My Only Sunshine

Vom Ausbruch und vom Recht auf Freiwilligkeit: Reha Erdem hat einen Film über das Finden eigener Wege gedreht.

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Bereits der Titel provoziert eine universale Lesart: Hayat Var, wie der Film im Original heißt, bedeutet so viel wie „Das ist das Leben“. Ein auf den ersten Blick einfacher Coming-of-Age-Storybogen wird zu einem Kommentar auf das Leben selbst, die frühpubertäre Findungsphase seiner Protagonistin wird symbolisch aufgeladen. Zugleich ist der Titel ein Wortspiel, denn Hayat (türkisch: Leben) ist auch der Vorname der Protagonistin von Erdems fünftem Spielfilm.

Kein klassischer Coming-of-Age-Film

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Diese hat gerade erst ihre erste Periode bekommen. Hayat (Elit İşcan) steht am Anfang ihrer Pubertät und steckt doch schon mitten in den Problemen dieser prägenden Zeit. Obwohl sie ein hübsches Mädchen ist, wird sie in der Schule gehänselt. Sie lebt zusammen mit ihrem Vater (Erdal Beşikçioğlu) und ihrem Großvater (Levend Yılmaz) in einer Holzbaracke am Bospurus. Der Vater schlägt sich mit zwielichtigen Geschäften herum, ihr Großvater liegt im Sterbebett an einer Sauerstoffflasche und bettelt nach einer letzten Zigarette, die ihm aber zunächst keiner genehmigen will. Währenddessen ist Hayats Mutter (Banu Fotocan) schon längst mit einem neuen Mann, einem strengen Polizisten, zusammen: Die von My Only Sunshine vorgetragenen Konflikte sind alles andere als neu, um einen klassischen Coming-of-Age-Film handelt es sich aber beileibe nicht. Erdem widmet dem symbolhaften Gehalt seiner Geschichte mehr Raum als dem Erzeugen von Empathie für seine Figuren.

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Als Hayat in einem Tante-Emma-Laden nach ihrem Alter gefragt wird, sagt sie „Dreizehn“, dann räuspert sie sich und verbessert sich: „Nein, vierzehn.“ Man weiß nicht so recht, ob sie lügt oder ihr Alter in diesem Moment schlichtweg vergessen hat. Eine symptomatische Szene für Erdems Film, denn nicht nur Hayats genaues Alter erfahren wir nie. Vieles lässt der Regisseur im Ungewissen, beleuchtet es nur mit sehr fadem Licht. Eine Vergewaltigung der Protagonistin wird ebenso lose angedeutet wie eine mögliche Homosexualität von Hayats Vater, denn die Rolle eines rätselhaften Fremden, der nach ihm fragt, bleibt unklar. Der Vater beliefert die großen Industrieschiffe mit Prostituierten. Aber ob er wirklich hauptberuflicher Zuhälter ist oder womöglich ein arbeitsloser Fischer, der das Gesetz übertritt, um über die Runden zu kommen, wird nicht aufgeklärt. Sicher scheint sein berufliches Treiben jedoch ein Grund für die Trennung von Hayats Eltern gewesen zu sein, denn der neue Freund ihrer Mutter ist offenbar das genaue Gegenstück zum treuherzigen, liebenden leiblichen Vater: ein dogmatischer Polizist, treuer Vertreter des Gesetzes, aber im Umgang mit Hayat ein unsensibles Arschloch.

Ein Recht auf Freiwilligkeit

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Immer wieder greift Erdem auf solche Kontraste zurück. Die Mutter sieht in Hayat eine junge Frau: mit neuer Frisur und Lippenstift drängt sie ihre Tochter in die Rolle der Adoleszenz. Ihr Vater hingegen betrachtet sie noch als Kind und behandelt sie dementsprechend. Er schenkt ihr eine rote, kitschige Plüschpuppe, die per Knopfdruck aus dem Country-Klassiker You Are My Sunshine zitieren kann (der internationale Titel bezieht sich auf dieses Lied). Einen weiteren Gegensatz etabliert Erdem zwischen der spießigen Wohnung des neuen Stiefvaters und der ärmlichen Baracke des Vaters. Hayats Leben erscheint so als ein Wandel zwischen Extremen, die um sie buhlen und sie einverleiben wollen. Aber es gilt, eigene, unabhängige Wege zu finden. Und es geht auch um ein Recht auf Freiwilligkeit: nicht nur um Entscheidungsfreiheit, sondern auch um das Recht, sich einer Entscheidung zu verwehren. Ob Hayat nun Kind oder junge Frau ist, weiß sie selbst noch am wenigsten, und das muss sie auch nicht.

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Statt auf ein konventionelles Fortschreiten der vordergründigen Coming-of-Age-Geschichte lenkt Erdem durch assoziative Stilmittel die Aufmerksamkeit erfolgreich auf größere Zusammenhänge. Repetitive Elemente wie die singende rote Puppe oder ein Truthahn, an dem Hayat tretend ihren ganzen Frust rauslässt, sind das zentrale Stilmittel des Films und generieren einen ausdeutbaren Interpretationsspielraum, der auch als politischer Subtext verstanden werden kann. Nicht erst seit Jîn (2013), der eine junge Heldin inmitten des Kurdistankonflikts positioniert, sind Erdems Filme auch als politische Statements zu sehen. Auch Hayats Streben nach Unabhängigkeit hat als Pars pro Toto einer jungen türkischen Nation samt ihrer anhaltenden Identifikationssuche so etwas wie eine politische Dimension – angesiedelt in der schizophrenen Weltstadt Istanbul, die auch in Erdems Film wie kein zweiter Ort die Widersprüchlichkeiten der Türkei widerspiegelt. Während allerdings Fatih Akin etwa in seinen Filmen die schiere Größe dieser 15-Millionen-Einwohner-Metropole betont, in der sich Menschen und ihre Schicksale verlieren, fokussiert Erdem gezielt die Baracken am Bospurus fernab der großen Hochhäuser und inszeniert sie mehr im Stile einer verträumten Kleinstadt.

Das Getöse einer dichten, kleinen Welt

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Einen Hang zum Ästhetisieren kann Erdem nicht verbergen, wenn er malerisch Lichter über den nächtlichen Bospurus tänzeln lässt oder immer wieder Spiegel auffängt, um deren Reflexionen für Kameraspielereien zu nutzen. Auf auditiver Ebene ist My Only Sunshine deutlich weniger nervenschonend. Ob das Gequietsche der roten Puppe, Polizeisirenen oder das Stöhnen der großen im Bospurus lagernden Schiffe: Mit einer bemerkenswerten Penetranz legt der Film das Getöse seiner kleinen, dichten Welt über seine Bilder. Eine Welt, die Hayat förmlich keinen Platz zum Atmen lässt. Die verrauchte Baracke des Vaters scheint jedenfalls nicht der richtige Ort für sie zu sein. Es bedarf eines Ausbruchs.

Trailer zu „My Only Sunshine“


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