Half Moon
Ein alternder, berühmter kurdischer Musiker erhält nach Jahrzehnten der Unterdrückung die Erlaubnis für einen Auftritt. Half Moon erzählt in einer Mischung aus Allegorie und Realismus von den Lebensbedingungen von Künstlern im Iran.

Dieser Film ist voller Hindernisse, voller unüberwindlicher Hürden. Ein Road-Movie, das kaum von der Stelle kommt, ein Musikfilm, in dem die Instrumente zerstört werden, bevor das Konzert beginnen kann. Bahman Ghobadi legt der Handlung immer wieder Steine in den Weg. Von Durchbruch keine Spur, statt von Erfolg und Erlösung erzählen die Lieder (und die Bilder) Geschichten von Verlust und Tod.
Der Iran, an der Grenze zum Irak. Der kurdische Musiker Mamo (Ismail Ghaffari) erhält nach dem Sturz Saddam Husseins zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Erlaubnis, aufzutreten. Zusammen mit seinem Freund Kako (Allah Morad Rashtiani) macht er sich mit einem klapprigen Bus auf die Reise und sammelt unterwegs seine längst erwachsenen neun Söhne ein, seine Band. Dann geht es weiter Richtung irakisch Kurdistan.
Von Beginn an schleicht sich ein düsterer Ton in diesen hoffnungsfrohen Plot. Das erste Bild von Mamo zeigt ihn in einem offenen Grab, wie eine Todesahnung. In diesem Fall wird der ungewöhnliche Anblick noch aufgelöst, der alte, störrische Mann hat nur Probe gelegen. Später, besonders gegen Ende, wird Half Moon (Niwemang) sich immer mehr von der realistischen Erzählweise verabschieden. Den Behörden im Iran war der Film dennoch realitätsnah genug: Kurz nach Fertigstellung wurde er verboten. Entstanden für das österreichische „New Crowned Hope Festival“ anlässlich des Mozart-Jahres 2006, war Half Moon bisher vor allem auf internationalen Festivals zu sehen.

In vielen Momenten erinnert der Film an Kusturica. An die kantigen Charaktere, ihren derben, bäuerlichen Witz und die Bedeutung, die die Musik für sie spielt. Aber anders als bei Kusturica kann die Musik bei Ghobadi niemals ihre befreiende Kraft entfalten. In einer großartigen Sequenz fahren Mamu und seine Söhne ins Dorf der verbannten Sängerinnen, um Hesho (Hedye Tehrani) abzuholen. Ohne sie, die berühmte Solistin, sagt Mamu, gibt es kein Konzert. Fast wie ein Musical aus den seligen amerikanischen Studiozeiten sieht es aus, wenn Mamu gemeinsam mit ihr durch die Straße des Dorfes geht und die anderen Frauen aus Fenstern, von Mauern und Hausdächern zusehen und ihre Trommeln schlagen. Das Dorf der Verbannten gibt es nicht wirklich, es ist eine Allegorie auf die Tatsache, dass es Frauen im Iran verboten ist, vor Männern zu singen. Aber es ist ein sehr starkes Bild. Er habe, sagt Regisseur und Autor Ghobadi, diesen Ort zu Ehren aller im Exil lebenden iranischen Sängerinnen erfunden.
Es gelingt, Hesho aus dem Dorf heraus zu schmuggeln. Ein paar Mal probt sie nun mit Mamu, auf dem Boden des Busses, während die Fahrt weiter geht, in der einen Hand eine Zigarette, mit brüchiger, trauriger Stimme. Auch ihr Weg wird auf unüberwindliche Hindernisse stoßen. Am Ende spielen eine aus dem Nichts auftauchende Frau, ein weiteres Grab und die karge, wunderschöne, von dem norwegischen Kameramann Nigel Bluck eingefangene Landschaft im Grenzgebiet zwischen dem Iran und dem Irak die tragende Rolle. Alle Kusturica-Energie ist hier verflogen, wie im Purgatorium irren die Männer umher, jeder Hoffnung beraubt. Unmerklich hat Half Moon sich von einer rauen Komödie, in der die Scherze immer kantiger, immer bitterer wurden, an den Rand bewegt - an den Rand zwischen den Staaten, den zwischen Leben und Tod und an den Grenzbereich zwischen Kunst und Leben.

