German Angst

Blut und Hoden: Ein Episodenfilm beweist, dass die Begriffe „Horrorfilm“ und „Deutschland“ sich nicht ausschließen müssen – und knüpft an eine längst vergessene Filmtradition an.

German Angst 02

Der Titel nimmt zwar Bezug auf eine spezifisch deutsche Befindlichkeit, ist aber vor allem programmatisch zu verstehen. Mit Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall sind für den Episodenfilm German Angst drei Regisseure angetreten, um die nunmehr seit fast einem Jahrhundert brachliegende Tradition deutscher Horrorfilme wiederzubeleben. Hatten Friedrich Wilhelm Murnau (Nosferatu, eine Symponie des Grauens, 1922), Robert Wiene (Das Cabinet des Dr. Caligari, 1920) oder Carl Boese und Paul Wegener (Der Golem, wie er in die Welt kam, 1920) Genrefilme vorgelegt, die nicht nur heute noch als Klassiker gelten, sondern auch Maßstäbe hinsichtlich filmischer Ästhetik überhaupt setzten, hatten nachfolgende Generationen offensichtlich kein Interesse, an diese frühen Glanzleistungen anzuknüpfen. Die Edgar-Wallace- oder Dr.-Mabuse-Filme sowie vereinzelte Kuriositäten wie Fritz Böttgers Ein Toter hing im Netz (1960), später dann kurzlebige Slasherfilm-Epigonen wie Anatomie (2000), Anatomie 2 (2003), Flashback – Mörderische Ferien (2000) oder Swimming Pool waren schon das Höchste der Gefühle. Es scheint kaum verwunderlich, dass das mit German Angst verbundene Vorhaben „Neuer deutscher Horrorfilm“ tief im deutschen Underground verwurzelt ist.

Jörg Buttgereits fulminante Rückkehr

German Angst 01

Die Deutschen waren schon immer ganz gut im Verdrängen, und an niemandem zeigt sich das so deutlich wie an Jörg Buttgereit: Im Ausland für seine frühen, unabhängig produzierten Spielfilme Nekromantik (1987), Nekromantik 2 (1991), Der Todesking (1989) und Schramm (1993) gefeiert, konnte er das mit diesen Filmen gegebene Versprechen hierzulande – Jugendschutz sei Dank! – leider nie in großem Stil einlösen. Allein für seine Rückkehr auf die blutgetränkte Leinwand hat sich German Angst schon gelohnt. Aber da ist noch mehr.

Buttgereits Segment „Final Girl“, das German Angst eröffnet, gibt eine Ahnung davon, was einem in den letzten 20 Jahren möglicherweise entgangen ist: Unter Verzicht auf jegliche Exposition, in nüchternen, beinahe impressionistischen Bildern, erzählt Buttgereit eine Geschichte, die in Berlin angesiedelt ist, sich tatsächlich aber hinter jeder deutschen Häuserfassade ereignen könnte, und die gerade in dem Maße verstört, in dem sie jegliche Spezifika vermeidet. Ein jugendliches Mädchen liegt in ihrem Bett, erzählt davon, wie eines ihrer Meerschweinchen einmal zwei Zehen verlor und sich daraufhin einer Beinamputation unterziehen musste. In einer verdreckten Küche macht sie sich ihr Frühstück, bevor sie die Geflügelschere aus der Schublade nimmt und ins elterliche Schlafzimmer geht, wo ihr Vater gefesselt und geknebelt auf dem Bett liegt. Meerschweinchen würden kastriert, indem man ihren Hodensack entfernt, weiß sie kühl aus dem Off zu berichten, während sie dem wimmernden Mann die Unterhose herunterzieht und die Schere ansetzt. „Final Girl“ hat keine Botschaft, keinen Spannungsbogen, begnügt sich mit einer lediglich beobachtenden Haltung auf das Geschehen und erschüttert mit der Banalität, mit der das Grauen zuschlägt. 25 Minuten perfektes Filmemachen, ohne eine einzige vergeudete Sekunde.

