Voll abgezockt

Hey Big Spender. Eine dicke, alleinstehende Frau lehrt einem spießigen Familienvater das Fürchten.

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Es gibt eine einfache Faustregel im Mainstreamkino: Je mehr Menschen ein Film erreichen soll, desto weniger kontrovers darf sein Held sein. Auch wenn so eine Pauschalisierung natürlich vielen Filmen nicht gerecht wird, sieht man sie doch oft genug bestätigt. In der Komödie Voll abgezockt (Identity Thief) etwa haben wir es mit einem Protagonisten zu tun, der dafür der ideale Beweis ist: Sandy (Jason Bateman), ein Geschäftsmann mit zwei reizenden Töchtern, einem großzügigen Eigenheim und einer wunderschönen Frau. Nach etwas, was von der Norm abweicht, was irgendwie ungewöhnlich oder spannend ist, sucht man hier selbst mit der Lupe vergebens. Allerdings muss erwähnt werden, dass die pervertierte Durchschnittlichkeit dieser All American Family auch zum Konzept des Films gehört. Denn das scheinbar grenzenlose Glück der bürgerlichen Familie dient vor allem dazu, von außen bedroht zu werden. Zum Beispiel von einer dicken und lauten Frau, die sich einen Dreck um gesellschaftliche Regeln von Anstand und Moral schert.

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Um diese beiden Figuren zusammenzuführen, sind erst einmal einige abenteuerliche Drehbuchkonstruktionen vonnöten. Weil der gutgläubige Sandy seine Sozialversicherungsnummer unüberlegt am Telefon ausplaudert, lebt – seinem weiblichen Vornamen sei dank – ein krimineller Sozialfall am anderen Ende des Landes unter seiner Identität in Saus und Braus. Eine etwas seltsame, nach Bundesstaaten getrennte Gesetzgebung sorgt schließlich dafür, dass sich die Polizei aus der Verantwortung zieht und Sandy selbst nach Florida muss, um der wild gewordenen Shopping-Hyäne den Garaus zu machen.

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Mit Kill the Boss (Horrible Bosses, 2011) drehte Regisseur Seth Gordon vor zwei Jahren einen etwas schematisch konstruierten, aber durchaus unterhaltsamen Film, vollgepackt mit überdrehter Situationskomik, Obszönitäten und moralisch fragwürdigen Figuren. Wo andere Komödien eher auf einzelne Nummern setzen, verließ sich Kill the Boss auf ein dichtes, streng konzipiertes Drehbuch und peppte seine Handlung mit actionreichen Genreelementen auf. Voll abgezockt greift zwar auf dieselben Grundzutaten zurück, verteilt seine Aufmerksamkeit aber nicht auf ein großes Ensemble, sondern konzentriert sich ganz auf seine zwei gegensätzlichen Hauptfiguren. Das muss an sich nichts Schlechtes sein, scheitert jedoch zum einen daran, dass Jason Bateman zu blass und langweilig wirkt, um einen Film tragen zu können, und zum anderen daran, dass Melissa McCarthy, die bereits in Brautalarm (Bridesmaids, 2011) und Immer Ärger mit 40 (This is 40, 2013) Improvisationstalent und Mut zur Hässlichkeit bewies, von Craig Mazins (Superhero Movie, 2008, Hangover 2, 2011) Drehbuch nicht ausreichend Rohmaterial bekommt, um aus ihrer Figur mehr als einen personifizierten Herrenwitz zu machen.

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Das soll nicht bedeuten, dass es nicht mitunter Spaß macht, der skrupellosen Betrügerin dabei zuzusehen, wie sie sich mit niedersten Methoden durchs Leben mogelt. Ein kalkulierter Tränenausbruch im Restaurant oder eine spontan erfundene Geschichte über die zertrümmerten Genitalien ihres Ehemannes schöpfen das anarchische Potenzial der Komödie aus. Da werden Grenzen überschritten, an die sich die meisten im Alltag nicht herantrauen würden. Doch die Frau mit der geschmacklosen Bluse, dem gebleacheten Lächeln und den auftoupierten Haaren nimmt sich dieses Recht freimütig heraus. Sie lebt den reinen Egoismus, ohne sich mit gutem Benehmen oder moralischen Bedenken aufzuhalten. Man könnte auch sagen, sie wurde vom Kapitalismus geboren, um die Herrschenden das Fürchten zu lehren. Eine Frau, deren Leben unter unglücklichen Umständen verlaufen ist und die mit allen Mitteln ihr Glück einfordert. Mit dieser Lesart spielt der Film auch ganz offensichtlich, etwa wenn er die Eskapaden seiner Protagonistin mit der Musik der Rapperin M.I.A. untermalt und dabei zwei starke weibliche Subjekte aufeinander loslässt.

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Doch auch ein unangenehmer Beigeschmack macht sich breit. Zunächst, weil dieser Figur jedes Fünkchen an Liebenswürdigkeit fehlt. Sie darf zwar das Leben eines Spießers durcheinander bringen, wird dabei aber vor allem darauf reduziert, ein unansehnlicher Trampel zu sein. Es kommt allerdings noch schlimmer. Dann nämlich, wenn sich Sandy und seine Nemesis miteinander arrangieren müssen, weil ihnen drei schießwütige Gangster auf den Fersen sind. Die Sympathie, die der Film seiner weiblichen Hauptfigur zuvor verwehrt hat, zwängt er ihr nun mit einigen plump menschelnden Handgriffen auf. Da reicht schon die Stimme von Sandys Tochter am Telefon, um dem rothaarigen Monster das Wasser in die Augen zu treiben. Später wird sogar noch eine traumatische Kindheit aufgetischt, um die kriminelle Energie als Resultat eines ewigen Minderwertigkeitskomplexes zu legitimieren. Aber auch wenn sich die beiden einstigen Kontrahenten annähern und voneinander lernen, am Schluss ist die Ordnung wieder hergestellt, und jeder bekommt das, was er verdient: Sandy darf wieder bei seiner Bilderbuchfamilie verweilen, und die dicke alleinstehende Frau muss zukünftig im Knast aufbegehren.

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Kommentare


Filmeblog

Ich fande den Film okay, mehr aber auch nicht.






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