Labor Day

Pfirsichkuchen für die bedrohte Familie: In der Romanverfilmung Labor Day bleibt Juno-Regisseur Jason Reitman seinen Lieblingsthemen treu, wechselt aber den Tonfall.

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Zwei lange Sequenzen in Labor Day demonstrieren, dass Jason Reitman ein ziemlich guter Thriller-Regisseur sein kann. Am Anfang steht der 13-jährige Henry (Gattlin Griffith) im Supermarkt am Zeitschriftenregal, die weiblichen Augenpaare auf den Heften mustern ihn spöttisch-verführerisch, als hinter ihm plötzlich ein blutender bärtiger Mann auftaucht. Weniger mit Bitten und Drohen als mit einer keine Widerrede duldenden Physis verschafft Frank (Josh Brolin) sich Zutritt in das Reich des Jungen und seiner Mutter Adele (Kate Winslet), erst in ihre Distanzzone, dann in ihr Auto, und schließlich, an nichtsahnenden Streifenwagen vorbei, in ihr Haus mit Garten am Ortsrand. Untermalt von zwei endlos repetitiven Basstönen, scheint die Inszenierung die Figuren langsam und unerbittlich voran ins Unheil zu treiben. Eine Filmlänge, vier Handlungstage und einen Lebensplan später, als aus den drei Versehrten längst eine Familie geschmiedet ist, ertönt der unheilvolle Basslauf erneut, und nun sitzt Henry selbst als Beifahrer in einem Streifenwagen, auf dem Weg zu dem Haus mit Garten, jetzt ein fragiles Idyll, das von den Kräften des Gesetzes und der Nachbarschaft zerbrochen zu werden droht.

Halbherziger Griff zum Küchenmesser

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Denn Frank ist ein entflohener Sträfling, der sich bei Adele und Henry erst Unterschlupf verschafft und sich dann, während sein Konterfei im Fernsehen und auf Steckbriefen auf den Bäumen ringsum zu sehen ist, vom Eindringling zum Familienoberhaupt wandelt. Zum einfühlsamen Patriarchen, der die sanfte, aber unzweifelhaft autoritäre Herrschaft über Küche, Garten und Werkstatt übernimmt, der mit Henry Baseball spielt und Autos repariert, sich auch um den behinderten Nachbarsjungen kümmert und hervorragenden Pfirsichkuchen backt. Adele, depressiv und zurückgezogen, scheint Frank noch aus der Bedrohung heraus als Erfüllung und Erlösung anzunehmen. Schon der prototypische heimliche Griff zum Küchenmesser wirkt halbherzig, Blicke und Körpersprache schwanken bereits zwischen Abwehr und Hingabe, und wenn Frank seine an den Stuhl gefesselte Geisel mit seinem köstlichen Chili füttert, schwebt schon unheimliches Einvernehmen im Raum, in Adeles Worten „hunger for human touch“.

Nachbarliche Drohkulisse

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Henry ist verunsichert – von den Geräuschen aus dem Elternschlafzimmer, von den umwälzenden Zukunftsplänen, auch vom Einfluss seines leiblichen Vaters, schließlich von den Einflüsterungen des Mädchens Eleanor, einer frühreifen Unglücksbotin, die ihm verkündet, dass seine neuen Patchwork-Eltern ihn für guten Sex jederzeit im Stich lassen würden. Die Handlung ist angelegt als Erinnerung des erwachsenen Henry (Tobey Maguire), darin integriert sind Flashbackfetzen von Adele und Frank, was die Perspektiven der drei Hauptfiguren vermischt und entgrenzt. Anfangs kryptisch und spukhaft, rollen diese Rückblenden die Vorgeschichten auf, die von Verlusten erzählen, von einer totgeborenen und einer ertrunkenen Tochter, von einer Trennung und einem tödlichen Treppensturz, der Frank ins Gefängnis brachte.

Das Einfamilienhaus in Labor Day wird zum bedrohten Schutzraum, scheint inmitten der Nachbarschaft zugleich isoliert und überwacht. Einerseits stehen ständig neugierige Nachbarn vor der Tür, vor denen sich der neue Hausherr verstecken muss, andererseits wird das Familienleben auch in Garten und Garage tagelang unbemerkt zelebriert: Ein arges Knirschen im Drehbuchgebälk, gewiss, aber zugleich schafft dies auch eine unwirklich-unheimliche Stimmung. Nachdem Eleanor Henry die Zunge löst, ein bisschen beim Küssen und zu sehr beim Reden, wird das latente Gefühl der Bedrohung und Umzingelung für die Familie zu einem Wettlauf mit der Zeit, und das wird streckenweise richtig spannend.

Neue Töne im Reitman-Kosmos

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Tatsächlich können all diese Zutaten zu einem Thriller mit Drama-Elementen wie zu einem Drama mit Thriller-Elementen komponiert werden. Zu welcher Seite sich die Waage neigt, diese Entscheidung fällt endgültig erst in den letzten zehn Minuten nach dem Showdown, ist dann aber nicht nur eine inszenatorische, sondern auch eine ideologische. Archetypische Figuren – und um solche handelt es sich bei Henry, Adele und Frank – sind im Thriller eher Funktionsträger, im Drama sind sie ein Statement. So kann man vom restaurativen Ende nicht nur auf Labor Day, sondern auf Reitmans gesamtes Werk blicken, das seit Juno (2007) um die Themen Familie, Schwangerschaft, Elternschaft kreist, das seine Figuren in tragikomische Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte mit der good old Keimzelle der Gesellschaft stürzt. Geändert hat sich in Labor Day der Tonfall. Noch der Vorgänger, Young Adult (2011), der die Provinzfamilie aus Sicht einer urbanisierten Singlefrau als unerreichbares Refugium zeigte, hatte diesen launig-lakonischen Stil drauf, der einem als Trademark des US-Indiekinos amüsieren oder auf die Nerven gehen kann, und hielt durchaus in der Schwebe, ob die Heldin am Ende dem Glück oder dem Grauen entrinnt.

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Labor Day setzt nun auf die ebenfalls einschlägige Tradition des holzfällerhemdsärmeligen Naturmystizismus; die ewig rauschenden Wälder, die Brücke über den reißenden Fluss mit den an-industrialisierten Ufern, Kate Winslet aufblühend mit Blumen im Haar, Josh Brolins Teig knetende Männerpranken, der knusprig aufgebackene Pfirsichkuchen im Ofen, und dann wird das goldene Bäckerhandwerk weitergegeben von Vater zu Sohn. Auch wenn das Vatermutterkind-Glück vorerst nur ein paar Tage währt, reicht das in Labor Day aus, um, eindeutiger als in Reitmans früheren Filmen, die Kleinfamilie, bei aller Empathie für die an ihren Anforderungen scheiternden Figuren, als eine unvergängliche mythische Bastion zu setzen, schwer und standfest wie der Eimer überreifer Pfirsiche, den die neugierige Nachbarin vorbeibringt.

Trailer zu „Labor Day“


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