Experimente Menschenleben fordern.

Bestsellerautor Dennis Lehane hat für seinen herausragenden Roman eine fiktive Insel als Schauplatz geschaffen, die nach dem Zweiten Weltkrieg an der amerikanischen Ostküste ein Sanatorium beherbergte: Shutter Island. Eine Utopie im ursprünglichen Sinne: ein unmöglicher Ort. Inwiefern sich hinter dem Sanatorium eine gesellschaftliche Utopie oder eine Anti-Utopie verbirgt, ob es als Gefängnis oder wissenschaftlichen Experimenten dient, erkundet der Leser mit Teddys Hilfe.

Shutter Island

Wie in früheren Romanen Lehanes, die von Clint Eastwood (Mystic River, 2003) und Ben Affleck (Gone Baby Gone, 2007) verfilmt wurden, geht die Geschichte einer Detektion einher mit der Erfahrung von Traumata. Schuld und Verlust sind Lehanes zentrale Themen, denen Scorsese in seiner Adaption gerecht wird. Darüber hinaus bemüht er sich, das daraus resultierende dichte motivische Netz aufzubrechen und anzureichern. Der New Yorker gibt dem Zeitkontext in Shutter Island eine wesentlich weitreichendere Bedeutung. Paranoia, McCarthyismus, Kalter Krieg, die atomare Bedrohung. Der ursprünglich recht zeitlose melancholische Stoff birst bei ihm nur so vor Zeitkolorit. Was durchaus technisch verstanden werden darf. Die entsprechenden – perfekt agierenden – Departments dürfen sich austoben. Der Beteiligten Detailliebe hinsichtlich Kostüm, Dekor, Setdesign und Ausleuchtung ist atemberaubend. Scorsese setzt in seinem Film ganz auf Atmosphäre und erbringt diesbezüglich einen weiteren Beweis seiner Meisterschaft. In Anspielung auf eine geschätzte Hundertschaft filmischer Vorbilder vergangener Zeiten zeigt sich Scorsese bewusst altmodisch, wenn es um dramatische Zuspitzung geht. Die verläuft nie über Actionchoreographie oder Schnitt-Stakkati, und selbst Momente von Thrill oder Suspense spielt er nicht aus.

Als wichtigste Instrumente der audiovisuellen Gesamtkomposition dienen in Shutter Island neben dem Noir-Licht vor allem Score und Bildgestaltung. Robert Richardson setzt seine Kamera virtuos in Bewegung. Immer wieder fährt und schwenkt sie, erzeugt einen Sog, der Teddy und Chuck genauso auf die Insel lockt, wie er das Publikum in den Film hineinzieht. Schon ganz zu Beginn stürzt die Kamera aus der Höhe auf einen Wagen zu und hinterher. Man fühlt sich an Shining (1980) erinnert – nicht zum letzten Mal. 

Shutter Island

Doch im Gegensatz zu Kubrick, dem er selten näher war als in den stärksten Momenten seines neuen Films, ist Scorsese kein Technikexperte. Schon Bringing Out the Dead (1999) war durch diverse technische Ausreizungen, unter anderem in Bezug auf Zeitraffer, zu einer Stilübung verkommen. Nachdem in seinen Folgespielfilmen Gangs of New York (2002) und Aviator (2004) der Einsatz von Spezialeffekten eine immer größere Dimension angenommen hatte, gelang ihm gerade erst in The Departed – Unter Feinden (2006) wieder eine Konzentration auf die Figuren. Von denen will Scorsese auch in Shutter Island erzählen, sie rücken nicht wie bei einem Avatar völlig zugunsten einer Dimensionenschau in den Hintergrund. Deshalb reißen die zum Teil misslungenen computergenerierten Effekte und die vielen offensichtlich vor dem Blue Screen entstandenen Szenen den Zuschauer in Shutter Island immer wieder aus dem Sog und aus der Empathie heraus. Sie unterminieren ein ums andere Mal, was Scorsese und sein Team in Pedanterie atmosphärisch geschaffen haben, und brechen den in der Inszenierung heraufbeschworenen Bezug zum klassischen amerikanischen Kino.

Shutter Island

Dabei fasziniert gerade in den wundervoll fotografierten Traum- und Labyrinthwelten, zu welchem Schauspieler Scorsese seinen Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio geformt hat. Während die Besetzung in Gangs of New York noch nicht aufging, konnte der frühere Teenieschwarm bereits in Aviator und vor allem The Departed sein entwickeltes Repertoire unter Beweis stellen. Kaum ein Darsteller unserer Zeit vermag es derart intensiv, einen Mann im Grenzbereich zu verkörpern. Shutter Island ist ein weiterer Beweis.

