Lippels Traum
Braucht man als Kind einen Parallelkosmos, um die Erwachsenenwelt zu verstehen? Lippels Traum nimmt sich dieser Frage an und konfrontiert das Reale mit der Einbildungskraft.
Gute Kinderbücher genießen den Luxus, nicht nur immer wieder gelesen, sondern auch des Öfteren verfilmt zu werden. Paul Maars Roman Lippels Traum gehört dazu. Lars Büchels Adaption gibt sich zeitlos, sie kümmert sich nicht um Handys, Playstations, Internet und Fernsehen. Phillip, genannt Lippel, ist ein Kind des geschriebenen Worts, ein Bücherwurm. Vage erinnert man sich daran, dass es diesen Typ Kind noch geben muss. Lippels Traums beschäftigt sich mit der Flucht ins Lesen, dem Hineinfantasieren in eine Parallelwelt – mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Das ist Lippels Kampf gegen den alltäglichen Nonsens der Erwachsenen, in deren Gegenwart sich die immer gleichen Fragen stellen: Warum soll man Tomatenbrote essen, wenn sie nicht schmecken? Warum dürfen nasse Hunde nicht mit ins Bett? Es muss auch eine andere Welt geben, aber dass diese aus Kindersicht nicht unbedingt paradiesisch sein muss, hat in diesem Sommer schon die Verfilmung von Neil Gaimans Gruselbüchlein Coraline (Coraline, 2009) gezeigt.
Lippel erträumt sich nicht eine vermeintlich bessere Welt, er erschafft sich ein orientalisches Gegenstück zu seiner eigenen Umgebung, in der eine fiese Haushälterin (Anke Engelke) gebietet, während der alleinerziehende Vater und Gourmetkoch (Moritz Bleibtreu) auf Reisen ist. Die Exotik aus Tausendundeiner Nacht genügt Lippel, um das verregnete Passau zu vergessen, und so träumt er sich in einen gemächlichen, wechselnden Rhythmus zwischen bayrischer Kleinstadt und Wüstenzelt. Hier offenbaren sich die Schwächen der Verfilmung: Zu schematisch werden Kopien sämtlicher Hauptfiguren in die imaginierte Welt übertragen; dramaturgisch knüpft der Film beide Handlungsstränge recht holprig zusammen. Geträumt wird fast immer im Bett, und wer in Lippels Heimatstadt schon böse war, ist es auch im Orient.
So entstehen Doppel-Figuren, deren Überschneidungen – vor allem visuell – manchmal etwas gewollt wirken. Während Moritz Bleibtreu die schmeichelhaft gezeichnete Vaterrolle noch passabel interpretiert, scheitert er an der Figur des hartherzigen, aber gerechten Königs. Zu bitterernst und selbstversonnen gibt er den Herrscher, der seine eigenen Kinder buchstäblich in die Wüste schickt. So recht nimmt man ihm diesen Spagat nicht ab. Anke Engelke läuft ihm mit ihren beiden boshaft angelegten Figuren – Kinderschreck und skrupellose Thronräuberin – den Rang ab. Allein das Zucken ihres Mundwinkels transportiert mehr Tücke als sämtliche fiese Tagesmutter-Weisheiten zusammen, die sie Lippel an den Kopf wirft. Dass Lars Büchel wirkliches Feingefühl für die Schnittmenge zwischen Schauspieler und Figur besitzt und sensible Themen behutsam und doch klar umsetzen kann, hat der Regisseur schon in Erbsen auf halb sechs (2004) bewiesen.
In Lippels Traum lässt Büchel die Kinder keine pseudo-coolen Erwachsenen spielen, die nur zu klein geraten sind. Sie haben Ängste, sind verletzbar und versuchen, sich Abenteuern ohne großes Pathos zu stellen. Schon die Erwachsenen wie Lippels schrullige und exaltierte Lehrer sind nicht einfach zu verstehen, in seinen Augen jedenfalls nicht ernst zu nehmen. Die Konflikte zwischen dem Elfjährigen und dem strengen Konrektor seiner Schule (Uwe Ochsenknecht) erinnern fast an eine Erich-Kästner-Adaption. Lippels Schwächen wird sich liebevoll angenommen – Licht aus im Kinderzimmer! –, manchmal zu liebevoll; fast drohen die Konturen der Hauptfigur unter der unendlichen Sympathie, die für ihn entsteht, zu verschwimmen. Auch ein kleineres dramaturgisches Element wie Lippels Hund, den er auf der Straße aufliest, erhält leider keine größere Rolle als die, den treuen Freund in seinen Kinderwelten zu geben. Lippels Traum schafft es nicht gänzlich, die Analogie von Traum und Realem tatsächlich mit Fantasie zu füllen. Allzu mechanisch erscheint die Konstruktion mit Hilfe von Wiederholungen und Parallelen, die den Film an Spannung verlieren lassen. Lippels Traum kann mit dieser sprichwörtlichen Verschlafenheit und den Kontrasten von Welt und Gegenwelt zwar warmherzig unterhalten, aber leider nicht immer fesseln noch faszinieren.
Filmkritik von Andreas B. Krüger
Veröffentlicht am 01.09.2009
Kommentare zu Lippels Traum
Maja Wittmann 26.05.2010 08:44
ich finde Lippels Traum ist ein toller Film ! Ich habe ihn mir angeschaut und war echt beeindruckt! Vorallem von den Kinderdarstellern! Sie bewiesenn ihr großes Talent und faszinierten mich mit ihrer süßen und kindlichen Art. Hamide, Arslan und Lippel sind sehr talentiert und werden weiterhin bestimmt sehr viel Erfolg im Filmgeschäft haben! Natürlich waren Moritz Bleibtreu und Christiane Paul auch wahnsinnig gut aber ich glaube bei denen ist es ja klar und sie bekommen ja ohnehin genug Lob ;)! Anke Engelke dagegen war zwar sehr witzig beeindruckte mich aber nicht wirklich, da sie nicht von innen spielte und dadurch einiges "overgeactet" war...!
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Film-Angaben
Titel: Lippels Traum
Deutschland 2009
Laufzeit: 101 Minuten
Regie: Lars Büchel
Drehbuch: Paul Maar, Ulrich Limmer
Basierend auf dem gleichnamigen Jugendbuch von: Paul Maar
Produktion: Ulrich Limmer
Bildgestaltung: Jana Marsik
Montage: Sandy Saffeels
Musik: Konstantin Wecker
Darsteller: Karl-Alexander Seidel, Anke Engelke, Moritz Bleibtreu, Christiane Paul, Amrita Cheema, Steve-Martin Dwumah, Uwe Ochsenknecht, Edgar Selge, Eva Mattes
Kinostart: 08.10.2009
DVD-Angaben
Titel: Lippels Traum
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,66:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 97 Minuten
Extras: Teaser/ Trailer; Making of; Interview mit dem Autor Paul Maar
Verleih ab: 10.03.2010
Verkauf ab: 12.03.2010
Copyright Lippels Traum
Fotos: © Universum
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