Oben

Pixar bleibt nach Wall-E auf dem Höhenflug.

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Auch Carl Fredericksens Träume beginnen im Kino. Am Anfang sieht man den Helden von Oben als kindlichen Zuschauer einer Wochenschau, die von den Reisen des berühmten Abenteurers Charles F. Muntz berichtet – schwarzweiß und flächig, versteht sich, während der Gegenschnitt den Kinosaal in drei Dimensionen zeigt. Wie nebenbei präsentiert diese Szene schon die Haltung des Films zu der neuen 3-D-Technik. Durch den direkten Vergleich führt er ihren visuellen Mehrwert beeindruckend vor und gibt ihr zugleich den Rang einer nicht zwingend notwendigen Sekundärtugend: Zentrales Moment in der Initiation des Helden ist ein 2-D-Film in Schwarzweiß.

Oben vertraut der zeitlosen Kraft des klassischen Erzählkinos und nutzt das 3-D-Verfahren als ein – für die Darstellung schwindelerregender Höhen allerdings einschlägiges – Stilmittel. Ein ästhetisch fraglos eher konservativer Ansatz, doch dabei bedient sich das Pixar-Team dieses Mittels mit einer angenehm unaufdringlichen Souveränität. Den Jahrmarktsgag der ins Publikum fliegenden Gegenstände (dessen Reiz ungefähr die Halbwertszeit einer Trailerlänge hat) sucht man in Oben vergeblich. Die Leinwand fungiert vor allem als Fenster in die Tiefe, nur gelegentlich dürfen Charles Muntz' Kampfhunde ihre bedrohlichen Schnauzen in den Zuschauerraum strecken.

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Sicher drückt sich der Film damit auch ein wenig vor der Frage, wie man einen dreidimensionalen Bildraum, der seinem Wesen nach ins Grenzenlose strebt, sinnvoll in die durch die Kadrierung bedingten Grenzen einbetten kann. Aus anderen neuen 3-D-Filmen kennt man schon den komplett bizarren Effekt, der entsteht, wenn „vor“ der Leinwand agierende Objekte sich dem Kaderrand nähern oder von ihm abgeschnitten werden. Oben umgeht solche Fallen – deren Herausforderung anzunehmen bleibt indes späteren Filmen vorbehalten.

Ob Oben also einst in den Kanon der wegweisenden 3-D-Filme aufgenommen wird, ist ungewiss. Ein Platz unter den Animationsfilmklassikern dürfte ihm dagegen sicher sein. Nach Wall-E hat Pixar innerhalb kurzer Zeit ein zweites Meisterwerk vorgelegt. Ein Befund, für den allein die erste Viertelstunde des Films ausreichte, vor allem die Sequenz, die das Leben und die Liebe von Carl und Ellie zeigt, in allen Höhen und Tiefen, von der Kindheit bis ins Alter. Der Stoff eines ganzen Films in ein paar Minuten und ohne Worte. Und eine Bildfolge, die die leidige Diskussion, ob computeranimierte Figuren uns ebenso berühren können wie richtige Menschen, gegenstandslos macht.

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Ellie stirbt, kurz bevor die beiden ihren in Kindertagen gefassten Plan doch noch verwirklichen können: eine Reise nach Paradise Falls, eine lost world im südamerikanischen Dschungel, in dem sich die Spur ihres Idols Charles Muntz vor Jahren verloren hat. Vorlage für ihren Traum ist eine Kinderzeichnung Ellies, die ein kleines buntes Häuschen auf einem hoch über den Urwald ragenden Plateau zeigt. Als nun Carls reales Haus einer Neubebauung seines Viertels im Wege steht, beschließt er kurzerhand, es mit Tausenden von Ballons an jenen Wunschort zu fliegen. Und das Versprechen, das er seiner Frau einst gab, doch noch einzulösen.

Mit guten Einfällen gehen Pixar-Filme in der Regel fast verschwenderisch um. Auch Oben sprüht vor Ideen, von denen einige allein schon einen ganzen Film tragen könnten: zum Beispiel eine Hundearmee mit elektronischen Halsbändern, mit deren Hilfe die Gedanken der Tiere übersetzt werden. Sie sind in Paradise Falls auf der Jagd nach einem bunten Riesenvogel, dessen Fund den Ruf des als Scharlatan geschmähten Charles Muntz wiederherstellen soll. Als Carl sein einstiges Jugendidol und dessen fantastisches Luftschiff dort wiederfindet, stellt der sich als skrupelloser Egomane heraus, der aus Gier nach Ruhm über Leichen geht.

