Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger

Havarie im Kino: Ang Lees neuer Film lässt keinen Eisberg aus.

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Das Leben in den spirituell entleerten, kapitalistisch durchrationalisierten Gesellschaften der westlichen Welt scheint an vielen Menschen so sehr zu zehren, dass sie der ständigen „Inspiration“ bedürfen. Gemeint ist hier nicht der kreative Einfall, sondern ein Hoffnung spendender, emotional erhebender Moment. Gerade in den amerikanischen Medien wird diese Variante des Wortes inflationär gebraucht. Die Struktur ist dabei immer dieselbe: Ein Mensch steht vor einem nahezu unlösbar erscheinenden Problem, überwindet dieses dennoch und geht gestärkt aus der Erfahrung hervor. Wer von diesen Geschichten hört, überträgt deren Moral auf sein eigenes Leid und fühlt sich in seinem Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens besser gewappnet.

Im Kino wird diese Struktur häufig von Feelgood-Movies übernommen, die erst alles Elend der Welt über ihre Figuren schütten, um sie dann heroisch wie Phönix aus der Asche aufsteigen zu lassen. Diese eskapistischen Aufputschmittel heißen dann Blind Side – Die große Chance (The Blind Side, 2009) oder Ziemlich beste Freunde (Intouchables, 2011). An den Kinokassen räumen solche Filme regelmäßig ab, denn der Mensch lässt sich gerne das erzählen, was er hören will: Alles wird gut.

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In der selben Fahrrinne bewegt sich Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi, 2012), Ang Lees Katastrophenfilm-Filmkatastrophe. Lee hat früher sehr respektable Werke geschaffen (Der Eissturm, The Ice Storm, 1997; Brokeback Mountain, 2005; Gefahr und Begierde; Se, jie, 2007). Mit dieser Titanic von einem Film rammt er aber jeden erdenklichen Eisberg.

Der Anfang setzt kalkulierend auf Exotismus und süße Tiere, wird aber dank skurrilem Humor noch recht vergnüglich. Der junge, nach einem Schwimmbad benannte Inder Piscine (hier: Ayush Tandon) interessiert sich – nicht eben zur Freude seines atheistischen Vaters – sehr für Religionen und sieht keinen Widerspruch darin, gleichzeitig Hindu, Christ und Moslem zu sein. Da er aufgrund seines wie „Pissing“ klingenden Namens oft gehänselt wird, lässt er sich fortan nur noch Pi nennen. Und so wie die Zahl Pi in Darren Aronofskys gleichnamigem Film der Schlüssel zu Gott sein soll, so wird auch der erwachsene Pi (Irrfan Khan) zum Marketingassistenten des Schöpfers.

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„Eine Geschichte, die dich an Gott glauben lässt“, nennt er das, was er einem ungläubigen kanadischen Schriftsteller (Rafe Spall) erzählt. Nichts anderes führen Yann Martel, der Autor des Erfolgsromans Life of Pi, und Ang Lee im Schilde. Penetrant zieht sich ihre Missionierungsarbeit durch den gesamten Film. Pi verliert bei einem Schiffsunglück seine Familie, muss 227 Tage in einem Rettungsboot mit einem ausgewachsenen Tiger verbringen und überlebt das Ganze doch. Gott sei Dank! Wie „inspirierend“ ...

Life of Pi propagiert keine bestimmte Glaubensrichtung, sondern eine eklektische Mischung aus verschiedenen Weltreligionen und ganzheitlicher Esoterik. Das Feindbild ist jedoch umso eindeutiger: Der wissenschaftliche Rationalismus wird zunächst als engstirnig und reduktionistisch angeklagt und nach 125-minütiger Beweisführung schuldig gesprochen. Zwar beginnt auch Pi nach dem Verlust seiner Familie an Gott zu zweifeln, doch dann reißen die Wolken auf, die Sonne bricht hindurch und Pi, dem in 227 Tagen kein einziger Bartstoppel wächst, erreicht in der Nähe von Mexiko eine von unzähligen Erdmännchen bevölkerte Insel, die dem Paradies ähnelt. Und als Pi später endlich von Menschen bewohntes Land erreicht und entkräftet am Strand zusammenbricht, fühlt er im Sand „das Gesicht Gottes“. Warum sein gütiger, liebender Gott ihn auf eine solche Hiobs-Probe stellte, kann Pi nur mit dem alten theologischen Totschlagargument „Gottes Wege sind unergründlich“ erklären.

