Julieta

Julieta ist ein Zeitvakuum; das Fehlende ist das Füllende. Pedro Almodóvar kehrt mit diesem Film zurück zur Position der Mutter und lässt sie sofort unter einem Handtuch verschwinden.

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Das Ziffernblatt der Kirchturmuhr ist zur Hälfte weggebrochen – die Zeit verliert sich im Leeren. Julieta (Emma Suárez) spricht es aus. Sie redet von der Absenz, die ihr Leben füllt. Sie lebt im Vakuum – mit einer Depression. Jedes Jahr kauft sie eine Torte, steckt Kerzen hinein, sitzt ihr gegenüber auf dem Sofa und wirft sie dann in den Müll. Julietas Tochter Antía hat sich nun schon seit Jahren aus dem Leben der Mutter zurückgezogen, es ist ihr Geburtstagskuchen, der in die Tonne wandert. Eines Tages fuhr sie in die Berge, machte eine Art spirituellen Heilungstrip, dann kam sie einfach nicht mehr wieder. Um Heilung geht es, wie so oft, bei Almodóvar, um Heilung, immer gegengeschnitten mit der Erkrankung, mit dem Tod. Julieta, der zwischen diesen Polen eingespannt ist, ist letztlich ein Film, der in der Heilung nicht nur das findet, was der Tod notwendig macht, sondern vielmehr auch das, was durch den Tod in Gang gesetzt wird, überhaupt erst möglich wird. Solcher Extremismus regiert das Vakuum, das Almodóvars Figuren nicht nur in diesem Film, aber besonders in diesem einsaugt und verschluckt.

Sterben und Lieben

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Dabei ist die Welt, durch die sich Almodóvars Personal (sterbend) bewegt, eine reiche, üppig ausgestattete. Selbst leere Räume wirken belebt, sind mit genügend gemusterter Tapete ausgekleistert, um sie jederzeit wechseln zu können. Julieta zieht oft um in ihrem Leben, dem wir über Jahrzehnte folgen, aus der Stadt ans Meer, wieder zurück in die Stadt. In der Schule unterrichtet sie Literatur – mit ihren Schülern bespricht sie den Odysseus. Klar! Als junges Mädchen (Adriana Ugarte) lernt sie im Zug Xoan (Daniel Grao) kennen. Sie verlieben sich, und auch für diese Liebe muss gestorben werden. Ein Passagier, der sie ansprach und vor dem sie flieht, direkt in Xoans Arme, verlässt den Zug bei einem Halt, geht ihm voraus und lässt sich von ihm überfahren. Dann folgt eine Sexszene; genau dort, wo zuvor der Gestorbene saß. Eine fantastische Szene. Wir sehen den Sex im Zugfenster gespiegelt, über die leidenschaftlichen Körper hinweg – sie sind unscharf im Vordergrund. Den Sex, den wir sehen, sehen wir als durch die Körper selbst unsichtbar gemachten. Immer wieder schieben sich Julieta und Xoan vor ihr eigenes (Spiegel-)Bild, verdecken als unscharfe Körper vor der Kameralinse ihr geschärftes Bild im Hintergrund: Ausufernde Lebendigkeit verborgen durch eben diese lebendigen Körper selbst.

Eine stets prekäre Position

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Julieta und Xoan werden am Meer leben, in einem Haus, mit direktem Blick auf die Wellen, jene Wellen, die kurze Zeit später Xoan töten werden, in einem Sturm, den wir aufbrausen sehen, mit biblischer Vehemenz. Der Tod brandet schon an das Haus, in dem gelebt wird. Antía ist zu dieser Zeit neun Jahre alt, sie ist im Ferienlager, schon hat sie die Mutter verlassen – anschließend ist sie bei einer Freundin in Madrid. Dort auf dem Sofa wird sie vom Tod des Vaters erfahren, in einer Szene, die nur auf den ersten Blick holprig inszeniert erscheint. Mutter und Tochter liegen sich in den Armen, schluchzen, die Tränen, die das Mädchen weint, sind trocken. Mit dieser Szene kommt Almodóvar endgültig auf sein Lebensthema zurück: die Mutter. Schon Julietas Mutter sahen wir zuvor sterbend leben, bettlägerig. Mutter, Tochter und Enkeltochter lagen gemeinsam im Zimmer, schlafend und wachend, einander Tochter und Mutter. In dieser Konstellation findet selbst die demente Großmutter wieder kurz in ihre Position zurück – als Mutter. Eine bei Almodóvar stets prekäre Position, die mit der Szene auf dem Sofa schließlich vollends umgeworfen wird. Hier wird die Tochter der Mutter zur Mutter. Später hebt sie sie aus der Badewanne, wickelt sie ins Handtuch, trocknet sie ab.

Der Moment, in dem ein Handtuch die Zeit schluckt

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Die Zeit, die in und mit Julieta vergeht, vergeht nicht als (gedachtes) Kontinuum. Sie lässt sich nicht takten; die Uhrzeiger zeigen ins Leere. Die Tochter trocknet der Mutter den Kopf ab; das Handtuch verdeckt ihr Gesicht und lüftet es wenig später wieder. Julieta wird unter diesem Handtuch gealtert sein: die ältere Emma Suárez hat die jüngere, viel zu schöne Adriana Ugarte ersetzt. Eine Zeitfalte. Das Altern ist kein Prozess, es ist ein Moment. Der Moment, in dem ein Handtuch die Zeit schluckt. Das Vakuum. Es geht nicht um billige Psychologismen, nicht darum, Diagnosen aufzustellen, Therapien auszuloten. Es geht noch nicht einmal wirklich um eine Entfremdung zwischen Mutter und Tochter – dieses Verhältnis ist ohnehin viel zu kompliziert, als dass Entfremdung tatsächlich einfach so in ihm stattfinden könnte. Tatsächlich geht es darum, wie sich die Zeit ermächtigt, beispielsweise über das Psychologische. Psychologismen sind das, worauf man bei Almodóvar eher hoffen muss, als das, was in die Tragödie stürzen lässt. Das macht die Welt nicht schlimmer oder trister. Im Gegenteil: in welcher Welt ist der Nagellack röter als in der von Almodóvar?

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