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Der Verwirklichung des Lebenstraums stehen also allerlei Hindernisse im Weg. Als größtes erweist sich, dass Carl selbst allmählich aus der Rolle des einsamen Abenteurers herausgedrängt und stattdessen zum Mittelpunkt einer kuriosen Patchwork-Familie gemacht wird. Dazu gehören der achtjährige Pfadfinderjunge Russell, der als unfreiwilliger blinder Passagier in Carls Fluggefährt landet, ein abtrünniger Hund aus Muntz' Truppe und der gejagte Riesenvogel selbst. Diesen vor Muntz' Schergen zu beschützen wird zu Carls Hauptaufgabe, die er erst widerwillig annimmt und die sein eigentliches Ziel in immer weitere Ferne rückt.

Der Ballonverkäufer Carl ist ein gar nicht allzu weit entfernter Verwandter von Clint Eastwoods Walt Kowalski in Gran Torino: ein grantiger Alter, der die Welt nicht mehr versteht, aber es jederzeit mit ihr aufzunehmen bereit ist. Der sich die Abschiebung ins Altersheim, euphemistisch „Residenz“ genannt, verbittet und auf vertrackten Wegen Freundschaft mit einem kleinen Jungen aus der Nachbarschaft schließt, den er zunächst nur loswerden will. Auch Carl wächst dank dieser Freundschaft über sich selbst hinaus und findet schließlich Erlösung, die in diesem Fall freilich um einiges lebensfreundlicher ausfällt. Wenn er nach verlustreichen Luftkämpfen zuletzt doch „oben“ ankommt, dann in ganz anderem Sinne als vorher erhofft. Dabei zeigt der Film, das ist das Schönste daran, dass man einen alten Traum durch einen neuen ersetzen kann, ohne ihn zu verraten. 

Trailer zu „Oben“


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Kommentare


Coli

Wirklich ein wunderbarer Film!


Stephon07

Für mich der einfühlsamste Pixar aller Zeiten.

Selbst wenn ich "Monster AG" am Lustigsten fand, so ist die Thematik eine pure Fiktion, während die Handlung hier eine fantasievolle Erzählung einer bitteren Realität ist.

Ich finde es hervorragend, wie Pixar es schafft, sein Publikum nach teils sehr ernsten und traurigen Szenen zum Lachen zu bringen. Das zeugt irgendwie von Genialität.

Wer Pixar mag muss diesen Film sehen, egal welcher Altersklasse man angehört. Aber Vorsicht ist geboten bei älteren Zuschauern: die Thematik drückt aud die Tränendrüse, inspiriert aber auch die Abenteuerlust.


Ulla

Zuerst wollte ich meine Kinder alleine in den Film schicken, bin dann aber doch mitgegegangen. Ich habe es nicht bereut. Dieser Film ist ein absolutes Highlight in der Uniformität der Kinobanalität. Allein die Mimik und Lebensgeschichte des nur vordergründig griesgrämigen Alten hat ausreichend Potential, um den ganzen Film zu tragen. Aber natürlich ist das noch längst nicht alles. "Oben" ist ein fantastischer Kinofilm für die ganze Familie, der so lustig, tiefgründig, spannend und doch anrührig ist, dass der Kinosaal tobt. Reingehen!!!!


Freddy

Ich fand den film echt lustig haha aber eher was für kleine kidis.
Die grafik ist aber der hammer.


Sascha

Wir haben den Film gesehen und sind nicht wirklich begeistert!
Meine Tochter (6) hat den Film stellenweise nicht verstanden! Das ist wieder einer der Filme die eher was für Erwachsene sind und nicht für kleine Kinder.
Stellenweise war er echt gut aber das reicht nicht um ihn noch mal zu gucken!


Axel

Im eigentlichen sind mir Pixar Filme, immer "nicht so das wahre" gewesen.

Doch "Oben" ist eine ganze neue Art, möchte man sagen.

Dieser Film zeigt die harte Realität und zugleich die "Wunder des Lebens".

Ich habe ihn schon an die 10 mal gesehen, doch Trotz alledem, schau ich ihn mir, noch mit einer genau so gleichen Faszination und Begeisterung an wie beim ersten mal.

Es berührt und lässt einen zu Träumen beginnen, meiner Meinung nach, kann es ruhig mehr von solchen guten Umsetzungen des Lebens geben.

O.k es ist nur ein Film, aber wann im Leben haben wir die Zeit und die Kraft einen Moment lang sich so fallen zulassen und besonders seine Phantasie so gehen zulassen. Es ist ein Chance!

Mein Rat:
Schauen sie sich den Film an, er wird ihr Leben um ein schönes Gefühl bereichern.
Und vielleicht packt Ihnen auch der Sinn nach Abenteuer.






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