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Wenn Lee dem Zuschauer sein „ozeanisches Gefühl“ aufnötigt, ist das jedoch nur eine der Zumutungen dieses Films. Denn der Regisseur garniert seinen Kreuzzug auch noch mit einer ebenso überflüssigen wie ungelenken Rahmenhandlung und völlig überzuckertem Kitsch. Es wimmelt nur so vor gülden überstrahlten Bildern, fluoreszenten Walen und vermenschlichten Tieren. Selbst unter Lebensgefahr fühlt Pi sich so sehr eins mit den Tieren, dass er sich bei gefangenen Fischen weinend entschuldigt, den ihn bedrohenden Tiger füttert und mehr um ein Zebra trauert als um seine Eltern.

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Die Tränen rollen ohnehin immer im richtigen Moment in Life of Pi. Für den Fall, dass der Zuschauer dennoch nicht verstanden haben sollte, was er zu fühlen hat, gibt es noch Pis demonstrativ leidenden Gesichtsausdruck und einen diktatorischen Musikeinsatz obendrauf. In solchen Momenten ist man mitunter peinlich berührt von Lees Holzhammer-Methode. Die Unsubtilität, mit der er seine sentimental-religiöse Agitprop vermittelt („Gott, ich bin dein Schiff!“), tut in manchen Momenten fast körperlich weh. Das Gleiche gilt für eine Sequenz, in der Lee sich anmaßenderweise zu einer an Kubrick orientierten Vision versteigt.

Sicher, Lee hüllt seine filmische Havarie in atemberaubende Bilder. Ob das allein schon eine große Leistung darstellt, ist allerdings fraglich, denn kaum eine der überwältigenden Szenen wurde mit geduldiger Kameraarbeit „draußen“ eingefangen, vielmehr wurden alle bequem am PC errechnet. Dort lässt sich ohne großen Aufwand all das kreieren, was in der Realität nur mit Mühe zu finden ist. Die Animationen selbst mögen Höchstleistungen der aktuellen CGI-Technik sein, jedoch stehen sie immer wieder quer zu den realen Aufnahmen, mit denen sie kombiniert werden.

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Im Vergleich zu seinen stillen zwischenmenschlichen Dramen geht Lee mit dem bombastischen Life of Pi, dessen Budget von rund 100 Millionen Dollar und den Tausenden Statisten baden. Manchmal, ganz selten, passen die ergänzenden Titel, die deutsche Verleihe ausländischen Produktionen so gerne hinzufügen. In diesem Fall fassen jene drei nachgeschobenen Worte den Film perfekt zusammen: Schiffbruch mit Tiger.

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Kommentare


Sterin McCollis

"...vielmehr wurden alle bequem am PC errechnet. Dort lässt sich ohne großen Aufwand all das kreieren, was in der Realität nur mit Mühe zu finden ist." - Diese Satz schwimmt in filmtheoretisch konservativer Ideologie. Digitale Effekte und Szenen können also persé nicht *qualitativ* mit dem gekonnten "Abfilmen" konkurrieren. Ich bin mir nicht sicher, ob der Autor sich intensiv mit der arbeitsintensiven Produktion solcher Szenen auseinandergesetzt hat.


schmidtfire

Ich hatte schon befürchtet, dass der Film schlecht ist, daher überrascht mich der verriss nicht. Allerdings finde ich es gelinde gesagt etwas schade, dass mit keinem Wort erwähnt wird, dass es sich um die filmische Adaption eines (wie ich finde großartigen) Romans von Yann Martel handelt. Dieser heißt in der deutschen Übersetzung "Schiffbruch mit Tiger" - der Titel stammt also mitnichten vom deutschen Filmverleih.
Für mich macht die Kritik ohne jeglichen Bezug zum Ausgangstext keinen Sinn.


FrancisD

Es wäre mal interessant zu wissen, ob der Autor dieser Kritik das Buch gelesen hat und ob er den Film in 2D oder 3D gesehen hat.
Wie schon im Eintrag zuvor erwähnt, wird der Roman in der Kritik leider nur mal in einem Nebensatz erwähnt. Und ohne CGI-Effekte wäre die Verfilmung des Romans erst gar nicht möglich gewesen.
Auch wenn ich perönlich kein großer Freund von Buchverfilmungen bin, werde ich mir diesen Film dennoch ansehen, da ich persönlich damals beim lesen wirkich sehr begeistert von dem Buch war. Bin schon Mal gespannt, wie ich den Film wahrnehmen werde.