German Angst 04

Michal Kosakowskis Segment „Make a Wish“ muss danach fast zwangsläufig abfallen, ist gewiss gut gemeint, wirkt aber trotzdem bemüht und konfus. Ein Liebespaar – zwei junge, taubstumme polnische Immigranten – wird beim Spaziergang über ein brachliegendes Fabrikgelände von einer Gruppe Neonazis überrascht und sogleich Opfer von rassistischer Demütigung und Gewalt. Ein magisches Amulett, das bereits die polnische Großmutter im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis gerettet hatte, verspricht vielleicht einen Ausweg. Täter und Opfer tauschen auf Geheiß des Anhängers unbemerkt von allen anderen den Körper, doch das Blutvergießen geht mit unverminderter Härte weiter. Es wird nicht ganz klar, was Kosakowski eigentlich erzählen will. Ein bisschen erinnert „Make a Wish“ an die moralisch aufgeladenen Geschichten aus den Tales-From-the-Crypt-Comics und -Filmen. Doch der finale Twist, auf den diese hinauslaufen, verpufft hier wirkungslos, der Zuschauer bleibt ratlos zurück. Die ganze Prämisse wirkt wenig authentisch, vielmehr ganz auf das Finale hin konstruiert, das Spiel der Darsteller eindimensional und überzogen. Hervorzuheben sind aber – wie im ganzen Film – das hervorragende Sounddesign und die visuelle Gestaltung.

Dein Körper: Freund und Feind

German Angst 05

Das letzte Segment, Andreas Marschalls „Alraune“, nimmt etwa die Hälfte der Gesamtlaufzeit von German Angst ein und stellt eine freie Bearbeitung des gleichnamigen Romans von Hanns Heinz Ewers aus dem Jahr 1911 dar, der zwischen 1918 und 1952 insgesamt sechsmal verfilmt wurde. Im Mittelpunkt von Marschalls Film steht der Fotograf Eden (Milton Welsh), der auf der Suche nach sexueller Erfüllung in einem mysteriösen Privatklub landet, der seinen Mitgliedern ungeahnte erotische Erfahrungen verspricht. Wie häufig in solchen Filmen sind diese Erfahrungen allerdings mit einem hohen Preis versehen. „Alraune“ überzeugt aus ähnlichen Gründen wie Buttgereits Beitrag, auch wenn beide Filme sonst wenig miteinander gemein haben. Marschall verwendet viel Mühe und Energie darauf, eine düstere, unheilvolle, gleichzeitig aber auch verlockende und anziehende Atmosphäre zu schaffen, und verzichtet dankenswerterweise darauf, zu viel Plot anzuhäufen.

Mehr als von irgendwelchen dubiosen alchimistisch-dämonischen Machenschaften handelt „Alraune“ von der Macht körperlicher Lust schlechthin. Die Sinneseindrücke, die Eden mit verbundenen Augen und unter dem Einfluss einer geheimnisvollen Droge erlebt, offenbaren ihr beunruhigendes, verstörendes Potenzial genau in dem Moment, in dem er das Diktum, nicht hinzuschauen, aus Neugier ignoriert. Lust ist höchst ambivalent, und Marschall legt nahe, dass sich ihre befreiende, transzendierende Wirkung proportional zu ihrer zerstörerischen Kraft verhält: Je höher der Lustgewinn, umso höher sind auch die Kosten, die man dafür bezahlen muss. Unser Körper ist ein trügerisches, heimtückisches Werkzeug. „Alraune“ erreicht nicht zuletzt durch die Besetzung mit dem über ein wunderbar rauchiges Organ verfügenden Milton Welsh eine Noir-artige Qualität. Die Nacht verfügt über eine unwiderstehliche Anziehungskraft, aber man sollte sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, was sich in ihren pechschwarzen Schatten verbirgt, will man nicht den Verstand – oder gar sich selbst – verlieren.

German Angst 08

Man darf hoffen, dass German Angst mehr ist als nur ein kurzes Aufflackern am deutschen Genrefilm-Himmel. Buttgereit und Marschall, mit Abstrichen auch Kosakowski, beweisen, dass „Made in Germany“ auch im Bereich des Horrorfilms das Zeug zum Qualitätssiegel hätte. Dafür sind aber sowohl Kontinuität als auch die Risikobereitschaft potenzieller Geldgeber entscheidend. Produzenten sollten sich ein Beispiel an den privaten Unterstützern nehmen, die die Entstehung von German Angst durch ihren Beitrag zur Crowdfunding-Kamapagne überhaupt erst möglich machten. Noch scheint Horror aus Deutschland ein Fan-Phänomen. Es muss nicht so bleiben.

[Disclaimer: Ich habe die Crowdfunding-Kampagne von German Angst mit einer Spende unterstützt.]

Trailer zu „German Angst“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.