Schildkröten können fliegen
Schildkröten können fliegen zeigt den letzten Golfkrieg (2003) aus der Sicht von Kindern. Der Festivalhit (San Sebastian: „Bester Film“; Berlinale: „Friedensfilmpreis“) überrascht mit einer einzigartigen Reflektion zum Thema Krieg.

Der im Iran geborene Regisseur Bahman Ghobadi verglich anlässlich der Präsentation seines Films Verloren im Irak (Gomgashtei dar Aragh, 2002) den dritten Golfkrieg (2003) mit einem Kriegsfilm, in dem George W. Bush und Saddam Hussein die Hauptrollen spielen würden. Der kurdische Teil der irakischen Bevölkerung würde hingegen lediglich als Statisten teilnehmen. In seinem jüngsten Film Schildkröten können fliegen (Lakposhtha hâm parvaz mikonand) macht der Kurde Ghobadi eben diese Bevölkerungsgruppe zu Hauptakteuren, genau genommen sind es die Kinder dieser Region im Norden des Iraks, die im Mittelpunkt des Films stehen.
Einige Wochen vor dem Einmarsch der US-Amerikanischen Streitkräfte und ihren Verbündeten in den Irak im Jahr 2003 ist der 13 jährige Satellit (Soran Ebrahim) in seinem Heimatort an der irakisch-türkischen Grenze ein viel beschäftigter Teenager. Er macht seinen Namen alle Ehre, denn der technisch begabte Junge sorgt dafür, dass in der abgeschiedenen Region Satellitenfernsehen empfangen werden kann. Der Dorfälteste wünscht über das aktuelle Geschehen im Irak genauestens informiert zu werden. Er vertraut nicht auf das Radio, sondern will Bilder sehen, um die Wahrheit über die Vorkommnisse, die sich quasi vor seiner Haustür ereignen, zu erfahren. Nachdem die Satellitenschüssel aufgestellt wurde, verfolgt der Dorfälteste mit seinen Vertrauten gespannt das Nachrichtenprogramm auf CNN. Was sie dort zu sehen bekommen ergibt für sie jedoch wenig Sinn, denn die Welt der Nachrichtenbilder entspricht nicht im Entferntesten der Ihrigen.

Gleich zu Beginn möchte der Regisseur und Drehbuchautor Bahman Ghobadi die Diskrepanz zwischen den Realitäten vor Ort und einer Fernsehberichterstattung unterstreichen. Einem Fremdkörper gleichend, bettet Ghobadi das Nachrichtenmaterial in das Lokalkolorit der Krisenregion ein. Als würde Schildkröten können fliegen einen Gegenentwurf zu den gefilterten Nachrichtenbildern abliefern wollen, erweckt der Film den Anschein, einen exklusiven Einblick in eine, für ein westliches Publikum, fremde Welt zu bieten. Ghobadi drehte seinen Film im Irak, kurz nach dem Sturz des Diktators Hussein und besetzte, wie schon bei seinem erfolgreichen Debütfilm Zeit der trunkenen Pferde (Zamani barayé masti asbha, 2000), sämtliche Rollen mit ortsansässigen Laien. Schildkröten können fliegen operiert offenkundig mit dem dokumentarischen Look seiner Aufnahmen, ohne die Geschichte von Satellit und Agrin (Avaz Latif), ein Mädchen in das sich Satellit verliebt, aus den Augen zu verlieren. Sei es ein Feld, dass durch UN-Spezialisten von Minen gesäubert wird, oder der nächstgelegene Waffenbasar, auf dem Satellit selbst entschärfte Minen gegen Maschinengewehre tauscht, stets findet Ghobadi in seiner filmischen Erzählung einen Weg reale Schauplätze in ausgereiften Bildkompositionen mit dem Schicksal seiner Figuren zu verknüpfen. In der Tradition von Viscontis Schlüsselfilm des italienischen Neorealismus’ Die Erde bebt (La terra trema, 1948), in dem ebenfalls Laiendarsteller in ihrem eigenen Umfeld die Folie für ein Drama bildeten, verweben sich Spielszenen mit einer Atmosphäre des Authentischen.

