Mein Freund Knerten

Ein Zweig als bester Freund? Für den kleinen Lillebror, der mit seinen Eltern aus der Stadt ins grüne Nirgendwo zieht, kein Problem.

Knerten 03

„Erwachsene habe keine Fantasie“, muss der kleine Lillebror (Adrian Grønnevik Smith) feststellen. Seine Eltern können sich nicht ausmalen, was es für ein Kind bedeutet, aus seinem sozialen Umfeld gerissen und wie ein Baum mitten in den Wald verpflanzt zu werden. Vor allem bemerken sie nicht, dass der etwa sechs Jahre alte Junge die Einsamkeit des Landlebens kompensiert, indem er sich einen imaginären Freund schafft: den sprechenden Zweig Knerten. Dank der kindlichen Vorstellungskraft kommunizieren Mensch und Natur direkt miteinander, der Wald erwacht zum Leben und gibt den Blick frei auf die märchenhafte Prinzessin Vesla (Amalie Blankholm Heggemsnes) mit ihrem Pferd Pegasus.

Åsleik Engmark hat mit Mein Freund Knerten (Knerten, 2009), einer Adaption der Knorzel-Bücher von Anne-Catharina Vestly, einen Kinderfilm geschaffen, der sich in vielen kleinen Momenten auch gesondert an Erwachsene richtet. Diese Doppelbödigkeit zeigt sich, wenn Engmark Situationen einflicht, die Kinder zwar wahrnehmen, aber nur begrenzt verstehen dürften. Das reicht von sexuellen Anspielungen bis hin zu einem Spielzeugesel, aus dessen Hinterteil Zigaretten kommen, was laut einer Figur zeige, „dass Rauchen scheiße“ sei. Und es endet bei der Tonspur, die mitten in einem Kinderfilm gänzlich andere Genres suggeriert, die dem eigentlichen Zielpublikum von Mein Freund Knerten wohl eher unbekannt sind.

Knerten 08

Die ironische Überschreitung des Kinderfilm-Kontexts gelingt am schönsten, wenn Engmark das Unverständnis Lillebrors gegenüber Mädchen und ihren seltsamen Beschäftigungen in Bilder übersetzt, die evil-twins-Horrorfilme zitieren. Zwei gleichaltrige Mädchen starren den Jungen stumm an, bedrohen ihn und entführen schließlich seinen geliebten Zweig, um diesen – Schreck lass nach! – in einen Puppenwagen zu stecken, innig zu herzen und mit Kleidern auszustatten. Der Film lässt dazu mal eine Western-Melodie, wie man sie aus Duell-Szenen kennt, erklingen; an anderen Stellen arbeitet die atmosphärische Geräuschkulisse mit typischen Horror-Klängen, während die Kamera ins Dunkel eines Schuppens schaut, aus dem langsam etwas zuvor Unsichtbares hervorkriecht.

Als Spross von Lillebrors Fantasie ist Knerten ein dezidiert männlicher Ast, der Mädchen ziemlich doof findet, sich aber ebenso wie sein kindlicher Besitzer vor dem nächtlichen Wald fürchtet, obwohl sein animiertes Gesicht selber mit durchaus gruseligen Zähnen ausgestattet ist. Lillebrors sonstige Umgebung hingegen ist ziemlich gesittet, schließlich spielt der detailbewusst ausgestattete Film in den 1960er Jahren. Der Unterwäsche verkaufende Vater (Jan Gunnar Røise) ist stets äußerst korrekt gekleidet, die adrette Mutter (Pernille Sørensen) arbeitet im Dorfladen und kümmert sich nebenbei um den vereinsamten Besitzer, während Lillebrors liebevoller Bruder Phillip (Petrus Andras Christensen) seine anfänglich langen Haare bald gegen eine konventionellere Frisur eintauscht. Lillebror selbst trägt eine artig gescheitelte Frisur und – wie es sich für Norweger gehört – biedere Norwegerpullover.

Knerten 02

Neben den Familienmitgliedern und dem Zweig Knerten entwickelt sich vor allem die junge Vesla zu einem Fixpunkt im Leben des jungen Protagonisten. Nicht nur entbrennt er für sie in prä-sexueller Liebe und entdeckt so, dass selbst Mädchen als Spielkameraden taugen können. Überdies entwickelt sich die Beziehung der beiden zu einer echten Freundschaft, was der imaginäre Freund Knerten zunächst gar nicht gerne sieht. Doch die etwas simple Dramaturgie des Films, die auf jeden potenziellen Konflikt strahlendes Glück folgen lässt, findet hierfür ebenso eine Lösung wie für das Außenseiterdasein Philipps und die berufliche Erfolglosigkeit des Vaters, die durch den Besuch einer berühmten Schauspielerin ins Gegenteil verkehrt wird. Und als Knerten einmal zerbricht, ist gleich der gute alte Tischler von nebenan da und repariert Lillebrors Gefährten.

Knerten 06

Auch das überdeutliche Schauspiel, das sich insbesondere in mehreren Slapstick-Szenen zeigt, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass der Film seine jungen Zuschauer offenbar nicht überfordern will. Aus demselben Grund wurden auch die Liedtexte von Jon Rørmark ins Deutsche übersetzt, was die Verständlichkeit garantiert, aber mitunter doch recht krude klingt und der Musik ihren Charme nimmt. Das Drehbuch ist sehr einfühlsam und klug verfasst, vermittelt gekonnt zwischen den Erwartungen kindlicher und erwachsener Zuschauer, hält aber den Lach- und Spaßfaktor für einen Kinderfilm relativ gering.

Knerten 10

Am stärksten ist Mein Freund Knerten immer dann, wenn es um die Erzeugung von Stimmungen geht. Neben dem bereits beschriebenen Einsatz der Tonspur sticht dabei vor allem die visuelle Kraft einer Fiebertraum-Sequenz hervor. In Wellenbewegungen geht das Bild von der Realität in die Imagination über, plötzlich durchzucken Blitze das Waldhaus von Lillebrors Familie, die Beleuchtung wird düsterer und der Sound bedrohlich. Monster scheinen in das Haus einzudringen, und Knerten, der als Kruzifix gegen sie dient, wird von Ameisen aufgefressen. Wenn der Film anschließend wieder in die Realität wechselt, schafft er eine schöne Verbindung zwischen den zwei Ebenen: Unmengen von Ameisen werden hinter den Zimmerwänden sichtbar, der Traum entpuppt sich nicht als einfache Fiktion, sondern als prophetische Vision. Die kindliche Fantasie hat etwas entdeckt, was dem vom rationalen Denken getrübten Blick der Erwachsenen entgangen ist. Dem Publikum hingegen wird keines der Abenteuer von Lillebror und Knerten entgehen. Auf der Berlinale 2011 lief bereits die Fortsetzung Knerten traut sich (Knerten gifter seg), der dritte Film der Reihe, Knerten i knipe, soll 2012 in die deutschen Kinos kommen.

Trailer zu „Mein Freund Knerten“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.