Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene – Kritik

Der Fall „Hanssen“ gilt als einer der größten Agentenskandale der US-Geschichte. Umso erstaunlicher, wie unskandalös Regisseur Billy Ray ihn in Szene setzt und dabei einen Spionagethriller der etwas anderen Art schafft.

Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene

Schon in den Kindertagen des Kinos übte die Welt der Spionage eine große Faszination sowohl auf Publikum als auch auf Filmemacher aus. Meist war es ein fremdartiges Universum voller Geheimnisse und Gefahren, in das der Zuschauer aus dem grauen Alltag seiner Wirklichkeit durch Filmemacher wie Fritz Lang oder Alfred Hitchcock und später durch die populäre Bond-Reihe entführt wurde. Dem gebeutelten Mann von der Straße bot das exotische Spionagegenre gerade in Krisenzeiten wie dem Zweiten Weltkrieg oder dem Kalten Krieg die Möglichkeit zur Realitätsflucht, authentisch wirkende Aufarbeitungen wie Der Spion, der aus der Kälte kam (The Spy Who Came in from the Cold, 1965) stellten eher eine Ausnahme dar. Immer abstruser gestalteten sich die kolportagehaften Geschichten um Superagenten bis sich das Genre, etwa in True Lies (1994) oder Mr. & Mrs. Smith  (2005), selbstironischer und parodistischer Elemente bedienen musste, um noch funktionieren zu können.

Die Spitze der Überzeichnung im Spionagefilm scheint gegenwärtig überschritten. Davon zeugt nicht nur das letzte Bond-Abenteuer Casino Royale  (2006), das im Vergleich zu seinen effektüberladenen Vorgängern ein Stück weit geerdeter wirkt. Auch in Hollywood lässt sich in jüngster Zeit mit Syriana  (2005) oder Der gute Hirte  (The Good Shepherd, 2006) eine Tendenz im Spionagegenre beobachten, die Eskapismus, wie Spektakel abschwört und stattdessen um Wirklichkeitsnähe bemüht ist. In diese Gruppe von Filmen reiht sich nun auch Enttarnt – Verrat auf höchster Ebene (Breach) ein.

Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene

Auf Tatsachen basierend, schildert er den Fall des FBI-Agenten Robert Hanssen (Chris Cooper), der in über zwanzig Jahren streng geheime US-Informationen an die frühere Sowjetunion verkaufte, was unter anderem zu der Liquidierung amerikanischer Agenten führte. Erst 2001 konnte Hanssen schließlich dingfest gemacht und zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Zwar hatten ihn die Behörden schon länger unter Verdacht, konnten ihm jedoch nichts nachweisen, so dass man sich entschloss, einen Maulwurf gegen den Maulwurf einzusetzen. Von diesem Akt der Überführung erzählt Enttarnt. Er konzentriert sich auf eine knapp zweimonatige Zeitspanne, in der der junge FBI-Angestellte Eric O’Neill (Ryan Phillippe) Hanssen als Assistent gezielt zur Seite gestellt wird, damit dieser sich das Vertrauen des Verräters erschleichen und hinter seinem Rücken Beweise gegen ihn sammeln kann.

Regisseur und Co-Autor Billy Ray lässt seinen zweiten Spielfilm mit der knappen Darlegung der nackten Fakten zum Fall Hannsen beginnen, emotionslos im Nachrichten-Stil vermittelt. Damit nimmt er das Ende vorweg und unterläuft das typische, auf Spannung und auf die Frage nach dem Ausgang angelegte Genremuster. Ihn interessiert weniger das Was, als das Wie. In sein Visier rücken vor allem die persönlichen Umstände des Falles. Dementsprechend wechselt Ray denn auch von der anfänglichen, neutralen Faktenvermittlung bald in eine personale Erzählhaltung, um die Überführung Hanssens aus der Perspektive O’Neills zu rekapitulieren und das menschliche Drama der Geschichte freizulegen. Zwar kommt es dabei durchaus zu einigen obligatorischen Suspense-Szenen, insgesamt aber erzählt der Film in einem eher schleichenden Duktus vom Schicksal seiner Figuren. Wer also Action und Schießereien erwartet, dürfte hier fehl am Platze sein.

Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene

Enttarnt beleuchtet die Kosten der Spionage und zeigt, wie Menschen durch Betrug und Maskerade zu einsamen Sonderlingen werden, die sich ihrer Umwelt entfremden und deren Identität zunehmend von einer Scheinidentität überlagert wird.

Herz und Motor dabei ist die Performance Chris Coopers. Sein präzises Porträt Hanssens zeichnet diesen nicht als stereotypen Superbösewicht, sondern als ambivalenten, zerrissenen Charakter: einerseits erzkatholischer und spießbürgerlicher Familienmensch, andererseits ein sexuell Pervertierter und Vaterlandsverräter. Regisseur Billy Ray tut gut daran, auf eine meist ohnehin hanebüchen wirkende Erklärung der dunklen Seite des Antagonisten zu verzichten. Es ist das Enigmatische dieser Figur, das sie so schillernd macht.

Zwar hängt die Gefahr einer One-Man-Show Coopers wie ein Damoklesschwert über dem Film, doch Ryan Phillippe gelingt es, dem versierten Mimen über weite Strecken Stand zu halten. So kann sich zwischen den beiden Hauptfiguren ein psychologisches, in leisen Tönen erzähltes Katz-und-Maus-Spiel entwickeln, das auf einem nuancierten Schauspiel beruht. Enttarnt ist ein eher figuren-, denn handlungsorientierter Spionagefilm – und gerade dieser Umstand lässt ihn als Ausnahmefall seiner Gattung erscheinen.

Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene

Es ist die Banalität des Arbeits- und Alltagslebens der beiden Hauptfiguren, das Ray in seinem Film glaubwürdig transportiert. Die FBI-Agenten sind hier keine schießwütigen Draufgänger, sondern Schreibtischhengste in einem spartanischen Bürokomplex. Und mit ihrem Auto rasen sie nicht wie Berserker durch die Straßen, sondern bleiben zur Rush-Hour im Stau stecken. Klaustrophobisch eng sind die Räume, blaß-dunkel die Farb- und Lichtgestaltung von Kameramann Tak Fujimoto. Bewusst unspektakulär sind seine Bilder, in ihrer Gewöhnlichkeit passen sie zum drögen Alltag der Figuren. Vielleicht, so scheint Enttarnt nahezulegen, fehlte einem Mann wie Hanssen das Abenteuerliche des klassischen Spionagefilms, so dass er selbst Exzesse provozierte und Katastrophen dabei in Kauf nahm.

Ray ist ein kleines, ungewöhnliches Genrewerk gelungen: ein Hybrid zwischen Thriller und menschlichem Drama, der seine Geschichte mit einem Authentizitätsanspruch und einer Ernsthaftigkeit erzählt, die man im Spionagefilm lange Zeit vermisst hat.

 

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