Rififi
Jules Dassins Klassiker über einen waghalsigen Juwelenraub ist ebenso packendes, wie intelligentes Genrekino, das seinerzeit neue Maßstäbe setzte.
Rififi (Du Rififi chez les hommes) gilt bis heute als Inbegriff des Heist-Films. Von Melville bis Tarantino hat er ganze Generationen von Filmemachern beeinflusst. Seine Geschichte ist denkbar klassisch: Nachdem der Kleinkriminelle Tony (Jean Servais) – alternd, krank und pleite – aus dem Gefängnis entlassen wird, überreden ihn seine Freunde, einen letzten großen Coup zu drehen. Zu viert planen sie den Überfall auf ein exklusives Pariser Juweliergeschäft.
Gedreht wurde der französische Low-Budget-Thriller von Jules Dassin im Jahr 1954. Das Motiv des Raubes spielte bis dahin sicherlich bereits eine bedeutende Rolle in der Filmgeschichte – von Edwin Porters Der große Eisenbahnüberfall (The Great Train Robbery, 1903) bis hin zu John Hustons Asphaltdschungel (The Asphalt Jungle, 1950) –, ein Novum aber stellte die Akribie und der Realismus dar, mit der es von Dassin auf der Leinwand inszeniert wurde. Nach seiner Erstaufführung 1955 bewirkte die detaillierte Beschreibung eines Juwelendiebstahls in einigen Ländern denn auch das zeitweilige Verbot des Films, so sehr fürchteten die Zensoren, er könne aufgrund der semi-dokumentarischen Darstellung von Kriminalität als Anleitung für Überfälle dienen.
Sie bleibt wohl für jeden Rififi-Zuschauer unvergesslich, jene mittlerweile legendäre Filmsequenz, die den nächtlichen Überfall der Gangster zeigt. Ein Meisterstück an Suspense. Gut dreißig Minuten pure cinema wie Hitchcock es verstand: kein Dialog, keine Musik und so wenig Nebengeräusche, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Wie im Stummfilm geht es um etwas stark Visuelles und seit jeher Filmgenuines, den Kampf des Menschen mit den Tücken der Objekte. Wie durchschlägt man lautlos einen Betonboden? Wie wird man Herr über eine empfindliche Alarmanlage? Wie überwindet man einen massiven Safe? Aus einer präzisen Beobachtung der profanen Jobverrichtung vierer Kleinkrimineller entsteht nicht nur eine (ironisch gebrochene) Ode auf die Professionalität, sondern auch auf die menschliche Schaffenskraft angesichts der Hindernisse einer widerspenstigen Außenwelt.
Nichts wäre aber nun falscher als Rififi ein optimistisches Menschenbild zu unterstellen. Die Tücken der Objekte mögen Dassins Figuren im Griff haben, sich selbst jedoch nicht. Nicht die greifbare Außenwelt als vielmehr eine unkontrollierbare Innenwelt entpuppt sich für sie als eigentliches Problem. Es sind ihre Triebe und Emotionen – Gier, Lust, Wut, Angst – die ihnen zum Verhängnis werden. Der genauestens kalkulierte Überfall der Gangster fliegt letztlich nur auf, weil einer von ihnen der Begierde verfällt und seiner Geliebten eines der gestohlenen Schmuckstücke schenkt. Was folgt ist ein Teufelskreis der Leidenschaften, in dem jeder der Beteiligten sein Schicksal findet. Ratio, Ordnung und Zivilisation sind angesichts der überall intervenierenden menschlichen Gelüste zum Scheitern verurteilt.
