Im Augenblick der Angst

Keine Angst, es ist doch nur ein Film. Oder?

Im Augenblick der Angst 10

Der Horrorfilm schöpft seine Faszination aus einem ständigen Spiel mit der Angst. Dabei genügt es den Filmen nicht immer, diese durch eine in sich geschlossene Welt zu erzeugen, in die sich der Zuschauer hineinversetzt. Auch die Trennlinien zwischen fiktiver und realer Welt können bewusst unscharf gehalten werden. Die beliebte wahre Begebenheit, auf der so viele Genrebeiträge basieren, wirkt zumindest theoretisch erschreckend, weil das Gezeigte angeblich wirklich passiert ist und damit auch jederzeit wieder passieren kann. Im Trailer von Wes Cravens The Last House on the Left (1972) bekommt der Zuschauer wiederum eine Anweisung, wie er sich von den grässlichen Ereignissen auf der Leinwand distanzieren kann, um nicht in Ohnmacht zu fallen: Einfach immer wieder einreden, dass es nur ein Film ist.

Im Augenblick der Angst 06

Was aber, wenn es nicht nur ein Film ist, wenn es auch um keinen wahren Fall geht, mit dem der Film oft ohnehin kaum mehr etwas zu tun hat, sondern dunkle Kräfte von den projizierten Bildern ausgehen und sich ihren Weg in die reale Welt bahnen? Im Augenblick der Angst (Angustia, 1987) handelt von einem Film-im-Film, der nicht nur ausgesprochen beunruhigend auf seine Zuseher wirkt, sondern auch auf seltsame Weise mit der Welt auf der anderen Seite der Leinwand interagiert. Und dem nicht genug, spielt der Film auch damit, dass sich diese Kräfte bis zu uns ausbreiten. Gleich am Anfang wird ein Sicherheitshinweis eingeblendet, wie er besonders im Horrorkino der 1950er bis 1970er Jahre als beliebter Angstbeschleuniger eingesetzt wurde. Vor hypnotischen Effekten wird gewarnt, vor Kontrollverlust und jeglichem Kontakt mit Fremden. Diesen Film, das wird mit Nachdruck vermittelt, sieht man sich auf eigene Verantwortung an.

Im Augenblick der Angst 08

Man muss sich bewusst machen, dass Im Augenblick der Angst in den 1980er Jahren entstand, also während jener Zeit, als der Videomarkt in voller Blüte stand. Im Grunde genommen war es damals ähnlich wie heute, wenn das Kino wieder mit Attraktionen wie 3D locken muss, um mit DVDs und VOD konkurrieren zu können. Im Augenblick der Angst funktioniert zwar auch ohne weiteres im privaten Rahmen, seine wahre Bedrohlichkeit dürfte er aber erst in einem Lichtspielhaus entfalten, wenn das Spiel mit verschiedenen Erzählebenen noch mit der Realität eines dunklen Kinosaals kollidiert.

Im Augenblick der Angst 05

Der spanische Regisseur Bigas Luna (Jamon, jamon, 1992) hat in den letzten drei Jahrzehnten  vor allem gewalttätige und sexuell stark aufgeladene Grotesken gedreht. Im Augenblick der Angst ist bis heute sein einziger Horrorfilm geblieben, doch wie hier die Konventionen des Genres befolgt und mit einer selbstreflexiven Ebene verknüpft werden, lässt nur hoffen, dass Luna vielleicht einmal auf dieses Gebiet zurückkehren wird. Zunächst ist da eine typische, wenn auch bildgewaltig in Szene gesetzte Slasher-Geschichte mit ödipalem Einschlag: Der unbedarfte Assistent einer Augenklinik (Michael Lerner) schneidet auf Befehl seiner bösartigen Mutter (Zelda Rubinstein) Menschen die Augen aus dem Kopf und sammelt sie in einem Plastiksäckchen. Schon dieser besondere Fetisch verrät, dass es hier nicht nur um eine unappetitliche Tötungsmethode geht, sondern auch um einen Bezug zum Medium. Denn was macht das willensschwache Muttersöhnchen anderes als seine Opfer für ihre Schaulust zu bestrafen. Fündig wird er dann – natürlich – in einem Kino.

Im Augenblick der Angst 03

Nach den ersten zwanzig Minuten weicht die Kamera zurück und entlarvt jene düster surreale Welt, in die wir uns gerade eingesehen haben, als Fiktion. Plötzlich befinden wir uns in der Nachmittagsvorstellung eines anderen Kinos, wo die morbide Mutter-Sohn-Wohngemeinschaft bei den Zuschauern für großes Unbehagen sorgt. Die drehenden Spiralen, tickenden Uhren und die mit kratziger Stimme hypnotisierende Zelda Rubinstein – die man etwa als Medium aus den Poltergeist-Filmen kennt – scheinen sie dabei aber in ihren Sitzen zu fesseln. Besonders eine junge Frau ist sichtlich mitgenommen von den Geschehnissen auf der Leinwand, windet sich wie vor Schmerzen und versucht erfolglos ihre abgebrühte Begleiterin zum Verlassen des Saales zu bewegen. Im Kino entwickelt sich nun um diese labile Zuschauerin eine weitere Handlung, die einerseits mit einem Nachahmungstäter eine Variation des Films-im-Film ist, gleichzeitig aber auch mit der Durchlässigkeit beider Erzählebenen arbeitet.

Im Augenblick der Angst 02

Nun dient die Metaebene Luna nie dazu, dem Zuschauer seine Freude an Scheußlichkeiten zu verderben oder das Gruseln durch aufdringliche Selbstreflexion zu mindern. Ganz im Gegenteil, der Blick auf das Publikum und damit auch indirekt auf uns selbst sorgt in erster Linie für eine Expansion des Schreckens. Wenn im Film schon kein Verlass mehr auf die Trennung zwischen Leinwand und Zuschauerraum ist, warum sollte es dann bei uns anders sein? Das macht Im Augenblick der Angst schließlich auch zu dem Midnight Movie schlechthin. Denn abgesehen vielleicht von den Ring-Filmen hat es bisher kaum ein Genrebeitrag derart überzeugend geschafft, seinen Zuschauern zu vermitteln, dass sie sich allein durch das Sehen des Films schon in Gefahr bringen.

Trailer zu „Im Augenblick der Angst“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.