Fall 39

Mit seinem Horrorfilm über eine engagierte Sozialarbeiterin dürfte Christian Alvart so manchem Zuschauer den Kinderwunsch verderben.

Fall 39

Emily (Renée Zellweger) führt ihren Beruf als Sozialarbeiterin für Kinder aus Problemfamilien leidenschaftlich aus. In ihrem 39. Fall versucht sie die Eltern der kleinen Lilith (Jodelle Ferland) des Kindesmissbrauchs zu überführen. Nachdem sie die offensichtlich psychisch gestörten Eltern gerade noch davon abhalten kann, ihre Tochter bei lebendigem Leib im Backofen zu rösten, erklärt sie sich bereit, das verstörte Mädchen so lange in ihre Obhut zu nehmen, bis diese eine Pflegefamilie gefunden hat. Nach einigen mysteriösen Zwischenfällen zweifelt Emily langsam daran, ob Lilith wirklich so unbedarft ist, wie sie sich gibt.

Fall 39

Mit Fall 39 (Case 39) debütiert ein weiteres Mal ein deutscher Regisseur in Hollywood. Ebenso wie seine Vorgänger Robert Schwentke und Martin Weisz hat auch Christian Alvart (Antikörper) bereits in der Heimat seine Vorliebe fürs amerikanische Genrekino bewiesen. In Fall 39 zeigt er zwar, dass er mit den Konventionen des Horrorfilms vertraut ist, allzu subtil geht er dabei aber nicht vor. Häufig verlässt er sich auf genretypische Effekte, die so gewollt gruselig sind, dass sie eher albern wirken. Die Eltern der kleinen Lilith sehen mit ihren weiß geschminkten Gesichtern und tief sitzenden Augenringen etwa aus wie lebende Tote. Wenn Emily wenig später ein Videoverhör ansieht, bei dem die Mutter plötzlich völlig unmotiviert in die Kamera starrt, wirkt das gerade deshalb so plump, weil es ein von der Handlung isolierter Schockeffekt ist, der sich nicht aus der Situation heraus entwickelt.

Fall 39

Fall 39 ist kein besonders origineller Horrorfilm, funktioniert aber durchaus als unterhaltsamer Genrebeitrag. Zwar muss hier erneut ein scheinbar unschuldiges Kind als Personifikation des Bösen herhalten, doch hebt sich der Film schon durch seinen Umgang mit dem heiklen Thema des Kindesmissbrauchs von ähnlichen Werken ab. Die Handlung beginnt wie ein Sozialdrama, in dem ein kleines Mädchen mit Kulleraugen das Opfer ist. Hat man erst einmal Mitleid mit ihr, zeigt sie in einer Gesprächsszene mit dem Kinderpsychologen Douglas (Bradley Cooper) ihr wahres Gesicht. Sie demonstriert ihre rhetorische Überlegenheit und drängt den sensiblen Douglas derart aggressiv in die Ecke, dass es einem einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Immer wieder spielt der Film mit der Erwartungshaltung gegenüber scheinbar unschuldigen Kindern, wenn er Lilith berechnend zwischen Opfer- und Täterrolle wechseln lässt.

Fall 39

Anders als Horrorklassiker, in deren Zentrum Kinder stehen, wie Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) und Das Omen (The Omen, 1976) lässt Fall 39 nicht nur die Ursache für Liliths Bösartigkeit im Unklaren, sondern bleibt auch einem gewissen Realismus verbunden. Das Mädchen treibt andere Menschen nicht mit übernatürlichen Kräften in den Tod, sondern mit ihrer Fähigkeit zur psychischen Manipulation. Die teils etwas abgehobenen Tötungsszenen werden dadurch legitimiert, dass es von Lilith hervor gerufene Wahnvorstellungen sind, die ihre Opfer letztlich in den Selbstmord treiben. Die Idee eines Kindes, das gezielt seinen Charme einsetzt um die Menschen in seinem Umfeld zu manipulieren, ist gerade deshalb so wirkungsvoll, weil sie überspitzte Realität ist. Man muss sich nur mal ansehen, wie berechnend Kinder im wirklichen Leben ihre Reize einsetzen.

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Kommentare


Kalle

Wenn ein Mädchen mit bloßen Händen nicht nur eine Schlafzimmertür aus Holz von außen durchbrechen, sondern auch noch diverse schwere Möbel beiseite schieben kann, mit denen besagte Tür von innen verbarrikadiert ist, dann würde meine Wenigkeit schon dahin gehend interpretieren, dass das Kind übernatürliche Kräfte hat, auch wenn der Film das Wesen des Mädchens im Dunkeln lässt. Auch scheint es mir (ohne dass ich in der Psychologie kompetent wäre) nicht sehr wahrscheinlich, dass Menschen durch psychologische Manipulation/Hypnose *so leicht* zu wahnhaften Halluzinationen und zum Suizid zu bringen sind wie im Film gezeigt.