Ghobadi, Jahrgang 1969, hat erst eine Handvoll Filme gedreht, gehört aber bereits zu den international bekanntesten Regisseuren des Filmlandes Iran, unter denen er der Jüngste ist. Namen wie Mohsen Makhmalbaf (Kandahar, Safar-e Ghandehar, 2001), Majid Majidi (Kinder des Himmels, Bacheha-Ye aseman, 1997) und Jafar Panahi (Offside, 2006) sind da noch zu nennen. Mit Half Moon hat Ghobadi sich sehr weit, weiter noch als in seinen früheren Filmen, vom Neorealismus italienischer Tradition entfernt, mit dem das iranische Kino seit Abbas Kiarostami oft verbunden wird. In Zeit der trunkenen Pferde (Zamani barayé masti asbha, 2000) und Schildkröten können fliegen (Lakposhtha hâm parvaz mikonand, 2004) erzählte Ghobadi Geschichten von kurdischen Kindern; letzterer spielt während des Irak-Kriegs. Seinem Sujet, dem Leben in Kurdistan, bleibt er auch in Half Moon treu, seine Erzählweise aber hat er radikalisiert. So schafft Ghobadi eine neue, unverkennbare Ausdrucksform, in der magischer Realismus an die Stelle des Dokumentarischen tritt.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 24.08.2007
Kommentare zu Half Moon
Martin Z. 02.06.2011 19:31
Die Handlung enthält einige nicht leicht nachvollziehbare Szenen. Die kann man aber vernachlässigen, denn der Film bezaubert durch das fremdartige Ambiente und die Besonderheit der ganzen Situation.
Man kann ihn oberflächlich als Roadmovie in politisch vermintem Gelände in der Region Iran/Irak/Türkei sehen. Ein Gebiet, in dem, ungeachtet der Staatsgrenzen, die Kurden seit Jahrhunderten gesiedelt haben. Und dabei auf die Grenzkontrollen achten oder auf die teilweise komischen Schwierigkeiten der Gruppe von 14 Musikern.
Unweigerlich stößt man daneben aber noch auf eine symbolische Bedeutung, die magische Momente enthält. Eine Reise zu einem Konzert in einem fremden Land - ein typisch kurdisches Phänomen - denn sie haben ja keinen eigenen Staat. Nur einen Anführer, den Vater der 14 Söhne. Der alte Mann tritt trotz warnender Hinweise die Reise an, von der er nicht zurückkehren wird. Eine geheimnisvolle Frau mit dem Namen Halbmond weist ihm den Weg zu seinem Ziel. Die Gruppe löst sich am Ende auf, jeder verfolgt sein eigenes Ziel. Keine rosigen Aussichten für die Kurden. Allein wie die Dokumentation ihrer Situation gemacht ist, ist es wert, angeschaut zu werden. Es ist der dritte und zugleich der beste Film des Kurden Ghobadi: informativ, komisch und mysteriös.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Half Moon. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Half Moon
Originaltitel: Niwemang
Iran, Österreich, Frankreich 2006
Laufzeit: 107 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Bahman Ghobadi
Drehbuch: Bahman Ghobadi
Produktion: Bahman Ghobadi, Behrooz Hashemian
Bildgestaltung: Nigel Buck, Crighton Bone
Montage: Hayedeh Safiyari
Musik: Hossein Alizadeh
Darsteller: Ismail Ghaffari, Allah Morad Rashtiani, Hedye Tehrani, Hassan Poorshirazi, Golshifteh Farahani, Sadiq Behzadpoor
Kinostart: 09.08.2007
DVD-Angaben
Titel: Half Moon
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Kurdisch (DD 5.1, DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 100 Minuten
Extras: Making of (ca. 35 Min.); Trailer
Verleih ab: 25.01.2008
Verkauf ab: 25.01.2008
Copyright Half Moon
Fotos: © Pandora Film
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Neandertal
So 12.02, 23:50 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR
Schläfer
Mi 15.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Yella
Mi 15.02, 22:25 Uhr, 3sat








1 Kommentar