Dem Zuschauer gibt die Romanverfilmung nicht nur auf der Plotebene arithmetische Rätsel auf.  Je nach Gewichtung von Pluspunkten und Abzügen wird man Shutter Island endgültig bewerten. Ein wichtiger Film dieses Jahres und ein Prunkstück auf der Berlinale ist er bereits. Misst man den Perfektionisten Scorsese jedoch an seinen Meilensteinen, lässt sich Ähnliches wie bereits bei The Departed beobachten und konstatieren. Auch dort fügte der Amerikaner dem asiatischen Original Infernal Affairs (Wu jian dao, 2000) einiges hinzu. Mit dem Resultat, einen guten Film vorzulegen, der allerdings nicht an das Ausgangsmaterial heranreicht. Ähnlich geht es ihm nun mit der äußerst konzentrierten Lehane-Vorlage. Ihr entlehnt er die dreiviertelseitige Episode über ein Massaker während der Befreiung Dachaus, das eigentlich Auschwitz ist, um sie in Teddys Alptraumrepetitorium einzuflechten. Das sprengt den überladenen Rahmen endgültig.

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Kommentare


Laute

Obwohl sie mich mit ihrem letzten Satz etwas verwirrt haben, muss ich ihrer Review voll und ganz zustimmen. Habe leider das Buch nicht gelesen, muss aber sagen, dass der Film in Sachen Erzählung und Atmosphäre absolut meisterhaft ist. Das gekonnte Spiel mit dem Zuschauer, hat mich mehrmals im Kino überrascht. Hätte mir nach den von mir gelesenen, für Scorsese eher "mittelmäßigen" (sehr große Anführungszeichen) Reviews nicht gedacht, so ein Glanzstück zu sehen.


McScrub

Das einzig bedrückende an dem Film war, meiner Meinung nur, die unglaublich schlechte schaupielerische Darbietung von di Caprio, direkt gefolgt von einer Geschichte die mich nach der Hälfte des Films nicht mehr interessiert hat und, last but not least, die Traumsequenzen die, die nicht geheimnissvoll wirkten sondern irgendwie billig.


Dr. Andreas Jacke

Psychothriller 2010
Ich möchte mich der Kritik von Herrn Keilholz anschliessen - der Film hat viel von Kubricks "Shining" (1980) und Scorcesse hat sich ja schon vor Jahren zu diesem Altmeister bekannt.

Zugleich werden hier aber alle Mittel des Genres aufgefahren und zu einer Odysee vereinigt, die offensichtlich die Züge eines Computerspiels nachahmt. Dabei heraus kommt das Ligeti und Pendereckis Musik nun für ein actionreiches Irritationsspiel mit der Psyche herhalten müssen:

Nehmen Sie ein Schiff- fahren sie auf eine Insel wo sich ein Irrenhaus befindet - fahren sie durch drei Tore. Geben Sie ihre Pistole am Eingang ab. Treffen Sie den Leiter der Anstalt usw.. usw.

Alle Figuren sind arg stilisiert. Die geträumte Ehefrau könnte auch aus dem "Lord Of The Rings" stammen. Computergenerierte Welten ersetzten immer wieder die Realität. Deshalb ist am Ende auch alles ein Traum gewesen. Doch dann wirkt die tatsächliche Erinnerung und Realität gar nicht so anders. Und das traumatatische Szenario, dass aus der Bild-Zeitung stammen könnte und der Holocaust Bezug sprengen, wie Herr Keilholz bereit oben erwähnt hat, wirklich den Rahmen dieser Wirklichkeit. Subtilität war noch nie die Stärke dieses Regisseurs, der hier jedoch alle Register seines Könnens auffährt um den Zuschauer auf der Leinwand zu halten. Es war spannend zu sehen, wie er mit dem Genre umging. Der Film ist zumindest deutlich als ein Scorcesse Film zu erkennen. Der eigentlich von dem vorgestellten Detektiv gesuchte Mann hat sogar Ähnlichkeit mit Robert DeNiro. Damit sind die Fans sicher mehr als zufrieden.


Tina K.

So einen Psychothriller habe ich seid langem nicht gesehen.

Diese düstere Stimmung fesselt einen schon von Anfang an, man wagt es garnicht kurz aufzustehen, geschweige denn zu zwinkern.

Leonardo DiCaprio ist ein exelenter Schauspieler- wenn nicht sogar der Beste seiner Generation und hat mal wieder eine Glanzparade abgeliefert.

Diese schaurigen Anstalt, Stürme wüten übers Land und überall diese zwilichtigen Menschen, die mit ihren Blicken versuchen einen in den Bann zu ziehen.

Das Ende ist überraschend dargestellt.

Ich gebe 10 von 10 Sternen :-)


Grettli

das ist echt ein geiler Film! Das beste ist : wenn man den Film schon gesehen hat und ihn dann ein zweites mal guckt machen wirklich alle Szenen Sinn! Jede kleine Geste bekommt beim 2. mal schauen eine ganz andere Bedeutung... z.B. das die Wachen nervös mit ihren Waffen rumfummeln als er auf die Insel kommt oder warum Chuck es nicht mal schafft einfach seine Pistole aus dem Halfter zu ziehen...






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