Hacksaw Ridge

Der Glaube als bloße Devotionalie: Mel Gibsons Film über einen Gewaltverweigerer im Kampfeinsatz betrachtet den Zweiten Weltkrieg als großes religiöses Dilemma, verlässt dabei aber nie die Bahnen eines treuherzigen Nihilismus.

Hacksaw Ridge 8

Es ist ein einzelnes Bild, von dessen vermeintlicher Kraft Hacksaw Ridge ganz beseelt zu sein scheint: Der Sanitäter Desmond Doss (Andrew Garfield), der sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat, aus religiösen Gründen aber jeden Dienst an der Waffe verweigert, zieht den schwer verwundeten Sergeant Howell (Vince Vaughn) auf einem ausgebreiteten Mantel aus dem versumpften Kampfgebiet, während der geh-, aber nicht schießunfähige Sergeant Salve um Salve aus seinem Maschinengewehr in die Körper der nachfolgenden japanischen Soldaten abfeuert. Doss und Howell, der sanfte Gewaltverweigerer und der abgehärtete Kämpfer, sie gehen eine fast lückenlose Symbiose ein. Auf diese Art versöhnen sie zwei Formen der Frömmigkeit, die angesichts der Wirren des Krieges in Widerspruch zu geraten drohten: bedingungslose Gottergebenheit und soldatisches Heldentum. Beidem wird in Hacksaw Ridge gehuldigt.

Die Erfüllung der Gewaltverweigerung liegt in der Gewaltentfesselung

Hacksaw Ridge 5

Aus einem christlich-religiösen Blickwinkel betrachtet, stellt der Zweite Weltkrieg tatsächlich ein schwerwiegendes Dilemma dar, denn zum einen scheint das göttliche Verbot des Tötens ein umfassendes zu sein, das auch und vielleicht gerade kriegerische Handlungen miteinschließt, zum anderen aber erscheint die Niederlage der Achsenmächte als eine moralische Notwendigkeit – und ohne den Einsatz tödlicher Gewalt wird sie nicht zu erreichen sein. Es ist ebendieses Aufeinanderprallen gegenläufiger göttlicher Gebote, das das historische Schicksal von Desmond Doss bestimmte. Der lehnte zwar, wie gesagt, für sich jede Gewaltausübung ab, bestand aber dennoch auf seinem Recht, den amerikanischen Kriegseinsatz unmittelbar an der Front zu unterstützen – und erhielt schließlich für die Errettung mehrerer Dutzend Verwundeter aus stark umkämpftem Gebiet die amerikanische Ehrenmedaille. Nun wird der Schmerz, den dieser innere Konflikt verursacht, in Mel Gibsons Film zwar ausgiebig dargestellt. Aber trotzdem weicht Hacksaw Ridge diesem Schmerz in letzter Konsequenz doch aus, indem er all seine inszenatorische Kraft darauf verwendet, jede friedfertige (oder gar pazifistische) Interpretation von Doss’ Taten zu unterbinden.

Hacksaw Ridge 1

Das zentrale Geschehen in Hacksaw Ridge ist nämlich nicht Doss’ eigentlicher Rettungseinsatz, sondern der sich an diesen Einsatz anschließende zweite Ansturm auf die japanischen Stellungen. Doss hat in Gibsons Darstellung nicht nur seinen Kameraden das Leben gerettet, er hat ihnen auch und vor allem ihren Glauben wiedergegeben (den, wie es heißt, „Glauben an den Glauben von Desmond Doss“). So warten die für den Angriff angetretenen Truppen andächtig, bis Doss seine stumme Fürbitte beendet hat, bevor sie sich erneut in die Schlacht werfen. Erfüllt von dem exemplarischen Glauben des Soldaten Doss und bereinigt von Zweifel und Angst, ballern sie verbissen die überall aus dem Boden schlüpfenden Japaner nieder und nehmen schließlich den umkämpften Klippenrand doch noch ein. Erst mit diesem Sieg, so legt es der Film nahe, erfährt Doss’ Heldentum seine wahre Erfüllung, ist seine Mission vollendet, und er darf (bildlich zumindest) in den Himmel aufsteigen: Verwundet liegt Doss auf einer Bahre, seine Bibel hat er fest ans Herz gepresst, die Kamera sinkt langsam an seiner Seite hinab, und er wird umfangen vom durch die Wolken brechenden Sonnenlicht.

