I'm Still Here

Joaquin Phoenix hängt seine Rolle als Schauspielpuppe an den Nagel und mutiert in Casey Afflecks Pseudo-Doku zum unausstehlichen Rapper „JP“.

I  m Still Here 02

Eine Gestalt im Kapuzenpulli dreht in der Dunkelheit Kreise um einen Baum. Der Vermummte ist Joaquin Phoenix (Walk the Line, 2005), der verkündet, er wolle nicht länger den „Charakter des Joaquin“ spielen, und wir könnten ihn entweder hassen oder mögen, nur missverstehen sollten wir ihn nicht. Der arbeitsmüde Darsteller, der eigentlich nicht Phoenix, sondern ganz im Gegenteil Bottom heißt und sich zeitweilig Leaf nannte, um mit den Naturnamen seiner Geschwister River, Rain und Summer mithalten zu können, ist oder spielt fortan „JP“, einen zunehmend verfettenden und verfilzenden Rapper, der mehr Ego als Talent besitzt und den notorischen Namenswechsler Sean „don’t call me Diddy“ Combs alias „Swag“ mit seinen Rap-Versuchen in die peinlich betretene Ratlosigkeit treibt.

I  m Still Here 01

Phoenix hat es satt, im Filmgeschäft lediglich eine „Puppe“ zu sein, will nicht länger inszeniert werden, sondern selbst die Strippen ziehen. Also verhilft er einen in seinem Haus gefangenen Vogel sehr symbolträchtig zur Freiheit, lässt sich von einem guruhaften Edward James Olmos (The Green Hornet, 2011) ein Wassergleichnis ins neue Leben mitgeben, philosophiert über das Kommunikationsverhalten von Bienen, liest Traumbücher und spielt Paintball. JP sieht aus wie ein übergewichtiger Vincent Gallo mit wachsendem Charles-Manson-Flair, klebt bei seinem legendären und vielfach persiflierten Auftritt David Letterman Kaugummi an den Schreibtisch und verschläft seine Einladung zu Obamas Amtseinführung. Während JP aufgekratzt behauptet, seine Frühpensionierung entspanne ihn total, nötigt er einen Assistenten/Freund dazu, sich im Winter auf den Boden zu schmeißen und gefälligst einen Schneeengel zu fabrizieren. Ein weiterer Assistent/Freund wird gefeuert, weil er ihn angeblich an die Presse verkauft habe, der daraufhin seinem Ex-Boss/-Freund in einer nächtlichen Aktion ins Gesicht scheißt.

I  m Still Here 07

Inzwischen ist die Katze aus dem Marketing-Sack: Wurde bei der Premiere auf dem Filmfestival von Venedig im September letzten Jahres noch von Zuschauern und Kritikern gerätselt, ob I’m Still Here nun Dokumentation oder Mockumentary sei, ist heute bekannt, dass Phoenix die Medien mit seinem vorgeblichen Karrierewechsel, „der Rolle seines Lebens“, verarschen wollte. Der Abspann verrät unter anderem, dass sein scheinbarer Vater im Film eigentlich der Vater von Co-Autor und Regisseur, Schwager und Schauspielkollege Casey Affleck (The Killer Inside Me, 2010) ist, und sogar die Fäkalien des Assistenten/Freund wurden als Mischung aus Humus und gemahlenem Kaffee entlarvt. Tatsächlich angefuttert und/oder -getrunken statt nur angeklebt wirkt dagegen Phoenixs beachtlicher Bauch, und dass zwischen seinem letzten Film Two Lovers (2008) und dem sich derzeit in Produktion befindenden The Master von Paul Thomas Anderson fünf Jahre Pause liegen, lässt auch einen wahren Kern an seiner Ausgebranntheit vermuten. Vielleicht wollten sich Affleck und Phoenix als Frankenstein betätigen, und ihr cholerisches, koksendes und kotzendes Monster JP hat die Kontrolle über sein Method Acting verloren.

I  m Still Here 06

Um zu demonstrieren, wie in unserer gegenwärtigen Medienwelt die Grenze zwischen Realität und Inszenierung immer stärker verschwimmt (siehe auch Banksy – Exit Through the Gift Shop, 2010 und Catfish, 2010), begnügen sich Affleck und Phoenix allerdings mit dem repetitiven Vorführen von Klischees: Vor Afflecks Handkamera amüsiert sich JP mit Groupies und hat Sex mit einer Prostituierten, schikaniert seine Assistenten und prügelt sich mit seinem Publikum, ist unpünktlich und größenwahnsinnig, schert sich nicht um die Welt und hält das Leben sowieso für eine einzige Illusion. Dank einiger komischer Situationen und Sprüche ist das stellenweise unterhaltsam, nur was soll es uns zeigen, was wir nicht schon wussten oder gar nicht wissen wollten? Dass ein Schauspieler sich selbst so wichtig nimmt, über mehrere Jahre ein Alter Ego anzunehmen oder auszuleben, um den Narzissmus im Showbusiness und die Promigeilheit der Medien anzuprangern? Als „Rolle seines Lebens“ ist Phoenixs stereotype und auf Dauer eintönige One-Man-Show eher überzogen als überzeugend, und in manchen Szenen fällt es ihm sichtlich schwer, eine ernste Miene zu bewahren.

I  m Still Here 04

I’m Still Here eröffnet und schließt mit Aufnahmen von Phoenix/JP, wie er erst als Kind und dann als Erwachsener (scheinbar) in Panama einen Wasserfall herunterspringt. Am Ende läuft er nach mehreren desaströsen Rap-Auftritten immer tiefer ins Wasser hinein, bis sein Kopf darin verschwindet. JP ist untergegangen, Phoenix taucht wieder auf. Dass der Autor und Schauspieler diese Geschichte für erzählenswert hält, offenbart mehr als sein Film, wie viel JP in Phoenix steckt. 

Trailer zu „I'm Still Here“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.