Emanuel

Sehr geehrter Herr Gobbin, bitte schauen Sie dieses brillante Meisterwerk noch einmal. Sie scheinen es nicht verstanden zu haben. Die gewaltigen, übersättigten Bilder, die Lee entwirft, sind Ausdruck des illusorischen Eskapismus Pis, gleichzeitig eine evidente Metapher für die Verzweiflung eines gänzlich überforderten, in eine Fantasiewelt fliehenden Jungen. Und mehr noch eine gleichermaßen nüchterne Demontage über die Illusion der Kinobilder und die Märchen der Religionen. Oder wie haben Sie's mit der Religion und dem Kino, Herr Gobbin?


Patrick Gasser

Natürlich respektiere ich die sehr kritische Meinung des Autors. Trotzdem fand ich den Film SEHR unterhaltend und ich liess mich gerne zwei Stunden in eine andere Welt entführen. Einige Ideen und Bilder des Films sind einfach fantastisch gut!


Wolfgang

Ich habe den Film gestern gesehen(3D - BlackBox) und muss mich im Wesentlichen der Kritik anschliessen. Die "Botschaft" war amerikanisch und oberflächlich, die Verschmelzung von 3D- und Realfilm keinesfalls gelungen und mit Sicherheit nicht der letzte Stand der Technologie.
Während des ganzen Films beschleicht einen das Gefühl hier wird gerade genau das erzeugt was der esoterisch ausgerichtete Mittelstandsamerikaner gerade dringend braucht. Ein ohne Scheu kalkulierender Film also. Hier wurde auch sehr sorgfältig gecastet.
Es drängt sich von daher immer mehr das Konstrukt von "The Fall" auf, nur das da ein Meister am Werk war.
Die 3D Effekte waren mehr als dürftig.Verschiedene Tiefenebenen erschienen wie Kulissen, die man hereinschiebt, das ist nicht 3D, das kann man in jeder Postproduktion leichter hinbekommen. Und mit Tiefenunschärfe arbeitet man nicht als Stilmittel sondern als Akzent.
Es scheint wohl, dass bei der Fülle der Produktionen dem Markt die fähigen 3D Fachleute fehlen.
Insgesamt enttäuschend.


Marco Mooser

Sehr geehrter Herr Gobbin,
sorry, aber als Filmkritiker erwarte ich von Ihnen nicht nur die oberflächliche Bewertung und Beschreibung der Ereignisse und Gesehens in dem Film. Es geht nicht um die Höhe von Film-Budgets, Plausibilitäten ob nach 227 Tagen noch immer keine Bartstoppel gewachsen oder Anschlussfehler und Irrationalitäten Dank digitaler Filmtechnik schön oder schlecht umgesetzt sind. Scheinbar haben Sie die ethisch religiöse Parabel hinter der Geschichte überhaupt nicht erkannt, bzw. in keinem Wort erwähnt. Klar ist nicht jede Kamereinstellung, jeder Schnitt und Szene frei von Kitsch - aber findet man nicht auch solche Stellen in der Bibel - wenn man sucht? Es war schon während dem ganzen Rettungsbootszenen klar, dass die Tiere für Personen stehen und sich die "wahre" Geschichte so zugetragen hat wie es PI in der zweiten Version erzählte. Villeicht schauen Sie sich den Film nochmals unter diesen Aspekt an und schauen über so manche Schwäche und Unplausibilität hinweg. Fantasie bereichert das Leben....


Elfriede

War mit Freundin im Kino - sie hatte sich aufgrund guter Kritiken sehr darauf gefreut, ist aber völlig frustriert herausgegangen. - Ich dagegen musste lang anhaltend lachen, schmerzlich und erleichtert zugleich über die unerwartete Erkenntnis am Ende des Filmes. Denn obwohl die ganze Geschichte von A-Z so "un-glaublich" ist und auch so dargestellt wird, war ich doch geneigt, sie zu glauben, bis... die 2. Version erzählt wurde. Danach machte es klick: erzählen wir nicht alle (!) pausenlos Geschichten, und bekommen welche erzählt, wie´s grade in der Situation passt? Selbst wenn gar keiner zuhört?! DAS wird im Film dermaßen grandios überzeichnet, dass man die Chance hat, DAS zu erkennen. Dafür hat es sich wahrlich gelohnt, den Film zu schauen.