Der nihilistische und fatalistische Geist des Film Noir taucht hier im französischen Kino auf. Jules Dassin hatte bereits in Hollywood Noir-Klassiker wie Zelle R 17 (Brute Force, 1947) oder Die nackte Stadt (The Naked City, 1948) gedreht, bevor er 1950 auf McCarthys Schwarzer Liste landete – sein Kollege Edward Dmytryk hatte ihn vor dem Komitee für unamerikanische Aktivitäten als Kommunisten denunziert. Unfähig Arbeit zu finden, floh Dassin aus seiner ausweglosen Situation ins französische Exil und verfilmte dort, gänzlich verarmt, aus reiner Geldnot Auguste Le Bretons Du Rififi chez les hommes. Aus einem minderwertigen Roman schuf der US-Regisseur einen künstlerischen Höhepunkt seiner Karriere, für den er bei den Filmfestspielen von Cannes 1955 den Preis für die beste Regie erhielt.
Befreit von Hollywoods Zensurbestimmung, dem Hays Code, konnte Dassin ein ebenso ehrliches, wie provozierendes Porträt der Pariser Unterwelt zeichnen, in der Sadismus, Sucht und Misogynie allgegenwärtig sind: ein erschreckendes Zerrbild der destruktiven Seite des Menschen. Dassins Film besitzt etwas eisig Hartes, eine raue Unerbittlichkeit, die nicht nur zu seiner Entstehungszeit Seltenheitswert hatte. Wo sonst sieht man schon den Protagonisten auf eine nackte Frau mit dem Ledergürtel eindreschen oder den eigenen Kompagnon erschießen ohne auch nur mit der Wimper zu zucken? Der Darstellung von Gewalt haftet dabei nie eine Form von Voyeurismus an, im Gegenteil: Dassin lässt sie nicht selten off-screen oder schnell und kompromisslos stattfinden. Dennoch verstören uns Rififis Gewaltakte, weil Dassin sie uns als völlig sinnentleerte Aktionen einer selbstzerstörerischen Männerwelt nahe bringt.
Die Hauptfigur Tony le Stephanois ist das ganze Gegenteil des von George Clooney verkörperten Gentleman-Diebes aus der heute populären Ocean’s-Reihe (Ocean’s Eleven, 2001; Ocean’s Twelve, 2004; Ocean’s 13, 2007): kalt, unnahbar und jederzeit gewaltbereit. Anders als in Steven Soderberghs Heist-Filmen ist das Verbrechen keine Spaßveranstaltung cooler Sunnyboys. Stattdessen nimmt es in Rififi für seine tragischen Helden eine existentielle Dimension an und endet in tödlichem Ernst. Das Dassin aber auch Spaß verstand, bewies er mit seiner 1965 entstandenen Räuberkomödie Topkapi, eine poppig bunte Selbstparodie auf seine nachtschwarze Gangster-Tragödie.
Dassin erzählt seinen Film mit der gleichen Lakonie, die seiner Hauptfigur anhaftet. Einfach, schnörkellos, präzise. Für unnötige Momente verschwendet er keine Zeit. Hinter der glatten Oberfläche seines unterkühlten Stils spürt man aber immer auch das Herz eines Romantikers schlagen, etwa in den lyrischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines trüben, kalten Paris mit seinen Hinterhöfen und dunklen Straßenecken, on location gedreht, wie man es wenige Jahre später in den Werken der Nouvelle Vague sehen sollte. Schon bei seiner Erstaufführung konnte sich François Truffaut als noch junger Filmkritiker für Rififi begeistern. Er nannte ihn den besten Film Noir, den er je gesehen hat.
Kritik von Welf Lindner
Veröffentlicht am 05.02.2008
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Film-Angaben
Titel: Rififi
Originaltitel: Du rififi chez les hommes
Frankreich 1955
Laufzeit gekürzt: 111 Minuten
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: Jules Dassin, René Wheeler, Auguste Le Breton
Produktion: René Gaston Vuattoux
Darsteller: Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Jules Dassin
Kinostart: 30.09.1955
DVD-Angaben
Titel: Rififi
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,33:1
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Mono), Französisch (DD 2.0/Mono)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 107
Extras: Französische Originalfassung (114 Minuten)
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 07.01.2008
Copyright Rififi
Fotos: © Universum Film
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