Pornografie & Holocaust

... wie passt das zusammen? Ari Libskers Dokumentarfilm folgt den Spuren der Sexualisierung eines Traumas in der israelischen Shoah-Kultur.

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Eine Blondine mit Hakenkreuzbinde, vollbusig, wie der tiefe Ausschnitt der eng anliegenden Uniform zeigt, schwingt lustvoll ihre Peitsche. Der muskulöse Rücken des gefesselten amerikanischen Soldaten ist von blutigen Striemen überzogen. Die SS-Offizierin foltert und vergewaltigt den Mann, bis er sich befreien und an ihr rächen kann. So oder ähnlich verläuft der Plot vieler pornografischer Stalag-Heftchen, die im Israel der frühen 1960er Jahre zu einem Massenphänomen wurden. In den Stalags – eine Abkürzung von „Stammlager“ – verwandelten sich die deutschen Kriegsgefangenenlager während des Zweiten Weltkriegs in wahre Sado-Maso-Camps für über Feindesland abgestürzte amerikanische oder britische Piloten. Die Autoren dieser Groschenromane, die aus vermeintlich authentischer Ich-Perspektive geschrieben sind, trugen englische Namen wie Mike Longshot, Mike Baden oder Ralph Butcher. Hinter den Pseudonymen verbargen sich Israelis, oftmals Kinder von Holocaust-Überlebenden. Pornografie & Holocaust geht der Geschichte dieser bizarren Verbindung von Grauen, Sex und Popkultur nach.

Eli Keidar war gerade einmal 23 Jahre alt, als er 1961 unter dem Namen Mike Baden den Begründer des Genres, „Stalag 13“, schrieb. Der Groschenroman, der Nationalsozialismus und Sexploitation zusammenbrachte, wurde zum Bestseller. Für den Autor war die Sexualisierung auch ein Weg, mit dem biografisch stets präsenten Thema der Gewalt umzugehen: Keidars Mutter hat ihre gesamte Familie im Holocaust verloren. Als Kind vermittelten ihm seine Eltern ein ständiges Gefühl der Bedrohung und Todesnähe. Gesamtgesellschaftlich spielte sich nun eine interessante Parallelisierung ab, denn die Stalags boomten zeitgleich zum Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Während die israelische Öffentlichkeit durch die landesweiten Rundfunkübertragungen der Zeugenaussagen erstmals den Überlebenden Gehör schenkte, blühte an den Kiosken der Handel mit NS-Folterlust-Fantasien. Für eine Generation junger Israelis kamen hier zwei Tabus zusammen: die bislang beschwiegene Vergangenheit der eigenen Eltern und der Reiz der Pornografie. Zu dieser Zeit waren die Stalags für die meisten Jugendlichen im damals prüden Israel die einzig verfügbare Sexliteratur. Viele Jungs haben zum ersten Mal über den detailreichen Schilderungen grausam-lüsterner SS-Dominas masturbiert, so erfährt es das Publikum aus Pornografie & Holocaust.

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Autor und Regisseur Ari Libsker benennt auch den Vorläufer der Pulp-Hefte. Denn schon die Romane des Auschwitz-Überlebenden Yehiel Dinur vermischten historische Erfahrung und sadistische Fiktion. 1953 publizierte Dinur unter dem Namen K.Zetnik „Das Haus der Puppen“, wo er über jüdische „Feldhuren“ und „Freuden-Abteilungen“ für deutsche Landser auf dem KZ-Gelände schrieb. Eine offizielle kollektive Zwangsprostitution jüdischer Frauen für NS-Soldaten hat es zwar ebenso wenig gegeben wie weibliche SS-Offiziere. Dennoch halten sich beide Vorstellungen hartnäckig, was sich später auch in der Filmgeschichte der 1960er und 70er Jahre widerspiegeln wird. Dort widmen sich das Sadiconazista-Genre und die Naziploitation ausgiebig der Sexualisierung der Opferrolle, und eine Figur wie die dralle Lagerkommandantin Ilsa (Ilsa –She-Wolf of the SS, 1974) wird zur grenzwertigen Popikone.

In der israelischen Gesellschaft der 1950er Jahre jedoch lieferte K.Zetnik die ersten Schilderungen aus dem Inneren des Vernichtungssystems. Seine teils deftige Pornografisierung prägte die kommenden Geschichtsbilder: „Schultz presst sein langes Rohr an sie“, heißt es da in „Das Haus der Puppen“. Während die Stalags 1963 nach einem Gerichtsprozess um den bekanntesten und extremsten unter ihnen, „Ich war Oberst Schultzes Hündin“, als polizeilich zu beschlagnahmender Schund galten, zählen K.Zetniks Romane seit den 1990er Jahren zum gängigen Schulstoff, mit dem bereits Grundschüler konfrontiert werden. Es ist spannend zu sehen, wie früh und in welchen psychologischen Zusammenhängen der sexualisierte Blick auf die Vergangenheit erstmals entstanden ist. Auch heute zählt die Perspektive des sadistischen Täter-Begehrens zum festen Repertoire von Holocaust-Dramen, zuletzt zum Beispiel in Habermann (2010). Doch nicht nur die Identifikation mit den Peinigern taugt als Stimulus – auch die symbolische Rache an ihnen. So schildert einer von Libskers Gesprächspartnern ganz unverblümt die Fantasien, die seine Freundin in ihm auslöst: „Der Gedanke an diese nichtjüdische Deutsche erregt mich so, dass ich sie im Namen der sechs Millionen ficke. Und zwar so, dass ich sie von hinten ficke oder Gewalt anwende. Das macht mich an. Und es macht sie an.“ Dabei stelle sich der israelische Rechtsanwalt ihren Großvater vor: einen SS-Offizier, der Juden tötete.

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Pornografie & Holocaust mischt seine schwarzweiß wiedergegebenen Interviews mit den knallbunten Titelbildern der Stalags und zusätzlichem Dokumentarmaterial, etwa von Adolf Eichmann und den Zeugen im Prozess gegen ihn. Der Film wirft viele Fragen über den Umgang mit Gewalterfahrungen, die Stereotypisierung von Erinnerung und die Lust am absolut Verbotenen auf. Damit ergänzt er das kanonisierte Gedenken um seine meist lieber im Dunkeln belassene andere Seite.

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Kommentare


rebecca

WArum die "Stalags" als Unterrichtsmaterial nicht auch hinzuzuziehen sind, wäre eine weitere Frage, sie sind schließlich auch Zeitdokumente.


Sonja

Zeitdokumente sicher - aber des Israels der 1960er Jahre und generell des komplizierten Umgangs mit der Vergangenheit und den schrägen Blüten der Popkultur. Ich denke, für Schulunterricht zum Thema NS-Zeit wäre das wohl eher verwirrend, für Uni-Psychologieseminare aber sehr spannend.






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