Halt auf freier Strecke

Ein Gehirntumor übernimmt Frank Langes Körper und zunehmend sein Leben. 

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Mit der quälend ungelenk vorgetragenen Diagnose eines Gehirntumors beginnt Halt auf freier Strecke. Mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie hätte Frank (Milan Peschel) noch ein paar Jahre. Hat er aber nicht. Denn seiner sei nicht nur bösartig, sondern auch inoperabel. Lebenserwartung: wenige Monate. Nach einer Weile antwortet der Arzt auf die Fragen seines Patienten und dessen Frau Simone (Steffi Kühnert) nur noch mit einem betroffenen „Hmm“: „Den zehnten Geburtstag meines Sohnes werde ich nicht mehr miterleben?“ – „Hmm“. Ohne ein verlegenes Schweigen des Arztes auszusparen, zeigt Andreas Dresen in der Eingangssequenz minutenlang, wie banal auf der einen Seite und erschütternd auf der anderen die Ankündigung der plötzlich gesetzten Todesfrist wirkt. Es ist die bestechende Verbindung dieser beiden Axen, die den Zugang zu seinem neuesten Werk ermöglicht und gleichzeitig für eine emotionale Balance sorgt. 

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Irgendwann in der Mitte des Films sieht Frank fern: Sein Gehirntumor (Thorsten Merten) ist zu Gast bei Harald Schmidt und prahlt mit seiner Handhabe über ihn. Dieser  Wahnvorstellung, die sich stilistisch nahtlos in den Film fügt, gelingt es auf wundersame Weise, dessen zentrales Motiv zu fassen: die Enteignung des Körpers. Seine veräußerlichte Perspektive, die er unfreiwillig auf sich selbst gewinnt, reflektiert er in Videos, die er mit der Handykamera aufnimmt. Als ihn sein Sohn schließlich fragt, ob er sterben werde, schiebt dieser gleich hinterher: „Kriege ich dann dein iPhone?“ Während Frank sein Leben entgleitet und er immer weniger das eigene Handeln und Denken zu kontrollieren vermag, sind es vor allem die Gegenschüsse auf seine Kinder und das wachsende Unvermögen seiner Frau, seinen Zustand zu ertragen, die den Zuschauer auf sich selbst zurückwerfen. Tatsächlich sind alle mit Franks Krankheit überfordert. Die Reaktionen seines Umfelds, akribisch in digitalen Bildern eingefangen, sind vor allem aufgrund ihrer rohen Form schwer auszuhalten. 

Dresens vorletzter Film, Wolke 9 (2008), an den sein neuester in gewisser Hinsicht anschließt, bestach neben der beachtlichen Ökonomie der Mittel und stets präzisen Inszenierung insbesondere durch das Spiel seiner Hauptdarstellerin Ursula Werner, die hier in einer kleinen Nebenrolle glänzt. Mit einer großen Nonchalance verkörperte ihre Figur die neue Liebe über 60 wie ein äußerliches, ihr lediglich widerfahrendes Phänomen, dem sie sich auszuliefern habe. Halt auf freier Strecke greift dieses im Spiel durchscheinende Moment in ungleich tragischerer Weise auf. Vor allem aber verbindet die Filme Dresens dokumentarische Arbeitsweise, mit der er bereits in Halbe Treppe (2002) experimentiert hatte. Die improvisierten Dialoge, bei denen oft der Überschuss an Informationen den eigentlichen Reiz ausmacht, die tatsächlichen Ärzte, Pfleger und Therapeuten, die Laiendarsteller und der intime, zurückgenommene Kamerastil tragen hier alle zum Eindruck einer großen Unmittelbarkeit bei. Nur ganz selten sind einzelne Szenen mit Musik unterlegt, die entweder vom Gitarre spielenden Vater oder vom Klavier übenden Sohn stammen. 

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Halt auf freier Strecke besteht, anders als Wolke 9 etwa, aus durchaus disparaten Elementen. Doch die Handykamera-Aufnahmen driften nicht ins peinlich Berührende ab und einzelne stärker ästhetisierte, wohl komponierte Einstellungen geben Raum zum Atmen, ohne dem Film die Dringlichkeit seiner Erzählung zu rauben. All das wäre ohne das perfekte Zusammenspiel des Ensembles selbstverständlich nicht denkbar. Nach einem Zusammensturz im Freizeitpark heißt es für die Familie Lange, die Rückreise vorzeitig anzutreten. Simone ist sichtlich bemüht, alles zusammenzuhalten, die Sachen zu packen und Anweisungen zu erteilen, während Frank verwirrt auf einer Bank sitzt. Im Off hören wir das Unverständnis der Kinder: „Mist, Mist, Mist“ - sie wollen doch so gerne noch bleiben. Solche Szenen, die die Dynamik der Familienbeziehungen greifbar werden lassen, vom Verlust der Autonomie erzählen und ein menschliches Porträt errichten, beiläufig und doch präzise, zeichnen Halt auf freier Strecke aus. Sie bereichern die nervenaufreibende Begleitung des mühseligen Sterbeprozesses mit einem langen Nachhall.

Trailer zu „Halt auf freier Strecke“


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Kommentare


Iris Sättele-Leonhardt

In Konstanz lief der Film nur ganz kurz im KOni. Kann man ihn schon auf DVD erwerben??? Und wo????


Frédéric Jaeger

Nein, bislang noch nicht. Wir werden die DVD selbstverständlich hier anzeigen, sobald es soweit ist.






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