Sebastian

Ich werde mir auch ein eigenes Bild machen, aber wenn ich schon die Worte:
"ethisch religiöse Parabel" meines Vorkommentators lese, würde ich ihn
schon fast nicht mehr sehen wollen.


marc aurel

ich hätte die kritik zu diesem film nicht besser formulieren können.
gemessen an früheren filmen, wie zb the ice storm, ein frustrierendes produkt.
ich litt unter gähnattacken, was mir als engagiertem kinobesucher selten wider-
fährt. die aufdringliche, süssliche filmmusik und eine gewisse reizüberflutung durch
die hochgelobten bilder waren die ursache. wie sagt da der bayer: wer's mog !?
selbst die raffiniertesten technischen effekte ersetzen nicht die qualität der realität.
in der musik werde ich einer bachinterpretation auf instrumenten den ermüdenden,
seelenlosen klang eines synthesisers vorziehen...
und statt des nicht erwähnten bestsellers empfehle ich wärmstens mal wieder den
alten candide von voltaire als lektüre, heutzutage leider kein bestseller!

marc


Kinomaus

ich kam mit den 3D-Effekten überhaupt nicht klar. Eigentlich funktioniert 3D bei mir recht gut - es soll ja Leute geben, bei denen es zu Unschärfen kommt. Aber bei diesem Film waren ständig Unschärfen und ich hab hinter mir Leute flüstern hören, "siehst du auch alles unscharf" - dabei hatten wir relativ gute Plätze. Zuerst saß ich ganz in der Mitte - und wechselte dann höher hinauf. Mehr Freiheit hatte ich leider nicht, da das Kino ziemlich voll war.


Dom

Bei dieser Rezension beschleicht mich der Eindruck, dass der Autor den Film nur mit halbem Auge gesehen hat. Sicher kann man "Life of Pi" Kitsch vorwerfen, dieser funktioniert aber, wie in so vielen Ang Lee Filmen, sehr gut, da er stets im Dienst der Geschichte steht.
Zwar fand auch ich die Gottessuche des jungen Pi mitunter sehr plakativ dargestellt und forciert. Dem Film vorzuwerfen er sei "sentimental-religiöser Agitprop" spricht jedoch für die analytische Unfähigkeit des Autors. Denn der letzte Teil des Films -SPOILALARM- macht klar, dass die tatsächlichen Begebenheiten des Schiffbruchs ganz anders abliefen. Die Geschichte mit dem Tiger ist nur die erträglichere von zwei Varianten, in denen der Protagonist jeweils leidet. Die Lehre ist, dass der Mensch sich letztlich die schönere, sinngebende Geschichte sucht (Religion), um das Leid erträglich zu machen. Das jedoch die schwerer zu verdauende, häßliche Variante der Wahrheit entspricht, daran lässt der Film keinen Zweifel. Pi entscheidet sich also bewusst für einen religiös verbrämte Erzählung, die ihm das Weiterleben psychisch ermöglicht. Yann Martel und Ang Lee stellen damit, zugegebenermaßen auf sehr wohlwollende Weise, die Frage nach einem Grundaspekt von Religiosität.
Ich wiederrum stelle mir die Frage, ob Martin Gobbin den Film überhaupt zu Ende gesehen hat.

Auch die Rationalität und der Atheismus in Person des Vaters werden nicht, wie vom Rezensenten unterstellt, verurteilt, vielmehr handelt es sich um eine zu Beginn des Films gestreute falsche Fährte. Am Ende muß Pi einsehen, was sein Vater ihn gelehrt hat: der Tiger ist eben nur ein Tiger. Das Tier ist weder sein Freund noch Gott. Es ist der Protagonist, der es dazu macht.

Der Film vereint großartiges Eyecandy und Abenteuergeschichte mit existentiellen Grundfragen. Er ist sozusagen Religionsphilosophie im Popcorn-Format, und das ist als Kompliment zu verstehen.


