Herbstgold

Ein Dokumentarfilm widmet sich dem Thema Seniorensport. Das hört sich erst mal nicht aufregend an, entpuppt sich aber als faszinierendes Phänomen. Regisseur Jan Tenhaven gelingt ein Porträt fünf eindrucksvoller Athleten.

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Jeden Tag aufs Neue die Blutzirkulation spüren, das Leben im eigenen Körper pochen hören. Aus diesem Grund treibt Herbert Sport, und wenn er das nicht tun würde, wäre er nach eigener Aussage innerhalb eines Monats tot. „Aber ich will euch doch alle überleben“, ruft er und muss dann selbst lachen über dieses ungewöhnliche Vorhaben. Ungewöhnlich deshalb, weil Herbert bereits 93 Jahre alt ist. Doch dieses hohe Alter hält ihn nicht von der Teilnahme an 100-Meter-Läufen ab. Wenn Herbert beim Training auf einen Kasten klettert, seine Beine einklemmt, um dann seinen zerbrechlich wirkenden Körper mit Schwung nach hinten fallen zu lassen, mag man kaum hinsehen.

Doch Herbert weiß, was er tut. Er ist einer von fünf Senioren und Seniorinnen, die Jan Tenhaven in seinem Dokumentarfilm Herbstgold porträtiert. Sie alle verbindet eine gemeinsame Leidenschaft: der Leistungssport. Diesem ungewöhnlichen Phänomen angemessen, beginnt der Film mit erstaunlichen Bildern: In Superzeitlupe erleben wir alte Menschen, die beim Weitsprung im Sand landen oder einen Diskus von sich schleudern. Diese Verbindung von bekannten athletischen Bewegungen und faltigen Körpern erscheint fremd wie seltene Naturaufnahmen. Nicht weniger faszinierend sind die Personen, die wir im Verlaufe des Films kennenlernen.

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Selten dürften allein die Bildunterschriften einen größeren Effekt beim Publikum hervorgerufen haben. Aber man will seinen Augen kaum trauen, wenn man den Tschechen Jirí die Stufen eines mehrstöckigen Treppenhauses hochjoggen sieht und erst nach einiger Verzögerung die Information bekommt, dass es sich hier um einen 82-jährigen Hochspringer handelt. Noch krasser erzielt nur die Vorstellung des Österreichers Albert eine solche Wirkung, der beim Umziehen über seine paar wenigen Altersflecken spricht, während eine Einblendung ihn als 100-Jährigen „outet“. Alberts Schicksal wird später zum tragischen Element des Films: Auf dem Weg zur Senioren-Leichtathletik-Weltmeisterschaft im finnischen Lahti verletzt er sich am Knie, muss einen schweren Eingriff erleiden und will sich dennoch nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen, nach Finnland zu fliegen.

Weniger Sorgen macht man sich um Kugelstoßerin Ilse aus Kiel. Sie ist 15 Jahre jünger als Albert und als bodenständige, norddeutsche Rentnerin so etwas wie die Identifikationsfigur in Herbstgold. Ilse spricht jeden Morgen mit dem Porträtbild ihres verstorbenen Mannes, wirkt ewig gut gelaunt und ist weniger ehrgeizig als ihre männlichen Kollegen. Ihr einziger Wunsch ist es, die Kugel bei der WM noch einmal über sechs Meter zu stoßen. Die zweite Frau im Bunde ist die Italienerin Gabre, die nostalgisch erzählt, wie sie bei ihrem ersten Wettkampf im Jahre 1936 den Diskus 43 Meter weit geworfen hat. Mittlerweile sind es nur noch zwölf. Was sie aber nicht davon abhält, sich noch immer mit Gleichaltrigen zu messen – auch sie will nach Finnland fliegen.

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Innerhalb des Films ist Gabres Blick in die Vergangenheit eher eine Ausnahme. Tenhaven, der bislang nur fürs Fernsehen gearbeitet hat, porträtiert die fünf Athleten sehr nüchtern innerhalb ihres gegenwärtigen Alltags. Dabei entwickeln sich interessante Sequenzen fernab des Sports: Der 100-jährige Albert hat auch das Aktzeichnen zum Hobby und lässt regelmäßig junge Damen Modell stehen. Jirís Ehefrau schüttelt zwar regelmäßig den Kopf über die Sportwut ihres Mannes, gibt aber auch zu, dass sie einen Stubenhocker nicht ertragen könnte. Sie ist die einzige Lebensgefährtin eines Protagonisten, alle anderen sind alleinstehend oder verwitwet.

Dass der Film trotz einiger Längen im Mittelteil über weite Strecken fasziniert, liegt vor allem daran, dass Tenhaven seinen Senioren größtenteils das Feld überlässt. Vor allem diese Menschen sind es, die den herzlichen und lebensbejahenden Charakter des Films ausmachen. Rein statistisch gesehen schon mit einem Bein im Grab, gehen sie mit ihrem Alter so selbstbewusst um wie mit ihrem Körper. So leidet und lacht man mit ihnen, verliert ein wenig die Furcht vor dem Altern und bekommt fast Lust, nach dem Kinobesuch direkt mal wieder ein wenig Sport zu treiben.

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Die Senioren-WM im finnischen Lahti, die alle Portärtierten als gemeinsames Ziel verbindet, ist schließlich ein äußerst skurriles Ereignis, eine von Rentnern bevölkerte Parallelwelt. Die WM ist ebenso ernsthaft durchorganisiert wie die Olympischen Spiele, findet aber fast jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit statt. Die Ränge im Stadion sind größtenteils leer, und die Ergebnisse der Wettkämpfe tauchen gemeinhin in keiner einzigen Zeitung auf. Ein Grund vielleicht, warum man Tenhaven die manchmal etwas überdramatische Klaviermusik und den erneuten Rückgriff auf Superzeitlupen verzeiht. Ein bisschen Mut zum Pathos ist schließlich durchaus angemessen, um der auch von Gabre angeprangerten Ignoranz der Medien entgegenzuwirken. Wenn faltige Athleten in der Prime Time keinen Platz haben, muss eben das Kino ihnen ein Denkmal setzen.

Trailer zu „Herbstgold“


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Kommentare


Brigitte Endres

Ich habe mir heute den Film angesehen und muss sagen, er ist sehr aussagekräftig! Bewunderungswürdig die
Senioren!
Ich bin auch schon 70 Jahre alt und habe mir vorgenommen, in diesem Jahr nach längerer
Pause zu versuchen, mal wieder das Sportabzeichen zu machen. Ein sehenswerter Dokumentarfilm!


Scholz

Ich habe mir heute schon zum zweiten Mal diesen erstklassigen Film angesehen Allen sportlich aktiven Beteiligten meine hohe Anerkennung!!! Schade nur, dass diese Erfolge der Senioren in der Öffentlichkeit fast gar keine Beachtung finden! Ein Lob für das gesamte " Filmkollektiv", egal ob Regisseur, Schnitt, Ton...!!! Ganz toll die Kameraführung (Arbeit mit Licht und Schatten, Zeitlupe, Perspektive...)!!!
Übrigens, ich wäre erfreut, diesen Film als DVD in den Regalen zu finden, denn viele Senioren können den Weg ins Kino nicht mehr wagen. Schlimm ist auch, dass man für so einen brillianten Film die Werbetrommel in den deutschen Medien nicht rührt. Aber keine Angst, ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, all' meinen Bekannten dieses Filmerlebnis zu empfehlen.






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