Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte

Wir mögen unsere Rockstars allgemeingültig. Joann Sfar sucht gleichwohl mit den Mitteln der Fantastik nach dem Wesen des französischen Sängers Serge Gainsbourg.

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Suchte man nach einem repräsentativen, emblematischen Bild für diesen Film, man käme wohl um die qualmende Zigarette nicht herum. In fast jeder Szene wird geraucht, wird eine Fluppe angezündet oder hängt im Mundwinkel – und nur ganz, ganz selten einmal ist zu sehen, wie sie im Aschenbecher ausgedrückt wird.

Wenn man unbedingt will, kann man das auch als Sinnbild lesen für den Gegenstand des Films, für das Leben des Serge Gainsbourg, geborener Lucien Ginsburg, wie es der Film sehen möchte: hochtourig glühend, sich selbst verzehrend, und dann doch nie endend. Einmal mittendrin zündet er, der sich da noch um eine Künstlerkarriere bemüht, alle Bilder in seiner Wohnung an: nur Rauch und Asche, die Vergangenheit. Und dann geht es eben doch immer weiter. Gainsbourgs Tod im März 1991 spart Joann Sfars Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte lieber aus. Das somit eigentlich fehlende Ende – insgesamt wird recht konsequent chronologisch vorangeschritten – ergibt sich aus dem Film. Das Idol darf nicht sterben.

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Für die Behauptung des deutschen Verleihtitels, Gainsbourg habe die Frauen geliebt, liefert der Film nur bedingt Beweismaterial; zu sehr dreht sich hier alles um den Sänger, den Éric Elmosnino spielt, als habe er eine große innere Distanz zu allem, was ihm umgibt – Dinge, Eindrücke, Menschen. So wirkt er auch den Frauen gegenüber nur beiläufig interessiert. Einzig und allein mit Jane Birkin (Lucy Gordon) scheint das anders zu sein; da gibt es wirklich einen Moment, in dem er einfach glücklich lächelnd in Welt und Kamera blickt und sogar sein monströses Es in die Verbannung schickt.

Dieses Es, vielleicht auch nur Gainsbourgs wagemutigeres Alter Ego, eine Verkörperung von Lustprinzip und Ichbezogenheit, ist der Trick, mit dem Gainsbourg das Genre des schlicht biografischen Films hinter sich lässt: Er wendet den Film ins gewollt Fantastische. Doug Jones, der seit seinen Auftritten in Pans Labyrinth (El laberinto del fauno, 2006) und den Hellboy-Filmen (2004, 2008) auf vollständig maskierte Rollen abonniert ist, verkörpert dieses Fantasiewesen mit riesig verlängerten Fingern, großem Kopf und spitzer Nase trotz der anderen Physiognomie erstaunlich dicht an Elmosninos Bewegungen und Gestik.

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Der in Frankreich vor allem als Comiczeichner bekannte Sfar übernimmt mit dieser Figur, die im französischen Original „La Gueule“ benannt wird, also etwa „Gesicht“ oder ruppiger, aber präziser: „Fresse“, Motive aus seinen eigenen Büchern über Gainsbourg und setzt sie auf die Leinwand um; dabei ist er klug genug, nie ganz eindeutig zu erklären, ob sich die Entscheidungen des Sängers allein den mephistophelischen Einflüsterungen seiner „Gueule“ verdanken.

Die Erzählstruktur des Films tut ein Übriges, um diese Erklärung  unmöglich zu machen. Denn Gainsbourg bietet keine konsequent durcherzählte Lebensgeschichte, kein psychologisches Porträt seiner Hauptfigur, sondern ist eine fast schon bruchstückhafte Sammlung von Lebensmomenten, die manchmal irritierend unverbunden wirken – die verschiedenen Frauen, mit denen der Protagonist sein Leben verbringt, wirken da wie Haltegriffe für die Zuschauer, anhand deren sie bestimmte Lebensphasen gerade noch identifizieren können. Irgendwann ist die Frau weg, dann kommt rasch eine neue; aber man ahnt stets nur, wie viel Zeit vergangen sein könnte.

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Um der Erzählung also ohne Stolpern folgen zu können, muss man eigentlich schon Wissen über das Leben des Sängers mitbringen, über die Namen und Bedeutung seiner Lebensgefährtinnen von France Gall (Sara Forestier) über Brigitte Bardot (Laetitia Casta) bis Jane Birkin, aber auch über seine Wirkung aufs Publikum, über seine Skandale und Erfolge. Vom dahingehauchten Song „Je t’aime“ bis hin zu seiner ganz eigenen Version der französischen Nationalhymne wird all das nämlich nur angedeutet, es gibt ganze Szenen, die man nur richtig verstehen kann, wenn man die Hintergründe bereits vorher kennt.

Sfar hat eben keinen Lehrfilm über eine Figur machen wollen, die in Frankreich sowieso noch fast jedes Kind kennt und deren Grab auf dem Pariser Friedhof Montparnasse jeden Tag aufs Neue mit Blumen und (wegen seines Liedes „Le Poinçonneur des Lilas“) mit Métrotickets geschmückt wird. Und so ist der französische Titel des Films, Gainsbourg (vie héroïque), zugleich ernsthaft wie ironisch lesbar: Denn hier wird zwar keineswegs von einem Heldenleben erzählt, aber doch von einem Heroen der französischen Popkultur.

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Das ist denn auch die größte Schwäche des Films: dass er bei aller Darstellung von Gainsbourgs Zerrissenheit und seiner Einsamkeit, die man hier ahnen kann, der Figur doch keine wirkliche Tiefe abgewinnen kann. Stattdessen wird aus seinem Leben unversehens, in Absturz, Aufstieg, Einsamkeit, Comeback und ewiger Kindlichkeit, doch nur eine allzu archetypische Erzählung vom Künstler, ach was, Rockstar in der Popkultur unserer Zeit.

Kommentare


Türk, Stefan

Ich finde den Film großartig, tolle Schauspieler, wunderschöne Bilder, tolle Masken. Film pur, dagegen kann man sooo
viele Filme vergessen. Er lohnt sich, zuviel Erwartung schadet eh!






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