Kev

Oh mein Gott ist wohl der passendste Kommentar für diese Kinokritik!
Mal wieder nimmt ein pseudointellektueller Autor einen Film bis in seine Einzelteile auseinander (Pi wächst in 227 Tagen kein einziger Bartstoppel),dreht alles durch den Fleischwolf und übrig bleibt ein weiterer grauenhafter Film,der erst vor einer Woche 11 oscarnominierungen einheimste!aber auch die Oscars sind für solche "filmexperten" natürlich der reinste Kommerz und völlig sinnlos!ich komme gerade aus dem Film und muss ehrlich sagen,diese sogenannten "Filmkritiker" haben leider bei allem akribischen auseinandernehmen der Filme das wichtigste überhaupt verlernt:einen Kinofilm in seiner Gesamtheit auf sich wirken zu lassen,in das Zusammenspiel einer guten Geschichte und deren Inszenierung einzutauchen und sich unterhalten zu lassen!ich schaue auch sehr gerne ambitionierte arthouse-Filme,aber nicht jeder Streifen muss ein Intellektuelles Kunstwerk,gepaart mit einer Brise bissiger Gesellschaftskritik sein.Man muss sich von einem Film auch einfach mal verzaubern lassen,ohne gleich das Haar in der Suppe zu suchen.Allen die das noch können und sich selbst nicht zu schlau für "Blockbuster" halten,sei der Film ans Herz gelegt!


Markus Kramer

Hey Martin,
ich habe nach meinem gestrigen Kinobesuch (life of pi) einige renzensionen zu Gemüte geführt . von der taz, über die zeit bis hin zum neuen Deutschland ergözen sich die meisten nur an der gutgerechneten katzenanimation.
Deine Kritik ist mit Abstand die ehrlichste und vorallem verbirgt sich hinter ihr die Haltung Kino nicht nur als einlullende, zuckerproduzierende, Geldströme umleitende konservierende Illusionsmaschine zu begreifen. Wenn Ang Lee wirklich einen FIlm über gutes und böses, schönes und hässliches, oder von mir aus auch über trostspendendes Geschichtenerzählen, über Wahrheit oder Lüge, Hoffnung oder die ach so schreckliche Wirklichkeit machen wollte und dies unverblendet kritisch hätte beleuchten wollen, dürfte er auf gar keinen fall, das wirklich stattgefundene menschliche Drama durch einen rein mit Worten erzählenden Monolog degradieren. Hingegen wird einer unfruchtbaren, in einer erkenntnistheoretischen Sackgasse endende Lüge grünes Licht gegeben und in den blenderischsten Farben auf die Leinwand geworfen. So frech und unverblühmt faschistoid war bisher nur Christopher Nolan am Ende von "The Dark Night"!
Wenn die auf einem unlgaubwürdigen Erzähler basierende Pointe wirklich auch so in der Romanvorlage angelegt sein sollte, dann ist dieses ganze Buch, genau so wie der Film eine große sich selbst ad absurdum führende Dramaturgiebase, die durch und durch von Gefallsucht getrieben ist.
Life of Pi ruft wirklich körperliche Schmerzen hervor.
Danke für deine Kritik!
markus


Markus Drews

Ich bin selbst Atheist und bekennender Kirchenkritiker. Aber dieser Autor fühlt sich doch leicht in seiner Lebenseinstellung angegriffen. Keineswegs wird der Atheismus in diesem Film angegriffen. Im Gegenteil, selbst hier wird das Gute der Atheisten hervorgehoben: Sei skeptisch!
Man muss ja hier mal betonen, dass Pi gerade seinen atheistischen Vater als Lehrmeister des Lebens ansieht und sich dafür bei seinen Vater bedankt hatte, obwohl er offenbar religiöse Ansichten mit ihm nicht teilte. Auch gerade diese Raubtierromantik, der Ökos, die meisten auch Atheisten sind, wird hier mal zur recht in die Realität gestampft: Ein Tiger grast kein Gras und ist kein Kuscheltier. – Der Vater war also durchaus ein Mensch, der mir mit seiner Realitätsnähe gefiel. Eben auch, dass sein atheistischer Vater wusste, dass man religiöse Menschen akzeptieren und tolerieren muss. Was dem Autor hier offenbar fehlt. - Alleine den Spruch des Vaters zu Pis Religionsnähe ist ein Brüller des Films: „Wenn Du bei anderen Religionen noch Mitglied wirst, hast Du bald so viele Feiertage, dass Du im Jahr kaum noch arbeiten musst.“
Was mir persönlich als Mensch der Softwarebranche missfällt, ist diese Unkenntnis der meisten Experten über die dahintersteckende Mühe von Animationen. Es gibt Ausstellungen für Fotografie, Malerei etc. pp., die als Kunst angesehen werden. Wenn ich bei solchen Ausstellungen teilhabe, kommt mir doch leicht das Lachen, weil hier viel Arbeit vermutet wird. Gleichzeitig wird geglaubt, dass man mit wenigen Mausklicks solche wahnsinnige realitätsnahen 3D-Bilder erstellen kann. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Man hat schneller einige Bilder geschossen und einige Bilder gemalt als eine Animation herzustellen. Das kommt schon daher, weil beides (Fotografie=Textur, Malen = Modulieren und Textuieren) Teildisziplinen von Animationen sind. Eine unglaubliche Wissenschaft steckt zudem zu den vielen Algorithmen, die zugegeben, wenige Grafikdesigner nicht alle bewusst sind. – Ein Beispiel: Als Kenner dieser Branche sieht man sofort, dass das niemals eine kleine Gruppe für die Herstellung der vielen Animationen zuständig sein konnten. – Und diesem Gewerk haben wir diese unglaublich viele schönen Bilder in diesem Film zu bedanken, die diesen Film durchaus bereichern. – Nein, ich will gar nicht in Fantasiefilmen einen realistischen Film. Ich will in surrealen Welten eintauchen.
Zudem, wenn man als Atheist die Fähigkeit zu Neutralität hat, ist die eigentliche Geschichte dahinter einfach nur geil. Dieser Film lohnt sich anzuschauen und wird auch zu recht einige Oscars bekommen.


