Maudie

Aisling Walsh erzählt die Geschichte der Folk-Art-Künstlerin Maud Lewis, die als Haushälterin eines Fischverkäufers unverhofften Ruhm erlangte. Was bescheiden in den 1930er Jahren spielt, riecht ziemlich stark nach heutigen Kreativarbeitsfantasien.

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„Some people don’t like it if you’re different“, seufzt Maud (Sally Hawkins) und guckt zugleich ein bisschen beseelt, weil sie ja eigentlich eine starke Frau ist, die sich die Laune so leicht nicht verderben lässt – und die gelernt hat, mit der Ablehnung einer feindlichen Umwelt so souverän umzugehen wie mit der Bevormundung durch ihre Familie. Maud ist anders, weil sie seit ihrer Kindheit an einer rheumatischen Arthritis leidet, weil sie deshalb arg zierlich geraten ist, einen Buckel hat und verkrüppelte Hände, weil sie deshalb ein bisschen komisch läuft und überhaupt die auf dem Geschlechtermarkt der kanadischen 1930er Jahre gefragten Anforderungen an eine gute Partie nicht unbedingt erfüllt. Vielleicht kann Maud diese Widrigkeiten hier auch weglächeln, weil sie ahnt, dass ein Film wie Maudie das Anderssein ja umso lieber hat. Und so macht sie das Beste draus, entflieht der Bevormundung, ignoriert die Ablehnung, sucht das Ostküstensetting nach Inseln der Autonomie ab, auch wenn das erstmal nur bedeutet, auf eine Annonce zu antworten, mit der der grantige Fischhändler Everett (Ethan Hawke) nach Unterstützung im Haushalt sucht.

Nur Augen für die wahre Geschichte

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Maud steht ganz zufällig im Kaufladen, als Analphabet Everett sich vom Ladenbesitzer die Annonce schreiben lässt, und diesen Vorteil lässt sie nicht ungenutzt. Sobald Everett draußen ist, schnappt sie sich den Zettel vom Schwarzen Brett, an dem noch unzählige andere kleben, und dieser Move fasst die triste Konventionalität dieses Biopics eigentlich ganz gut zusammen. Die irische Regisseurin Aisling Walsh hat weder Interesse an den anderen Zetteln noch an der Möglichkeit, dass jemand anders als Maud auf die Annonce stößt. Keine Neugier am Außen, keine Ahnung davon, dass es auch alles hätte anders sein können: Maudie kennt von nun an nur noch Everett und Maud, hat nur noch Augen für die Geschichte, die nun eben zu erzählen ist, weil sie ja auch wahr ist, sich tatsächlich zugetragen hat, warum sich also mit anderem aufhalten. Es ist die Geschichte der Folk-Art-Künstlerin Maud Lewis, die wir, wie man das so macht, im Abspann dann in ein paar zeitgenössischen Filmaufnahmen auch selbst kennenlernen werden.

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Davor stößt Maudie die üblichen Entwicklungen an: Everett hält die einzige Kandidatin zunächst für ungeeignet, und als er ihr dann doch eine Chance gibt, scheucht er sie herum und behandelt sie schlimmer als seine Farmtiere, wie der Film nicht müde wird zu betonen. Allmählich aber wird aus der strengen Hierarchie eine flachere, erkennen wir den weichen Kern in Everett und eine zarte Zuneigung im Abhängigkeitsverhältnis. Denn dieses lässt sich natürlich schnell umkehren, wenn etwa Maud ganz gut mit Zahlen kann, mal eben von der Haushälterin zur Buchhalterin wird und Everetts Schulden managt. Und dann nutzt Maud die wenigen Freiräume, die sich ihr bieten, um ihrem Hobby, der Malerei, zu frönen, bringt ein wenig Farbe ins triste Heim und ins triste Leben – und wird schließlich zur eigentlichen Attraktion der im Dorf kritisch beäugten Wohngemeinschaft, inklusive erster Verkäufe ihrer Bilder. Maud und Everett mögen vom Film in die 1930er gesperrt worden sein, aber eigentlich leben sie einen ziemlich gegenwärtigen Traum vom unabhängigen Mini-Unternehmen, das aus wenig viel macht: kreatives Potenzial, prekäre Zufriedenheit, kundennahe Bescheidenheit, es braucht ja nur einen Farbtopf.

Plot ins Glück

Liebe, Farbe, Empowerment, Figurenentwicklung, und das alles noch against all odds, da muss selbst die strenge Tante auf dem Sterbebett schließlich einsehen: „You seem to be the only one in the family who ended up happy.“ Und irgendwann steht sogar das Fernsehen in der abgelegenen Hütte, und in dieser Szene repräsentieren dann also ein paar unbekannte Darsteller die Mehrheitsgesellschaft und fotografieren wie im Zoo die Stars Sally Hawkins und Ethan Hawke, die freilich wiederum nur zwei einfache Leute am Rande der Gesellschaft darstellen. Die Klassenposition der Protagonisten übersetzt sich in entsprechende Herausforderungen für die Schauspieler, die diese natürlich mühelos bestehen, wie in diesem Film überhaupt gar nichts mühsam ist, obwohl es ja die ganze Zeit um Mühen gehen soll. Aber die Maschine ist zu gut geölt, um uns ein Stocken vorgaukeln zu können, und die Handlung ersehnt von Anfang an viel zu sehr die individuelle Befreiung, um uns etwas Neues über strukturelle Ungleichheiten erzählen zu können. Wenn dieser Plot in Richtung Glück mal kurz Pause macht und wir kontemplieren sollen, tut die kanadische Landschaft ihr Übriges, ein paar Gitarren klimpern mal kurz ins Blaue hinein, später werden sie ein wenig mit Streicherfett eingeschmiert. So richtig böse sein kann man dem Film nicht, aber eben: nicht einmal das.

Trailer zu „Maudie“


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