ostPunk! too much future
Die DDR-Punkszene war für die meisten bislang eine Terra incognita. ostPunk! too much future porträtiert sechs ihrer Protagonisten und wartet mit spektakulärem, größtenteils unveröffentlichtem Archivmaterial auf.

Der Film positioniert sich bereits mit seinem Titel. Bezugspunkt und Gegenstück ist nicht die BRD-Punkbewegung, sondern das britische Original. No future? Zu viel Zukunft, so die Antwort auf den klassischen Slogan, ist auch nichts Schönes. Der Alptraum eines bis ins Detail durchgeplanten Lebens ein ebenso guter Grund zur Rebellion. ostPunk! too much future ist so zum einen ein Beitrag zur Universalgeschichte des Punk, zum anderen ein originäres Stück DDR-Geschichte. Das ist nichts Selbstverständliches: Allzu oft schimmert in Filmen über die DDR „Westdeutschland“ als Vergleichsfolie hindurch und dient die Wiedervereinigung als narrativer Fixpunkt. In diesem Film hingegen werden die 1989er „Helden von Leipzig“ von einem der Protagonisten mit den Worten abgekanzelt: „Und wo wart Ihr zehn Jahre vorher?“

1979 war man im offenen Widerstand gegen das System noch ziemlich allein. In diesem Jahr erschienen in der DDR die ersten Punks auf der Bildfläche. Was der Film über die Anfänge der Bewegung berichtet, ließe sich zwar noch recht leicht mit der Entwicklung jenseits der Mauer parallelisieren. Vieles, was man hier zu sehen und zu hören bekommt – der radikale Bruch mit der alten Identität, das Bekenntnis zum Im-Hier-und-Jetzt-Sein, der unbedingte Stilwille, die Distinktionskämpfe innerhalb der Szene –, glaubt man ganz ähnlich in Jürgen Teipels Doku-Roman Verschwende deine Jugend (2001) gelesen zu haben. Doch spätestens 1983 trennten sich die Wege: Positiv gewendet könnte man sagen, dem Ostpunk blieben die Abdrift in Uniformierung und NDW-Kommerzialisierung erspart, der Kampf gegen das System ging hier jetzt erst richtig los. Negativ formuliert heißt das: Das System begann zurückzuschlagen. Die anfangs noch ignorierten Punks, die sich teils auch gar nicht als politisch verstanden, wurden massiver staatlicher Repression ausgesetzt. Alle der in dem Film Porträtierten bekamen das zu spüren, drei von ihnen wurden, zum Teil mehrmals, inhaftiert.
ostPunk! too much future ist Teil eines gleichnamigen Projekts, das vor zwei Jahren mit einer Ausstellung in Berlin begann. Zwei weitere Ausstellungen sollen dieses Jahr in Dresden und Leipzig folgen, ein Interview-Buch und eine CD sind für den Herbst angekündigt. Der Film beeindruckt schon durch die schiere Fülle des Materials, oder vielmehr: beeindruckend ist, dass es die Archivaufnahmen, darunter mehrere illegale Konzertmitschnitte, überhaupt gibt. Zwar wirkt er formal zunächst recht konventionell mit seiner typischen Mixtur aus Bilddokumenten und Zeitzeugeninterviews – auch die gelegentlichen Verfremdungen auf Ton- und Bildspur ändern daran nicht viel, eher wirken sie manchmal effekthascherisch. Aber der flotte, rhythmische Schnitt wird dem Gegenstand gerecht, und in der Inszenierung der Interviews setzt der Film gekonnt das von der Künstlerin Cornelia Schleime ausgegebene wichtigste Credo der Bewegung um: „Wir wollten Einzelwesen sein.“

Die sechs Befragten, allesamt einstige Protagonisten der Szene, werden in jeweils unterschiedlichen Settings gezeigt, die nicht nur viel über ihr heutiges Leben verraten, sondern sie auch trefflich charakterisieren. Die hellen, luftigen Ausstellungsräume etwa, in denen Schleime interviewt wird, die erfolgreiche Malerin, die die von ihr verkündete Maxime am konsequentesten verwirklicht hat, stehen in deutlichem Kontrast zu dem engen, zugestellten Zimmer von Mita Schamal. Für sie war die Konfrontation mit dem Staat am folgenreichsten, als Schlagzeugerin der systemkritischen Band Namenlos kam sie mit 17 ins Gefängnis und leidet bis heute an den Folgen von Verhören und Psychoterror.
Mit der Vergangenheit gebrochen hat, dem eigenen Selbstverständnis nach, keiner der sechs – aber sie wurde in sehr unterschiedlichen Lebensläufen fortgeschrieben. Ex-Planlos-Bassist Daniel Kaiser ist heute technischer Direktor eines Opernhauses. Bauunternehmer Mike Göde vollbringt das Kunststück, sein Faible für Haus, Garten und teure Autos mit der Zweitexistenz als Hardcore-Sänger unter einen Hut zu bekommen. Bernd Stracke, ehemals Sänger bei Wutanfall, engagiert sich als Sozialarbeiter gegen rechts und sieht sich als „Freund der Demokratie“ – mit dem politischen System der BRD hat er seinen Frieden gemacht.

Nicht alles in ostPunk! too much future also mag westsozialisierten Linken schmecken, einiges mag sie irritieren. Die enge Beziehung der Szene zur Kirche zum Beispiel, die den Punkbands Unterschlupf und Raum für Konzerte bot. Auch wirbelt der Film Zeichensysteme tüchtig durcheinander. Wer im Westen hätte je von einer engen Symbiose zwischen Punk und Rugby gehört? Wer ließ sich je von seiner Oma Exploited-Platten mitbringen? Im Osten eine Notwendigkeit, weil nur Rentner ausreisen und solche Machwerke über die Grenze bekommen konnten, ohne Verdacht zu erregen. Originäre DDR-Geschichte ist der Film also, weil er eine Spielart des Punk zeigt, die nur unter den spezifischen Bedingungen dieses Staates denkbar war. Universal ist er, weil er zeigt, dass Punk stets Ausdruck und Folge des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen Staat und Individuum ist.
Filmkritik von Maurice Lahde
Veröffentlicht am 03.08.2007
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Film-Angaben
Titel: ostPunk! too much future
Deutschland 2007
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: Carsten Fiebeler, Michael Boehlke
Drehbuch: Michael Boehlke, Henryck Gericke, Michael Boehlke, Carsten Fiebeler
Produktion: Jens Meurer
Darsteller: Cornelia Schleime, Colonel, Daniel Kaiser, Bernd Stracke, Mita Schamal, Mike Göde
Kinostart: 23.08.2007
Copyright ostPunk! too much future
Fotos: © SUBstitut
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