Nathan

Kritiken funktionieren leider nur bei Filmen die man bis zum Ende gesehen hat bzw. verstanden hat. Dies scheint hier nicht der Fall gewesen zu sein. Denn Pi trauert ja eben nicht, mehr um ein Zebra als um seine Eltern, sondern zuerst um einen toten Matrosen (Zebra) und dann um seine getötete Mutter (Affendame). Das sind zwei zentrale Momente des Films die wie ich der obigen Kritik entnehme leider entweder nicht gesehen oder nicht verstanden wurden. Es ist ja kein Problem einen Film nicht zu mögen und ihn vor dem Ende auszuschalten dann aber zu versuchen eine fundierte Kritik darüber zu schreiben ist unnötig.


Max Brehsan

Herr Gobbin, was für ein unglaublicher Zorn darüber, dass Sie diesen Film nicht gedreht haben muss in Ihnen wüten...letztendlich ist das das Hauptproblem Ihrer Kritik: Man liest in jedem rhetorischen Säurebad aus Ihrer Feder, wie wenig Eigenkreativität Sie besitzen. Ein böser Zauberer ist der Neid...


Frédéric

Bei vielen Kommentaren, wie zuletzt dem von Max Brehsan, frage ich mich, was die Urheber wohl selbst für Motive haben, um anderen zu unterstellen, sie agierten aus den niedersten heraus. Zorn? Fehlende Eigenkreativität? Neid? Es ist zwar ein Allgemeinplatz in der Leser-Frustration über divergierende Meinungen von Kritikern, den Kritikern vorzuwerfen, gescheiterte Künstler zu sein, dennoch werde ich nicht ganz schlau daraus. Sind die Kommentatoren etwa neidische, gescheiterte Kritiker?


Martin Gobbin

Liebe Leser,

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare. Die sehr rege, mitunter kontrovers geführte Diskussion freut mich, da intensiver Austausch ein wichtiger Teil der Filmkultur ist.
In dieser Diskussion zeigen sich für mich deutlich die Vorteile von Filmkritiken im Internet. Anders als in sonstigen Medien liefert der Kritiker hier keine letztgültige, hoheitliche Deutung - sondern es wird im demokratischen Dialog um die Deutung des Films gestritten. Eine Filmkritik ist für mich kein finales Ergebnis, sondern ein offener Prozess.

Viele der in den Kommentaren gemachten Interpretationsangebote finde ich sehr sinnvoll und hilfreich. 100 Augen sehen eben mehr als zwei. Ich lasse mein eigenes Verständnis des Films da gerne erweitern und gegebenenfalls korrigieren. Diese Erweiterung der eigenen Perspektive - die Hinweise auf Punkte, die man selber nicht oder zu wenig wahrgenommen hat - halte ich für eines der wertvollsten Ergebnisse von Diskussionen über Filme. Schließlich kann keine Filmkritik für sich beanspruchen, einen Film komplett zu erörtern.

Die kritischen Einwände führen für mich persönlich nicht unbedingt zu einer grundlegend anderen Bewertung des Films - ich gestehe allerdings zu, dass der Film weniger eindeutig und weniger ideologisch ist als ich ihn bei der Erstsichtung wahrgenommen habe.

