Memoria del Saqueo - Chronik einer Plünderung

„Wie ist es gekommen, dass Argentinien, diese Kornkammer der Welt, Hunger leiden muss?“, wundert sich der argentinische Regisseur Fernando Solanas. In Memoria del Saqueo - Chronik einer Plünderung werden durch eine Mischung von Archivbildern und selbst gedrehtem Material die neoliberale Politik und die Korruption der politischen Elite verurteilt. Solanas, der unter anderem für La Hora de los hornos (Die Stunde der Hochhöfen, 1967) bekannt ist, wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Memoria del Saqueo - Chronik einer Plünderung

Die Mode der militanten Filme schien bis jetzt hauptsächlich die Regierung der Vereinigten Staaten zu betreffen. Sei es Michael Moore (Fahrenheit 9/11, 2004), William Karel (Le Monde selon Bush, 2004) oder Errol Morris (The Fog of War, 2003), es scheint sich ein richtiger Trend – mittels krasser Polemik oder auch nur leise angedeuteter Skepsis – zur Kritik der Hegemonie der größten Macht der Welt entwickelt zu haben. Dabei herrscht in Europa weitgehende Übereinstimmung in der Kritik, lediglich die formalen Aspekte der einzelnen Filme gaben Anlass zu Diskussionen.

Überraschender für ein europäisches Publikum ist der Film Memoria del saqueo - Chronik einer Plünderung des argentinischen Regisseurs Fernando Solanas. Hier erfährt man wie das reichste südamerikanische Land wieder in die Unterentwicklung abfiel. Protagonisten dieses Dokumentarfilmes sind die politische Elite, unter anderem der ehemalige Präsident Carlos Menem, der für die größte Welle von Privatisierungen in der Geschichte Argentiniens verantwortlich ist, die großen multinationalen Konzerne und der internationale Währungsfond. Der Regisseur wählt als Ausgangspunkte seiner filmischen Untersuchung die Sperrung aller privaten Bankkonten im Dezember 2001, die massiven Demonstrationen auf dem Platz des 2. Mai in Buenos Aires, die u.a. den Rücktritt des damaligen Präsidenten Fernando de la Rua nach sich zogen, und der so genannte Fluch, der schon seit dem 19. Jahrhundert auf Argentinien liegt: die Staatsverschuldung.

Memoria del Saqueo - Chronik einer Plünderung

Sehr ausführlich werden diese Themen anschließend behandelt. In seiner Argumentation holt der Regisseur dabei in alle Richtungen aus: sein roter Faden geht bis zur Zeit des Kolonialismus und der Diktatur der 70er Jahre zurück. Wer mit einer guten Kenntnis der Wirtschaftsmechanismen ausgerüstet ist, kann vielleicht von einem unangenehmen Gefühl der Verwirrung verschont bleiben. Sonst versteht man nur die allgemeinen und nicht besonders neuen Tatsachen: die Regierenden sind korrumpiert und zynisch, die multinationalen Konzerne erlauben sich viel mehr im Ausland als in ihren Ländern und die im Film thematisierten Privatisierungen bedeuten eine Plünderung des Volkes. Wer sich den Film in einer linksradikalen Laune ansieht, wird sich in seiner Meinung wahrscheinlich bekräftigt fühlen, denn Solanas unterstützt den Protest. Der durchschnittliche Zuschauer, wenn es eine solche Spezies überhaupt gibt, würde vielleicht von einer leichteren Argumentation profitieren, anstatt der von Solanas exzessiv ausgebreiteten Quantität von Beispielen, Ziffern und Namen.

Klarer und dadurch kohärenter ist der Stil des Filmes, der sich – schon im Vorspann – keine Mittel des sensationalistischen Dokumentarfilms versagt und hier besonders auffällig abwechselnd Bilder der extremsten Armut mit in Untersicht gefilmten Aufnahmen der modernsten Gebäude der Hauptstadt zeigt. Hinzu kommt auch noch die Unterteilung der ganzen Ausführung in Kapitel, deren Titel herangezoomt werden und grafisch an altmodische Werbesprüche und die Ästhetik von Boulevardzeitungen erinnern.

Mit seinem ironischen Unterton, der sich vor allem in manchen Interviews zeigt, gelingt es Fernando Solanas ein stillschweigendes Einverständnis mit den Zuschauern zu erlangen. Diese Methode mancher Dokumentarfilme, durch Humor eine Verbindung mit dem Publikum aufzubauen, wird beispielsweise in der Szene deutlich, in der ein Abgeordneter, der seine Theorie über die Notwendigkeit von Zynismus in der Politik erläutert, sich selbst in seine lächerliche und dabei tautologische Argumentation verwickelt. Spott wird mit der nüchternen Erklärung der Tatsachen zu einem Teil der Subversion.

Memoria del Saqueo - Chronik einer Plünderung

In diesem allerdings sehr klassischen Rezept zeichnet sich eine kurze Klammer aus, in der Ironie und Darlegung eins werden, um die Wahrheit der Korruption am besten aufzuzeigen. Diese Parenthese entbehrt jeglicher Ziffern, Diskurse und Erklärungen, denn sie besteht ausschließlich aus Archivbildern der 90er Jahre, die mittels ihrer Zusammensetzung in der Montage viel wirksamer und aufklärender sind als der Rest des Films: dämliche Fernsehprogramme und völlig unkritische Journalisten sind hier viel bessere und treffendere Beweise der Korruption. Diese gelungene Auswahl anekdotischer Bilder setzt sich vom Rest des Films ab, die Ausschnitte stellen die Dummheit bloß und dienen als Metaphern der wirklichen Korruption, nämlich der der Moral.

Solanas ist es in seinem Film auch gelungen, die Kulissen der Macht zu filmen. Die Aufnahmen des Inneren des Präsidenten-Palastes und ihre kalte Ästhetik suggerieren tatsächlich die Illegitimität der regierenden Oberschicht. Wenn Memoria del saqueo als Ganzes auch kein großartiger Dokumentarfilm ist, sind es Aufnahmen wie diese, die ihn dennoch bemerkenswert machen. Dazu gehören auch die Bilder von der Polizei, wie sie in Buenos Aires auf friedliche Demonstranten hemmungslos einprügelt. Solche Aufnahmen sind auch als Beitrag zum Aufbau des politischen Bewussteins sehr wertvoll. Solanas gelingt mit diesen Bildern zugleich ein Zustandsbericht von der Demokratie und vom Demokratieverständnis Argentiniens.

Sehr prägend für den Film ist ein Gefühl von einem Abgrund, in den Argentinien gefallen ist. 35.000 Menschen sterben hier jährlich an Unterernährung, mehr als in den Jahren der Diktatur. Von diesem Standpunkt aus hat der Film vor allem durch den Einsatz von Bildern der Armut sein wichtigstes Ziel erreicht: Memoria del saqueo zeigt uns, dass Unterentwicklung nicht nur die armen Länder betrifft, als wäre sie ein ewiger Zustand nur einiger verfluchter Zonen der Welt. Sie steht gleichsam als ein Menetekel an den Wänden auch ganz normaler Gesellschaften, in denen sich die politische Klasse, zusammen mit den Akteuren der internationalen Wirtschaftspolitik, soweit verselbstständigt, dass sie sich unkontrolliert auf Kosten des Volkes bereichern und in illegitime Aktivitäten verwickeln lassen kann.

 

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