Dass Schildkröten können fliegen für ein jüngeres Publikum geeignet sein soll ist nicht selbstverständlich, obwohl der Film auf der Berlinale 2005 eine „Lobende Erwähnung“ in der Sektion 14plus erhielt. Schildkröten können fliegen verlangt viel von seinen Kinderdarstellern und somit auch von seinen jungen Zuschauern. Allein das Schicksal von Agrin, kaum älter als Satellit, ist nicht nur für Kinder und Jugendliche schwer verdaulich. Nachdem sie von irakischen Soldaten vergewaltigt wurde, zieht Agrin ihren inzwischen zweijährigen, blinden Sohn Digha (Abdol Rahman Karim) zusammen mit ihrem älteren Bruder Hengov (Hiresh Feysal Rahman) auf, dem beide Arme in einer Minenexplosion abgerissen wurden. Die junge Mutter mit dem Gesicht eines Kindes und den Erfahrungen eines Menschenlebens hegt nicht nur Suizidabsichten, sondern möchte auch dem Leben des ungewollten Sohnes ein Ende setzten. Obwohl Gewalt, wie Agrins Vergewaltigung in einer Rückblende und auch andere Kriegsgräueltaten nicht explizit gezeigt werden, muten einige Szenen einem Kinderpublikum eindeutig zu viel zu. Wenn etwa in einer kurzen Einstellung Digha, mit einem Strick an einen schweren Stein gebunden, in einem Teich unter Wasser gezogen wird, stellt dies nicht nur eine kaum zumutbare Strapaze für das auch im wirklichen Leben erblindete Kleinkind dar.
Schildkröten können fliegen liefert eine einzigartige Perspektive auf das Thema Krieg. Unmittelbar gelingt es dem Film das Gefühlschaos der Kinder einzufangen, die einerseits dem Krieg schon fast entgegenfiebern, da er ihr Leben grundlegend verändern, vielleicht sogar verbessern wird und andererseits von der Befürchtung erfüllt sind, dass morgen „alles vorbei“ sein könnte. Bedrückend sind auch die Szenen, die ganz nebenbei zeigen, wie Kinder Unbegreifbares verarbeiten. Wenn sich Digha etwa in dem Zelt eines Flüchtlingslagers mit einer Gasmaske die Zeit vertreibt. Beim Spielen fabriziert er, wie es Kinder in seinem Alter machen, Geräusche einer Phantasiesprache, er imitiert den Klang von detonierenden Bomben. Auf erschütternde Weise veranschaulicht Schildkröten können fliegen die Allgegenwärtigkeit des Krieges im Leben der Kinder dieser Region.
Filmkritik von David Gaertner
Veröffentlicht am 04.05.2005
Kommentare zu Schildkröten können fliegen
silava hamou 31.07.2005 21:13
ich habe in meinen 16 lebens jahren viele filme gesehen und auch viel emotionen frei gesetzt aber so viel wie bei diesen film noch nie. dieser film ist keine produktion der fantasie nein , so was kann auch die realität sein . das kinder ohne jegliche erfahrung solch ausstrahlung begabung erbringen ist unglaublich aber war . es muss einen klar werden das egal was und wieviel gutes man tut kinder niemals in dieser welt frieden haben werden.
film 12.12.2007 16:59
einer der schönsten wahrscheinlich auch das beste was ich jemals gesehen habe.der film kam gestern bei drei 3 sat ,glaube jedenfalls das es es war gesehen und konnte meine tränen keine 20 minuten halten.unglaublich aber wahr,was passiert.
ich werde mir morgen die dvd bestellen.das beste was ich jemals gesehen habe,kein film der welt über irgendwelche sachen kann dieses toppen.
1a
mfg
katja 12.12.2007 21:49
Der Film ist irgendwo Beeindruckend wie auch grausam zugleich , er zeigt uns wie Kinder gross werden können zwischen Minen und Panzern und ohne ihre Eltern.
Ich habe geheult von Anfang bis Ende , ich habe alle der Kinder beobachtet , und ich konnte in ihren Gesichtern sehen , das sie nicht mehr Kind sind ............ !
Der Teil als diese Kleine ihr ungewolltes Kind im See versenkte an einen Stein , und dann selber den Weg des Freitodes wählte.
Auf einen Teil verdammt grausam , auf der anderen Seite glaube ich , kann sich wohl kaum einer in die Seele eines Mädchens in der Situation einfühlen.
Ich fand ihn nur einfach Klasse gemacht , sehr Emotional , sehr aufwühlend und einfach , jeder kleine Teil , jede Szene war so Hautnah !!!
Ahin 08.01.2008 16:31
hii, das Film habe ich noch nicht gesehen ,hätte ich gern aber wie?? und wan? sagt jemand mir
Martin Z. 28.01.2009 13:49
Der lyrische Titel überzuckert die grausame Realität. Aber der Regisseur macht das wohl immer so. Es ist eine erschütternde Dokumentation über das Lagerleben von Flüchtlingen im Nahen Osten. Die Ansätze für einen Spielfilm sind eher rudimentär und deshalb unbedeutend. Was den Eindruck noch verstärkt, ist der Umstand, dass es sich hier ausschließlich um Kinder handelt. Für Mitteleuropäer unvorstellbar, in welchem Schmutz und das bei ständiger Lebensgefahr sie zu überleben versuchen. Es herrscht ein autoritärer Anführer, ganz souverän wie ein Erwachsener. Er macht Geschäfte, ist quasi Arbeitgeber und besitzt ein Fahrrad als Statussymbol. Wir können dem ganzen Treiben nur hilflos zuschauen, denn eine Verbesserung der Lage ist hier nicht in Sicht.
Alumiso 28.01.2009 22:23
Ein absolutes Muss jenseits vom US Filmschubladen und Indien-Kitsch. Der Film fasziniert weil er sicherlich das Leben der Kinder in solchen Kriegsgebieten treu versucht wiederzuspiegeln. Kinder an so eine schauspielerische Leistung heranzubringen bedeutet ersteinmal mit Knirpsen aufgewachsen zu sein, man denke an seine eigene Kindheit. Das tragische daran ist die Tatsache das Kriegsschauplätze ein höllischer Spielplatz sind und alle Erwachsenen dieser Welt dafür zu Verantwortung zu ziehen sind weil sie immer noch zu wenig dagegen unternehmen.
Wer Mienen herstellt und Verkauft der begeht unzählige Verbrechen, -die Kinder ausbaden!
Ein schauriger und einer der besten Filme die ich je sah. Gratulation!
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Film-Angaben
Titel: Schildkröten können fliegen
Originaltitel: Lakposhtha hâm parvaz mikonand
Iran, Irak 2004
Laufzeit: 98 Minuten
Regie: Bahman Ghobadi
Drehbuch: Bahman Ghobadi
Produktion: Babak Amini, Hamid Karim Batin Ghobadi, Hamid Ghavami, Bahman Ghobadi
Darsteller: Avaz Latif, Soran Ebrahim, Hiresh Feysal Rahman, Saddam Hossein Feysal, Abdol Rahman Karim, Ajil Zibari
Kinostart: 05.05.2005
DVD-Angaben
Titel: Schildkröten können fliegen
Vertrieb: Red Planet GmbH, Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): k.A.
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Extras: k. A.
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 03.02.2006
Copyright Schildkröten können fliegen
Fotos: © mîtosfilm
BERLINALE 2012

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