Während ich die Kritik am Text gerne annehme, bin ich doch etwas irritiert von den teilweise heftigen und persönlichen Angriffen einiger Kommentatoren. Wenn unterschiedliche Ansichten zu Beschimpfungen führen, schießt das für mich deutlich über das Ziel hinaus. Filmkritiken können einzelne Filme eingehend untersuchen - da es sich aber um Besprechungen von Kunstwerken handelt, müssen sie notwendigerweise immer subjektiv bleiben.

Warum sich jemand, der den Film mag, angegriffen fühlt, wenn jemand anderes diesen Film nicht mag, erschließt sich für mich nicht. Genauso wie der Leser den hier verrissenen Film mögen darf, muss es erlaubt sein, einen Film, den viele Zuschauer mögen, selbst nicht zu mögen. Auch das ist Teil einer demokratischen, toleranten Diskussion: die Anerkennung, dass die eigene Meinung nicht die allgemeingültig richtige ist.


Beste Grüße und viel Freude bei weiteren Diskussionen zu diesem und anderen Filmen wünscht

Martin Gobbin


Frank Linsenbold

Welche Geschichte habt Ihr lieber, die mit dem Koch oder die mit dem Tiger.
Die mit dem Tiger? Und genau das ist Gott!
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich sehr fasziniert von dem Film war, als ich kapierte, dass es nie einen Tiger, nie eine Hyäne und nie eine Orang-Utan-Mutter namens Orange Juice auf dem Boot gab. Sondern dass es tatsächlich Gerard Depardieu, der heimtückische, einfallsreiche Koch war, der den jungen Seemann als Köder verwendete und zum Teil selbst verspeiste. Der Koch (in der Gestalt der Hyäne), der seine Mutter tötete, als sie Pi beschützen wollte. Und dass es Pi war, der, als er endlich seinen Gott gefunden hatte, in der Lage war, sich von der Gefahr des Koches zu befreien und ihn selbst so zu "verwenden" wie dieser den armen Seemann verwendet hat. 227 Tage auf dem Meer zu überleben ist sicherlich nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Hier braucht der Mensch eine zusätzliche Kraft, dargestellt durch Richard Parker, den Tiger, der ihn all die Tragik überstehen lässt. Auch wenn dieser "Gott" und der Glaube an ihn anfangs furchteinflößend und unzähmbar erscheint, so kann man ihn doch bändigen. Pi war auf der Suche nach Gott, wie der Anfang des Filmes erzählt und ohne ihn hätte er nicht überlebt. Aber die Anwesenheit von Gott machte ihn wachsam, er musste sich um seinen Schatz kümmern, den er, dargestellt durch den Tiger, gefunden hat, er musste ihn füttern und pflegen, da sonst auch sein Glaube nicht überleben würde und mit ihm er selber.
Begreift man den Film aus diesem Blickwinkel, so ist es auch egal, ob Pi nach 200 Tagen auf See immer noch keine Bartstoppeln bekommen hat, dass das Boot immer wieder vollkommen gereinigt erschien und überwältigende, poetische Bilder erscheinen. Denn wenn Gott an Deiner Seite ist, dann durchlebst Du die schlimmsten Katastrophen auf einer anderen Ebene. Auch wenn man sich in Sicherheit wähnt, so bleibt das Leben doch ein Kreislauf - zu gewissen Zeiten wird einem gegeben und zu anderen Zeiten wird einem wieder alles genommen (dargestellt durch die Insel auf der Pi strandet). Die Realität mit den furchtbaren Erlebnissen an Bord des Rettungsbootes hätte Pi getötet. Der Tiger hat ihn gerettet. Und genau das ist Gott!


Dude

Das jemand in dieser Branche offenbar noch nie vom Konzept der "Heroes Journey" gehört hat und daraufhin überrascht davon ist wie die Dramarturgie eines Films verläuft der Massen anspricht ist mir ein Rätsel.


Jan Höckesfeld

Ich habe selten eine so unfundierte und lückenhafte Rezession gelesen. Da "Life of Pi" überwiegend nur gute Kritiken bekommen hat, ist dies wohl eine Form des viralen Gebrüll nach Aufmerksamkeit?!


Pi

Ja, echt eine blöde Kritik, lahm und überheblich. Dafür ist der Film toll, unbedingt anschauen - am besten im Open Air Kino.






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