Eine krude Theologie

Hacksaw Ridge 3

Das religiöse Dilemma, von dem der Film seinen Ausgang nimmt, hat für Gibson also eine denkbar einfache Lösung: Das Ziel einer umfassenden Gottgefälligkeit kann im Krieg nur durch effiziente Arbeitsteilung erreicht werden. Die einen missachten das göttliche Tötungsverbot, um die feindlichen Truppen mit Gewehr und Granate niederzuringen, die anderen (hier: ein Einzelner) beteiligen sich an den Kriegsanstrengungen, verweigern aber jede Gewaltausübung und halten somit im Namen aller Gottes Gebote weiterhin in Ehren. In dieser Konstellation erfüllt die Gewaltverweigerung eine klare Rolle: nicht etwa, Anklage gegen die Brutalität des Krieges zu erheben oder auch nur einen Kontrapunkt dazu zu bilden, ein sichtbares Zeichen, dass die Ausübung von Gewalt, so unumgänglich sie auch erscheinen mag, immer auch eine moralische Niederlage darstellt. Nein, die Gewaltverweigerung hat in Gibsons Film allein den Zweck, die Ausübung von Gewalt nicht nur zu rechtfertigen, sondern sogar mit dem Schimmer der Heiligkeit aufzuladen.

Hacksaw Ridge 6

Innerhalb der kruden Theologie, die in Hacksaw Ridge zum Ausdruck kommt, spielen die tatsächlichen Inhalte der erwähnten göttlichen Gebote keine Rolle, wichtig ist nur die Tatsache, dass sie göttlich und somit zu befolgen sind. Der Glaube wird hier selbst zur Devotionalie, zu einem Artefakt, das zu keinem anderen Verhalten Anlass gibt als jenem, die Augen davor zu senken – zu einer Taschenbibel, die nicht zum Lesen, sondern nur zum Ans-Herz-Drücken da ist. Eine derartig reflexhafte Andächtigkeit in die eine Richtung zieht auch stets eine ebenso reflexhafte Geringschätzung in die andere nach sich. Nirgends wird das deutlicher als in der Art und Weise, wie der Film menschliche Körper inszeniert. In der amerikanischen Heimat sind die Menschen reine Lichtwesen, schwerelos wandelnd unter einem permanent sonnigen Himmel, in ihren Bewegungen ebenso sanft wie die schwankenden Getreideähren und die plätschernden Bächlein, die hier die Landschaft bestimmen. Doch diese Huldigung der Körperlosigkeit hat zur Folge, dass die Zerstörung des Körpers nicht mehr als ein wesentlicher Verlust erscheinen kann. Im Kriegsgebiet sind die Körper der Soldaten dann nur mehr Erdklumpen, die am laufenden Band zerfetzt, zerrieben und zerbröselt werden, ohne dass dieses permanente Zerstörungswerk je eine innere Tragik entwickeln könnte. Der menschliche Körper ist in Gibsons Darstellung nicht Träger der menschlichen Seele, er ist nur deren verkrustete Hülle. So ist die ostentative Frömmigkeit von Hacksaw Ridge am Ende nur ein treuherziger Nihilismus – der Glaube, der diesen Film durchdringt, ist nicht einer, der die Welt, in der wir leben und sterben, mit einem zerbrechlichen Anschein von Sinnhaftigkeit und Wert überzieht, sondern einer, der jede Spur eines solchen Anscheins von der Welt absaugt.

Trailer zu „Hacksaw Ridge“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.