KZ – Willkommen in Mauthausen!

Der Dokumentarfilmer Rex Bloomstein besucht das österreichische Mauthausen und dessen KZ-Gedenkstätte und versucht, die widersprüchlichen Stimmungen dieses Ortes zwischen Heimatidylle und Erinnerung an die Massenvernichtung einzufangen.

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Grüße aus Dachau hieß 2003 Bernd Fischers dokumentarische Wiederbegegnung mit seiner bayerischen Heimatstadt, deren Einwohner sich permanent im Spannungsfeld zwischen etwas zu zwanghaft heraufbeschworener Normalität und dem weltweiten Wiedererkennungswert des Namens Dachau bewegen: als Standort eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers. Wer in solch einer Stadt lebt, muss mit ihrer negativen Berühmtheit täglich umgehen – „Wo bitte geht’s hier zum KZ?“ – oder aber die Geschichte ignorieren und sich auf die positiven Seiten des Hier und Jetzt konzentrieren: die Natur, das historische Kopfsteinpflaster, die anderen Sehenswürdigkeiten.

Den Mauthausenern geht es ähnlich. Eine von ihnen berichtet von ihrem Besuch in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Beim Blick auf die in den Boden eingelassenen Namen der Vernichtungslager freut sie sich, als sie „Mauthausen“ liest, denn dort ist sie geboren. Doch schon trifft sie der Blick des Touristenführers – er hatte die Frau zuvor gebeten, bloß nichts von ihrer Herkunft verlauten zu lassen. Andere Einwohner der pittoresken Donaustadt leben in den ehemaligen Wohnhäusern der SS-Offiziere, die im Lager „zur Arbeit gingen“, oder trinken ihren Most im schon bei den Nationalsozialisten beliebten Gasthof zu Schuhplattler und Volksmusik. Das Gefühl der leicht unbehaglichen Absurdität stellt sich beim Anblick solcher Szenen und selbst angesichts eines einfachen Hinweisschildes mit der Aufschrift „McDonald’s Mauthausen“ beim Betrachter zuverlässig ein. Doch während Bernd Fischer in Grüße aus Dachau genau hier nachhakte und auch die tragische Komik eines Lebens entweder in Verweigerungshaltung gegenüber der Geschichte oder ihrer Annahme herausstellte, konzentriert sich Rex Bloomstein vor allem auf diejenigen, die heute in der Gedenkstätte Mauthausen den Besuchergruppen vom KZ-Alltag berichten.

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Mauthausen, errichtet 1938 und als letztes aller KZs 1945 befreit, diente mit seinen zahlreichen Nebenlagern der Ausbeutung der lokalen Granitsteinbrüche, der „Vernichtung durch Arbeit“ und ab 1941 auch durch Gas. Wenn Rex Bloomstein einfach nur die detaillierten Erklärungen der heutigen Touristenführer zu den Abläufen der Erniedrigung, Versklavung und Ermordung der Gefangenen aufzeichnet, hat der Film seine schlimmsten und stärksten Momente. Die reine Information reicht aus, um immer noch und immer wieder zu schockieren, die eingeschnittenen Bilder, die auf den Gesichtern der Zuhörer nach Emotionen suchen oder eine Schülerin zeigen, der schlecht wird, wären gar nicht nötig gewesen.

Der Filmemacher bewegt sich selbst ein wenig wie ein Tourist, der alles aufnimmt, der den übrigen Besuchern aus aller Welt, den Bewohnern Mauthausens, den alten wie den jungen, selbst dem Pfarrer Fragen stellt – aber zu den meisten von ihnen doch keine richtige Nähe erzeugen kann und häufig nicht nachbohrt, wenn es interessant wird. Dieser Umstand mag auch der Sprachbarriere geschuldet sein: Der britische Regisseur, der seine Laufbahn bei der BBC begann, hat zwar einen Übersetzer bei sich, der die einzelnen Fragen stellt, doch ein noch tieferes Eingehen auf die jeweiligen Gesprächspartner wäre wünschenswert gewesen. Wie geht es weiter mit der Gruppe älterer Frauen, die eben noch von den schmucken SS-lern schwärmten, als eine von ihnen das erste Mal erzählt, was sie tatsächlich vom KZ mitbekommen hat? Wie kann ein Pfarrer, der auf die Frage „Wo war Gott in Mauthausen?“ auch keine Antwort gefunden hat, weiter vom Glauben predigen?

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Am nahesten kommt der Film dem Touristenführer Harald Brachner, der zugibt, dass die jahrelange Beschäftigung mit dem Massenmord, aber auch mit der ständig präsenten Möglichkeit menschlicher Gewalt für ihn eine Obsession geworden ist, die seine Ehe gefährdet und ihn zum Trinker gemacht hat. Wie kann einer täglich durch die Gaskammer führen? Brachner zeigt seinen Besuchergruppen das Hakenkreuz, das auf eine Gedenktafel an der Wand geritzt worden ist. Man kann diesen Job nicht machen, man muss. Brachner ist auch derjenige, der abends durch das ehemalige KZ geht, die Räume der Gedenkstätte abschließt und das Licht löscht. Dann spürt er diese unheimliche Atmosphäre: „You feel it?“ – „Yes“, erwidert Bloomstein. Ohne besondere stilistische Umschweife vermittelt KZ einen collagierten Eindruck vom grotesken Leben mit dem Todeslager. Vielleicht lädt der Film mit dem Untertitel „Willkommen in Mauthausen!“ sogar manchen dazu ein, die ehemalige Vernichtungsstätte selbst zu besuchen – oder eine der zahlreichen anderen in Europa.

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