Im Himmel, unter der Erde

Eine Ode an das Leben und den Tod – Britta Wauers Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Berlin-Weißensee ist beides.

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„Ich finde, dass das meine Aufgabe ist zu sehen, dass dieser Sarg in sein Grab kommt“, sagt der Rabbiner William Wolff, und in dem von Falten durchzogenen Gesicht des 84-Jährigen zeichnet sich ein Lachen ab. So eröffnet Britta Wauer ihren Film über den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, der, wie die erste Szene bereits andeutet, voller Leben steckt. In ruhigen Schwenks und langen Einstellungen zeigt die Kamera von Kaspar Köpke mit Efeu überwachsene Grabsteine neben prachtvollen Mausoleen. Sie fährt durch das dichte Blätterdach der hohen Bäume im Wandel der Jahreszeiten von sommerlichem Grün zu den kräftigen Farben des Herbstlaubs. Zu den an Metaphern reichen Bildern mischt sich die wunderschön komponierte klassische Musik von Karim Sebastian Elias bisweilen mit den zahlreichen Vogelstimmen.

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Friedhöfe sind Orte, an denen Geschichten meist enden. Im Himmel, unter der Erde erzählt aber auch jene Geschichten, die dort begannen. Neben vielen anderen ist die von Harry Kindermann ganz besonders eindrücklich. Dieser kam 1927 in Berlin zur Welt und berichtet im Film, wie er auf dem Friedhof, auf dem sein Vater als Maurer arbeitete, unbeschwerte Kindheitstage verbrachte. Wie er dort mit zwölf Jahren auf den ausgedehnten Wegen zum ersten Mal Auto fuhr und wie der Friedhof für die jüdischen Kinder zum Rückzugsort wurde, während vor seinen Toren Nazideutschland Konzentrationslager baute.

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In ihrem letzten Werk Gerdas Schweigen (2008) dokumentierte Britta Wauer die Geschichte der Auschwitz-Überlebenden Gerda Schrage. Dem gleichnamigen Buch folgend, setzte sie sich hier anhand eines bewegenden Schicksals kritisch mit der journalistischen Aufarbeitung des Holocaust auseinander. In Im Himmel, unter der Erde sind die Gräueltaten der Nazis an den Juden zwar präsent, stehen jedoch weniger im Zentrum. Britta Wauer geht es hier offensichtlich vielmehr darum, die unterschiedlichsten Geschichten zu erzählen, die in ihrer Gesamtheit diesen Ort so einzigartig machen. Ihre Aussage ist klar: Der größte noch genutzte jüdische Friedhof in Europa ist eine Nekropole – eine Stadt für die Toten, jedoch keine tote Stadt.

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So wie die Kamera den Friedhof durch die Jahreszeiten begleitet, zeigt der Film auch dessen wechselhafte Geschichte. Von der Zeit seiner Eröffnung 1880 bis in die Gegenwart  wird dokumentiert, wie jede Epoche ihre Spuren auf dem riesigen Gelände hinterlassen hat. Neben der Tatsache, dass der Friedhof von den Nazis nie geschändet wurde, wird außerdem sein Verfall in der DDR und seine Wiederauferstehung in der Gegenwart gezeigt. Über die Geschichte des Friedhofs hinaus versucht Im Himmel, unter der Erde auch den zahlreichen recherchierten Erzählungen seiner Protagonisten gerecht zu werden. Dass dabei ein paar Längen entstehen, verzeiht man gerne, wiegt der Film sie doch durch viele anrührende Momente wieder auf.

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So unterschiedlich wie die Geschichten sind auch die Bilder, die Berthold Baule dazu in der Montage komponiert. Kontrastierend zu den sonnigen Aspekten, zeigen sie auch die unheimliche Seite von Weißensee, wenn nachts die Schatten der Bäume im Mondlicht auf den Gräbern tanzen. Bisweilen wirken die Bilder in ihrer Schönheit zusammen mit der Musik wie Zeugnisse einer surrealistischen Traumwelt. Hier führt das offensichtliche Anliegen des Filmes, für die Erhaltung des Friedhofes zu werben, ein wenig zu seiner Idealisierung. Dabei geht es jedoch mehr um ein Unterstreichen der Ausstrahlung, die dieser Ort hat, als um eine manipulative Dramaturgie. Illustriert werden die Berichte der Protagonisten außerdem durch historisches Film- und Fotomaterial aus Kaiserzeit und Weimarer Republik. Den Verfall mancher Prunkgräber porträtiert die Montage mit Übergängen von Filmaufnahmen aus der Gegenwart in Schwarzweißfotos aus der Zeit der Jahrhundertwende. Nicht nur die traurigen Geschichten prägen den Film. Die Erzählungen der Protagonisten sorgen auch für viele heitere Momente. Etwa wenn Rabbiner Wolff mit einem Augenzwinkern mitteilt, was er von reich verzierten Grüften oder Blumen auf dem Grab hält, denn nach dem jüdischen Glauben sind im Tode alle Menschen gleich.

Zwar ist die Herangehensweise des Films an sein Thema unbeschwert, jedoch niemals leichtsinnig. Stets achtet er die Würde eines Ortes, an dem seit über 130 Jahren Menschen ihre letzte Ruhe finden. Dass sich Britta Wauer mit der Dokumentation auf diese Weise ihren Protagonisten angenähert hat, verleiht dem Film seine Ausgewogenheit.

Trailer zu „Im Himmel, unter der Erde“


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