Sein Leben in meiner Gewalt

Polizist wird zum Mörder am Mörder. So innovativ, kunstfertig, eindringlich und schmerzvoll kann es nur Sidney Lumet schildern. Sein Lieblingsdarsteller Sean Connery entdeckt den Teufel im eigenen Leib und kämpft um die gepeinigte Seele. Ein häufig übersehener Klassiker endlich auf DVD.

Sein Leben in meiner Gewalt

Immer wieder diese grobschlächtigen Hände. Sie sind das Tatwerkzeug. Sein Leben in meiner Gewalt (The Offence) erzählt von Händen, die Töten. Der Film beginnt zu einem Zeitpunkt, als die Tat bereits geschehen ist. Dies ist keine narrative Spielerei des Regisseurs Sidney Lumet, er folgt damit vielmehr konsequent einer Logik: Im Mittelpunkt der Handlung stehen Kindermorde. Wenn die Polizisten am Ort der Tat eintreffen, ist diese schon geschehen, sie betrachten das Opfer. Aus diesem Blickwinkel des Beamten beginnt Lumet seinen Polizeifilm: nach dem tödlichen Übergriff eines Polizisten beim Verhör präsentiert er das Polizeipräsidium als Tatort. Das gerade verübte Verbrechen stellt die Binnenhandlung dar. Die Ermittlungen verlaufen nach demselben Prinzip wie die Untersuchungen der Kindermorde, die als Rahmenhandlung fungieren.

Sein Leben in meiner Gewalt

Diese Doppelung ist das Funktionsprinzip von The Offence: Ein Polizist spiegelt sich im vermeintlichen Täter, der wiederum erkennt seinen Gegenspieler als Doppelgänger. Die Situation wird gleich noch einmal gedoppelt, dem Verhör schließt sich noch ein Verhör an, diesmal mit vertauschten Rollen: Der Polizist wird vom Befrager zum Befragten, vom Täter zum Opfer. Ständig wechseln die Positionen. All dies in einer Nüchternheit, die auf den Magen schlägt. Lumet fotografiert die englische Landschaft als Ödnis, in der Sympathien und Empathien vertrocknet sind, unterdrückte Gefühle sich gewalttätig Bahn brechen. Die Szenerie ist so hässlich wie die handelnden Personen. Trevor Howard, Ian Bannen, Sean Connery und Vivian Merchant spielen am Rande des Selbsthasses, kehren so explizit alles Hässliche von Innen nach Außen, wie es nur irgend geht.

Sein Leben in meiner Gewalt

Für Sean Connery war dies ein Imagewandel, den seine Fangemeinde 1973 nicht akzeptierte. Zwei Jahre zuvor hatte er dem Drängen des Produzententeams Broccoli/Saltzman nachgegeben und den Kontrakt für einen weiteren Auftritt als James Bond unterzeichnet, allerdings mit der von United Artists zugesicherten Option, zwei beliebige Stoffe mit Regisseuren seiner Wahl drehen zu dürfen. Connery wählte John Hopkins’ Bühnenstück This Story of Yours (1968) und seinen Hofregisseur Sidney Lumet. Der hatte Mitte der Sechziger Jahre zusammen mit Hitchcock als erster das schauspielerische Potential des Schotten erahnt und ihn in dem Militärfilm Ein Haufen toller Hunde (The Hill, 1964) als scheiternden Anti-Helden besetzt. Auch Hitchcock wollte Connery in Marnie gegen sein Image besetzen und das erschreckende Aggressionspotential des hünenhaften Mannes ausschöpfen, doch der Production Code verbot 1964 noch explizite Vergewaltigungsszenen.

Sein Leben in meiner Gewalt

Lumet inszeniert ihn in The Offence als ständige Bedrohung mit einer grenzenlosen latenten Wut und entlockt ihm damit die darstellerische Leistung seines Lebens. Doch dieser noch heute schockierende und verstörende Film lief seinerzeit nur in ausgewählten amerikanischen Kinos an und wurde nach nur einer Woche wieder vom Spielplan genommen, fand anschließend fast keinerlei internationale Auswertung. Von der ARD und den Dritten immerhin manches Mal im Nachtprogramm versteckt, kann man Sean Connery nun in seinem griesgrämigen schottischen Akzent reden hören und den ganzen Schrecken von The Offence auf DVD erleben.

Kommentare


Phil C.

Läuft gerade im TV (Bayrischer Rundfunk). Was für ein großartiger Film!






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