Mother

Wie weit geht eine Mutter für die Freiheit ihres Sohnes? Joon-ho Bong beweist erneut sein Talent für anspruchsvolles Genrekino.

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In Joon-hos Bong neuem Film Mother (Madeo, 2009) ist der Titel Programm. Im Mittelpunkt steht eine verwitwete Frau, die sich allein über ihre Mutterrolle definiert. Wie eine Glucke umsorgt sie ihren erwachsenen, geistig zurückgebliebenen Sohn Do-Joon (Bin Won) und versucht ihn vor schädlichen Einflüssen wie seinem halbseidenen Freund zu schützen.

An die von der in Südkorea prominenten Schauspielerin Hye-ja Kim dargestellte, bis zur Karikatur verzerrte Hauptfigur muss man sich erst einmal gewöhnen: eine archaische Mutterfigur, die von einem Gefühlsausbruch zum nächsten jagt. Doch gerade das Zuviel an erdrückender Mutterliebe ist auch das Thema des Films. Das Natürlichste der Welt wird zu etwas Morbidem pervertiert. Als Protagonistin und Identifikationsfigur bleibt sie nicht zuletzt deshalb so spannend, weil sie dem Zuschauer nie ganz sympathisch werden will.

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Joon-ho Bong ist ein Genreregisseur, der sein Handwerk versteht. Er drehte bereits den Serienkillerfilm Memories of Murder (2003) und den Monsterfilm The Host (2006), in dem ein krakenähnliches Geschöpf die Bewohner von Seoul heimsucht. Besonders mit Letzterem bewies er, dass er in der Lage ist, anspruchsvolles und vielschichtiges Genrekino für ein großes Publikum zu drehen. In seinem Heimatland sprengte The Host alle Kassenrekorde, hierzulande schaffte es der Film sogar in Cineplex-Kinos, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg.

Mother lässt sich wegen seiner Handlung vor allem als Thriller bezeichnen. Als Do-Joon verdächtigt wird, ein junges Mädchen umgebracht zu haben, zwingen ihn die Polizisten, ein Geständnis zu unterschreiben. Da seiner Mutter das Geld für einen Anwalt fehlt, begibt sie sich selbst auf die Suche nach dem wahren Mörder. Bong geht von einem durchlässigen Genrebegriff aus. Schon in The Host gewann der Regisseur dem Monsterfilm nicht nur reichlich komische Seiten ab, sondern erzählte auch das Drama eines verzweifelten Vaters, der um jeden Preis versucht, seine Tochter aus den Fängen des Monsters zu befreien.

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Mother ist in dieser Hinsicht noch radikaler. Mehrmals ändert der Film seinen Erzählton, wechselt nahtlos zwischen klassischen Spannungsmomenten, einem Mutter-Sohn-Drama und absurden Szenen, ohne seine Einheitlichkeit zu gefährden. Ein Gespräch mit dem Anwalt in einer Karaokebar inszeniert Bong als surreale Fantasie, die komischen Aspekte kommen etwa zum Vorschein, wenn sich die Polizisten bei ihrer Tatortbegehung an der Fernsehserie CSI orientieren.

Besonders gut gelingt es dem Film, Augenblicke voller Hitchcock’scher Suspense mit einer stilisierten Ästhetik, die man sonst eher im Arthouse-Kino antrifft, zu kombinieren. Zu einer klassischen Thriller-Situation kommt es, wenn sich die Mutter im Kleiderschrank des vermeintlichen Mörders versteckt und nur darauf wartet, bis dieser einschläft, um sich aus der Wohnung zu schleichen. Bong löst diese Szene einfach, aber doch sehr wirkungsvoll auf: Die Mutter schleicht aus dem Schrank und stößt eine Wasserflasche um. Erst erstarrt sie vor Schreck, als sie jedoch sieht, dass der Verdächtige von dem Lärm nicht aufgewacht ist, atmet sie erleichtert auf. Doch dann folgt eine Großaufnahme, die zeigt, wie Wasser aus der Flasche rinnt und langsam eine Pfütze bildet, die sich der Hand des Schlafenden nähert und ihn jeden Augenblick aufwecken wird.

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Neben dem souveränen Umgang mit solchen Genreelementen zeichnet sich Mother auch durch das Drehbuch aus, das Bong mit Eun-kyo Park und Wun-kyo Park verfasst hat. Immer wenn die Geschichte droht, zu banal zu werden – etwa gleich am Anfang, wenn die Mutter á la Miss Marple den Mordfall im Alleingang lösen möchte –, wird die Handlung durch eine überraschende Wendung in eine neue Richtung gelenkt, ohne dass die Plausibilität darunter leidet. Selbst am Schluss hat das Drehbuch noch eine Überraschung parat, mit der es die Hauptfigur in ein moralisches Dilemma bringt.

Dass Mother trotz dieser vielen Wendungen nicht auseinanderfällt, liegt daran, dass Bong und seine Helfer die Regeln klassischer Drehbuchdramaturgie perfekt beherrschen. Das zeigt sich vor allem im virtuosen Umgang mit der auch im Hollywoodkino angewandten Technik des planting and pay off – indem scheinbar nebensächliche Informationen plötzlich eine für die Handlung entscheidende Bedeutung erlangen. Das Nasenbluten des Mordopfers, die übertriebene Reaktion des Sohnes auf den Schimpfnamen „Spasti“ und der Mythos über einen Punkt im Knie, der durch einen Akupunktur-Stich alle negativen Erinnerungen auslöscht, all diese Elemente werden vom Drehbuch so eingesetzt, dass sich der Kreis am Ende doch noch auf überzeugende Weise schließt.

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