Hoffenheim - Das Leben ist kein Heimspiel

Wurst, Bier, Tore: Hoffenheim – das Leben ist kein Heimspiel zeigt, wie man perfektes Fußball-Entertainment produziert.

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Die Bierkrüge brav aufgereiht auf den Tischen, die Arme verschränkt über majestätischen Bäuchen, skeptische Stirnfalten und leicht angewidert aufeinander gepresste Lippen: Fast wird einem warm ums Herz beim Anblick so viel verhärteter Spießigkeit. So eine bockige Ablehnung alles Neuen kann recht enervierend sein für den Neuerer, aber manchmal scheint solcher Starsinn durchaus angebracht. Die im holzvertäfelten Wirtshaus versammelte Menge spürt ja, wie sie zum Material gemacht werden soll in den hochtrabenden Plänen des Jochen A. Rotthaus, Manager des TSG 1899 Hoffenheim.

Die Provinzmannschaft des 3000-Seelen-Ortes im Badischen will er zum hochlukrativen Produkt der Sportindustrie umwandeln, mit gigantischem Stadion im nahe gelegenen Sinsheim und einer ganzheitlichen Strategie, zusammengefasst in seinem Mantra von den „drei Säulen des Fußballs“: Wurst, Bier, Tore. Aber damit ein derartiges Projekt langfristig in die schwarzen Zahlen kommt, muss eben Substanz geschaffen, ergo: das gerade im Bau befindliche Stadion gefüllt werden. Und genau deshalb sitzt der schneidige Rotthaus in jener Provinzgaststätte und säuselt der schweigenden Menge ein, worauf sie Lust haben soll.

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Ach, deutsches Spießertum, warum aber gehst du stets einher mit dieser Schafsmentalität und Wankelmütigkeit, warum bist du nicht so standhaft, wie du zickig bist? Die Szene im Wirtshaus filmten Frank Pfeiffer und Rouven Rech vor drei Jahren, und im Jahr 2010 wissen wir schon lange, dass der Zweifel der Badenser recht bald vom fußballerischen Massakerstil der Hoffenheimer hinweggefegt sein wird. Heute kann man vorläufig behaupten: Das Projekt ist geglückt, Hoffenheim in der deutschen Fußballlandschaft positioniert, die Fanbasis konsolidiert.

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Ein Artikel im Jahre 2006 erweckte zuerst das Interesse von Rech und Pfeiffer an dem ambitionierten Businessprojekt. Da war zu lesen, dass Dietmar Hopp, Chef der Softwarefirma SAP und einer der reichsten Deutschen, ein „Venture“ in die Welt des Sportes machen wolle, und zwar in seiner Heimat, mit dem Club seiner Jugend. Früh stiegen sie also ein, verfolgten Hoffenheims rasanten Aufstieg von der Regional- in die Bundesliga en detail und über alle Stufen hinweg. Glück für sie, denn so vermarktet sich Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel womöglich besser, und Glück fürs Publikum, das von solch treffsicherer journalistischer Intuition profitiert.

Die ganze Geschichte war (und ist noch immer) ein in finanzieller Hinsicht hochriskantes Unterfangen, man könnte sagen: tollkühn. Es ist sehr wichtig, sich klarzumachen, dass ökonomische Überlegungen allein nicht begründen können, warum derlei Projekte gestartet werden. Sosehr einem die Methoden und die Sprache eines Rotthaus missfallen mögen („Geil! Geil! Geil!“): Es ist nicht zu gutgläubig, wenn man anerkennt, dass hier auch ganz viel Passion und fanatischer Glaube mit im Spiel sind.

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Sicherlich hätten Pfeiffer und Rech eine harte ökonomiekritische Studie über die Manipulation des emotionalen Haushalts von Volksmassen basteln können. Stattdessen hat ihr Film fast Feelgood-Qualitäten: ein netter Soundtrack zwischen John Carpenter und Flamenco, viel Fernsehzapperei durch Berichte über Hoffenheim und ein paar liebenswerte Antihelden, die in Museumshöfen und Fanclubheimen in tiefstem Badisch schwadronieren. Was nicht heißt, dass die Kritik zu kurz käme, ganz im Gegenteil: Die Zeitlupenaufnahmen von der Feier anlässlich des Aufstiegs in die Bundesliga, in der Dietmar Hopp vor eine wild brüllende Menge in Weiß und Blau tritt und sich selbst, seine Strategie und den „Sieg“ feiert, sind beängstigend in ihrer evokativen Kraft. Man denkt an Rammstein und dunkle Vergangenheit.

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Nein, Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel ist ein überaus kritischer Film, aber auch kritisch gegenüber jener naiv-doktrinären Haltung, die intellektuelle Distanzierung in ihrem reflektiven Überlegenheitsglauben oft gerne einnimmt. Die Angelegenheiten sind verzwickter, und „Fußball“ ist ein derart hochkomplexes sozioökonomisches Phänomen, dass man nicht aus den Augen verlieren sollte, wie ernsthaft in diesem Feld empfunden wird, aus verschiedenen gesellschaftlichen Richtungen. Sei es der gewiefte Unternehmer, der fanatische Fanclubvorsitzende oder all jene, die sich situativ am Rausch des Erfolges erfreuen: Ihre Gefühle empfinden alle als erfüllend.

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Was Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel so sympathisch macht, ist das Vermögen der Filmemacher, sich der Wirklichkeit und Intensität der in den Menschen entfachten Emotionen nicht zu verschließen, ohne darüber deren Entstehungsbedingungen aus den Augen zu verlieren. Die häufig eingesetzten Montagesequenzen, die den rasanten Aufstieg der Mannschaft zu Tor- und Jubelwundertüten verpacken, speisen ihre Energie primär aus der sportlichen Brillanz des Teams, und sie zu schauen macht natürlich (auch) schlicht Spaß. Es ist schön zu erleben, dass sich eine kritische und eine genießerische Perspektive nicht zwangsläufig ausschließen. Nichtsdestotrotz: Ein wenig trauert man jenem Moment im Jahr 2007 hinterher, als Spießertum und kritische Vorsicht sich im Schulterschluss verwahren wollten gegen die Fernsteuerung durch die Macht des Kapitals. Wenn’s aber Spaß macht ...

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Kommentare


Han Solo

Ich war gestern in dem Film und ich habe
auch die TSG seit Jahren auch im alten
Stadion beim Aufstiegskampf begleitet
und hatte riesig Freude an der Energie
die man regelrecht spüren konnte.
Das hat einem wirklich im eigenen Alltag gut getan!
Leider muss ich sagen wurde der Film anders verfilmt als ich es mir für eine
Good Story vorgestellt hätte, ich glaubte
auch in diesem Film vieles von dieser
unglaublichen Energie dem Krafakt zu spüren und hätte mir vorstellen können






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