Raum

„Things happen, happen, happen“. Lenny Abrahamsons Drama lässt die gesamte Welt auf einen Fünfjährigen los.

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Natürlich fiebert man bei einem Film wie Raum (Room, 2015) einem ganz bestimmten Augenblick entgegen. Dieser Moment ist aber nicht deshalb so aufregend, weil man so lange auf ihn warten muss. Der Großteil von Lenny Abrahamsons Drama spielt sich außerhalb des titelgebenden Raumes ab, einer heruntergekommenen Gartenlaube, in der Joy (Brie Larson) mit Sohn Jack (Jacob Tremblay) lange Jahre von ihrem Entführer (Sean Bridgers) gefangen gehalten wird. Vielmehr stellt sich die Frage, in welches Verhältnis er das Davor und Danach setzen wird, welchen filmischen Duktus der ersehnte Moment der Befreiung der beiden einleiten wird. Denn was sich zunächst unweigerlich wie ein Kammerspiel anfühlt, zerfranst mit einem Mal, wenn, zunächst unscharf und dann immer klarer, Fetzen einer anderen Lebenswelt die Leinwand infiltrieren. Die unglaubliche Muffigkeit der Bilder, in der zunächst das befremdliche alltägliche Leben, die Rituale in der Gefangenschaft geschildert werden, muss weichen, und es ist, als müsste man auch als Zuschauer erst einmal Ausschau halten.

Wenn die Dinge der Welt plötzlich einen Artikel brauchen

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Tatsächlich ist es wortwörtlich ein Augen-Blick, der den Höhepunkt eines regelrechten, aber doch sanften Crescendos darstellt. Zuerst sind da nur die wenigen Quadratmeter Intimität zwischen Mutter und Sohn, in der Parameter der Realität nach eigenem Regelwerk konstruiert werden, in der es keine Anonymität der Dinge gibt, die, wenn man von ihnen spricht, nicht einmal einen Artikel benötigen, weil sie in diesem schuhschachtelgroßen Kosmos wie Subjekte sind. „Guten Morgen Waschbecken“, heißt es da einfach nur. Es ist die Ladefläche eines Trucks, auf der Jack eine Art zweiter Geburt erlebt. Eine Neugeburt nicht allein aufgrund der Tatsache, dass er als vermeintliche Leiche entsorgt werden soll. Natürlich kommt er nicht noch einmal auf die Welt, doch er kommt in die Welt. Der Teppich, in dem er eingewickelt abtransportiert wird, fungiert fast wie ein Mutterleib. Er windet sich aus ihm heraus wie aus einem Kokon, der erste Atemzug nach der Befreiung ist, als wäre es der erste überhaupt. Vollkommen übermannt starrt er aus dem Truck heraus in die davor nie gekannte Unendlichkeit des Himmels; Strommasten, Straßen, Häuser multiplizieren sich zu allen Seiten hin. Und dann brauchen die Objekte der Welt plötzlich einen Artikel.

Nicht psychologisieren, sondern entdecken

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Auch das Drama multipliziert sich sodann in alle Richtungen. Die Familie, die Welt, die Realität, das Medienecho. Der Film macht da schon ordentlich viele Fässer auf, doch haut er auch wieder entschlossen den Deckel drauf, sobald etwas zu viel herauszuschwappen droht. Gerade im zweiten Teil drängt sich Konflikt an Ereignis, Ereignis an Konflikt, bis die glatte Erzählbahn, auf der sich Raum stets befindet, ein wenig rutschig wird. Beim Abendessen eskaliert die Situation, als Joy ihren Vater (William H. Macy) auf seine Verachtung gegenüber dem Kind anspricht. Jacks Beziehung zum Großvater wird danach nicht wieder hervorgeholt, sondern bleibt nur eine späte dramatische Spitze, wie etwa auch die depressiven Verstimmungen von Joy. Nun ist Raum aber kein psychologisierender oder gar analytischer Film, sondern ein zusehender und entdeckender. Denn Raum folgt, genau wie die Romanvorlage von Emma Donoghue, die auch das Drehbuch verfasst hat, keinem spezifischen Fall wie etwa die äußerst schwache Kampusch-Verfilmung 3096 Tage (2012), sondern ist eher an den Potenzialitäten, die solche Vorfälle mit sich bringen, interessiert.

Die zwei Seiten der Tür

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In der Welt gibt es viele Türen, und dann tritt immer ein neues Innen und ein neues Außen in Erscheinung, so sinniert Jack über die überwältigende neue Welt, als er nach einigen Tagen in Freiheit das ihm Widerfahrende in Worte zu fassen versucht. Und so wie er langsam das Leben begreift, erlangt auch der Film selbst immer mehr Verständnis über das Verhältnis von Innen und Außen und lässt von allen Seiten Blicke zu. Room eignet sich zwar immer wieder die Perspektive des Kindes an, erhebt dies allerdings nicht zu seinem vordergründigen Prinzip, um sich erzählerisch auf die faule Haut legen zu können. Jacks Kommentare, die ab und an aus dem Off hervorklingen, sind mitunter die intimsten Innenperspektiven in diesem Film. Manchmal ermächtigt sich die Kamera seines subjektiven Blicks, die Tonspur surrt und verzerrt sich. Ein andermal wiederum ist Jack enigmatisches Beobachtungsobjekt, dessen Entwicklung undurchsichtig bleibt, das unvermittelt Ängste ablegt, plötzlich Beziehungen etabliert hat. Abrahamson besitzt da durchaus auch den Mut, sich genügend Auslassungen zu erlauben und den Figuren etwas Geheimnisvolles zu bewahren. Raum ist ein schöner Film geworden, nicht nur weil er dezent und wohlüberlegt mit seinen stilistischen Mitteln umgeht, nicht nur weil er trotz einer gewissen Abgeschlossenheit, die das Feld der erzählten Zeit präzise absteckt, Vergangenheit und Zukunft sachte betastet, aber lediglich wie ein hauchdünnes Transparent über seine filmische Jetzt-Zeit legt, sondern weil er es vermeidet, es sich in einer festgefahrenen Nische bequem zu machen.

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