Rainer

"bleibt auch einem gewissen Realismus verbunden"

Dem kann ich nicht zustimmen. Wie mein Vorredner bereits feststellte, verfügt das Mädchen ohne Zweifel über irgendwelche paranormalen Kräfte. Ich möchte an dieser Stelle natürlich nicht spoilern, aber gerade am Schluss kann von Realismus keine Rede mehr sein.
Dass es auch anders geht, beweist "Orphan" eindrucksvoll. Dieser Film kommt ohne jegliches übernatürliche Element aus und ist dennoch extrem spannend und letztendlich überraschend (auch wenn jeder behauptet, er hätte das Geheimnis natürlich sofort herausgefunden ...).


rob

sorry, aber orphan ist einfach nur plump und mitunter der schlechteste film den ich je sah


luke

einfach nur ein guter film den MUSS
man geshen haben : ) kann man sich auch öffters anschauen


Nadine M.

echt toller film und wirklich spannend und gruselig...


Stephanie

Nachdem ich Kritiken bei film-zeit und hier gelesen habe, stelle ich fest: Fast niemand hat den Film verstanden.

Die Tiefe dieses Films ist unglaublich; er durchschreitet über 3 Ebenen (!) das Thema Angst. Es geht nicht um Lilith (oder Emily), sie (Lilith) könnte auch gar nicht dort sein/mitspielen (der Film würde genauso sein); sie ist lediglich das Verhicel der Angst, dem sich der Regisseur bedient, damit es wenigstens wenige Menschen wirklich verstehen.

1. Du musst deine eigenen Schatten aus dem Keller holen, sie (erneut/wirklich) er-leben, sie spüren um sie zu transformieren - denn noch sind nicht wir es, die unser Leben bestimmen, sondern all das, was noch verborgen liegt.

2. Durch das Erlösen der Angst wirst du frei, den anderen Dingen mit Mut und Offenheit zu begegnen, JA zu sagen. Bedenke, das Außen ist nichts weiter als die Spiegelfläche deines Inneren (hier: Lilith dient nur der Bewusstwerdung der Ängste, die noch im Verborgenen schlummern, und zwar bei allen agierenden Schauspielern!).

3. (3. hebelt widerum 2. aus, was völlig logisch ist!) Entscheide dich FÜR das GUTE, das Schlechte lässt sich nicht (2.) durch Analysieren transformieren! Erst wer stirbt, wird leben!

Dieser Film bringt das Lebensthema (Tod) so prägnant und einleuchtend auf den Tisch, und zwar so offensichtlich, dass es niemand zu sehen scheint.

Nun denn: 5 (von 5) Sterne! Toll umgesetzt.


PascodePasco

Ich sehe solche Filme immer gern bis zum Ende an, um zu wissen, ob der Film vielleicht ein überraschendes Ende oder für meine Morale vertretbar ist. Fall 39 hatte keins von dem. Nach der Stelle, wo das Kind beschützt wurde, wurde dem Zuschauer permanent suggeriert(mal ganz davon abgesehen, dass die Ursache auch etwas Teuflisches sein könnte) "Das Kind hat Schuld". Ein Satz, den wohl so nur verwerfliche Menschen unterstützen würden. Ich hatte die ganze Zeit über gehofft, das da vielleicht eine Wende kommen würde, wie z.B dass die ganze Zeit es sich um eine Frau handelt, die selbst psychisch nicht ganz labil ist und deswegen Wahnvorstellungen hat, was das Thema Kindesmisshandlung noch mal richtiggestellt hätte(anders als die Szene, wo Emily kritisiert wurde, dass sie einfach in das Haus eingebrochen ist und den Mord an einem Kind verhindert hat). Aber nein, das Kind blieb das Böse, was ich ohne vernünftige Hintergründe nicht unterstützen kann. Ich habe nichts gegen Filme, wo kleine böse Mädchen drin vorkommen. Wenn man aber schon so einen Film so durchzieht, darf das Verhalten nicht unerklärt angeboren sein.

Ich beziehe mich jetzt natürlich sehr stark auf die Realität, weshalb sich mein Fazit auch hierrauf bezieht.
Wir brauchen Filme, wo gezeigt wird, dass man sich um seine Kinder sorgen soll und Liebe erfahren und nicht solche, bei denen man hinterher seine Kindern misstraut und schlimmstenfalls Schaden anrichten.






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