Englisch für Anfänger

Ach, wie schön ist Bollywood: Ein naives Tableau kultureller Zuschreibungen.

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In der indischen Kunstlehre gibt es neun sogenannte Rasas – Liebe, Heldentum, Ekel, Komik, Schrecken, Wundersames, Wut, Pathos und Friedvolles –, die sich immer dann beim Betrachter einstellen, wenn ein Kunstwerk besonders gelungen ist. Der Bollywood-Film Englisch für Anfänger (English Vinglish) lässt diese magische Neun missen. Allerdings nur fast, denn angesichts dessen, dass der Debütfilm der indischen Regisseurin Gauri Shinde nichts als das Zusammenspiel kultureller, ökonomischer und soziologischer Klischees ist, sollte zumindest die Wut beim Zuschauer zurückbleiben.

In Englisch für Anfänger reist die treuergebene Mutter und Hausfrau Shashi (mit dieser Rolle feiert die Bollywood-Göttin Sridevi Kapoor ihr Comeback) zu den Hochzeitsvorbereitungen ihrer Nichte aus der indischen Provinz nach New York. Einziges Problem: Shashi versteht kaum ein Wort Englisch. Schon in Indien, wo das Hinglish – eine Mischung aus Hindi und Englisch – längst zur inoffiziellen Amtssprache geworden ist, macht sie sich damit zur ständigen Lachnummer ihrer zwei Kinder und ihres Mannes (Adil Hussain).

Statt nun aber die Chance zu nutzen, über den globalisierten Culture Clash – die indische Frau im Multikulti-Manhattan – derlei Rollenmuster brüchig werden zu lassen, grast die Regisseurin völlig distanzlos einen Mechanismus kultureller und nationaler Identifizierung nach dem anderen ab. Das vermeintlich Typische – die typische indische Hausfrau, der typische tyrannische Ehemann, der typische französische Charmeur, die typische amerikanische Hauseinfahrt – wird mit Penetranz auf die Leinwand gepresst und unbefragt dort belassen.

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Zur Schlüsselszene in dieser viel zu selbstsicheren Deklination des Typischen wird Shashis Scheitern am Fast-Food-Prinzip. Nicht einmal die Worte „Sandwich“ und „Coffee to go“ wollen ihr über die Lippen, und so helfen ihr angesichts der miesen Laune einer schwarzen Coffee-Shop-Verkäuferin selbst ihr glitzernder Sari und ihre funkelnden Rehaugen wenig. Stammelnd, gedemütigt, vor allem aber ohne Mittagessen verlässt Shashi den Laden wieder.

Derlei Szenen bringen das aufgesetzte Pathos, das Englisch für Anfänger mit sich schleppt, sofort zum Erliegen. Wenn man hier leidet, dann höchstens wegen der kaum zu ertragenden Klischee-Klitsche auf der Leinwand. Dass dann auch noch die schwarze, gut beleibte Bissgurke hinter der Theke stehen muss, macht diese verfehlte Tränendrüsen-Klimax nur noch ärgerlicher.

Zugegeben: Spracharmut, fehlende Worte oder gar völlige Unkenntnis einer fremden Sprache können zu durchaus berührenden Szenen der Bloßstellung führen. Doch um den Verlust einer jeden Exit-Strategie bei Shashi glaubwürdig zu erzählen und den Blick auf das allgemein Menschliche zu lenken, hätte Shinde ihre Hauptfigur viel länger im Verstummen vor der Globalisierung hängen lassen müssen. Stattdessen fährt in Englisch für Anfänger sofort der Stadtbus mit der Sprachkurs-Reklame vorbei.

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Der Englischkurs, den Shashi kurzerhand beginnt, peitscht sie jedoch lediglich in die nächste Aneinanderreihung dreister Kategorisierungen: Aus dem Englischlehrer macht Shinde eine Schwuchtel mit Fliege, Pullunder und starkem britischen Akzent, eine Typisierung, die Gilbert & George bereits vor Jahren als Groteske entlarvt haben. Außerdem im Kurs: Eva, die mexikanische Nanny für verzogene Millionärskinder an der Upper East Side, eine aufgehübschte Chinesin, die ihr Glück als Friseuse versuchen will, ein renitenter pakistanischer Taxifahrer, ein verklemmter afrikanischer Hüne, der mit dem Lehrer sein Coming-out erleben darf, und ein weiterer Inder, der als Software-Spezialist das Potpourri aus Greencard-Anwärtern abschließt.

Den wichtigsten Auftritt in diesem Zirkus der Nationen hat allerdings Laurent (Mehdi Nebbou), ein französischer Meisterkoch, der die Königin der hausgemachten Laddus (eine typisch indische Süßspeise) mit seinen Crêpes beeindrucken will. Doch die treue Inderin widersteht den Avancen des Franzosen natürlich. Immerhin, so sagt sie, habe er sie gelehrt, was es heißt, einen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist.

So große Ideale wie Toleranz, Respekt oder sogar Liebe versumpfen jedoch in den schematisch angelegten Charakteren des Films und verkommen schließlich zum bloßen Zitat. Mag sein, dass gerade dieser Schematismus für manchen den Charme des Bollywood-Kinos ausmacht. Zugleich aber liegt hier eine auch in Indien immer lauter werdende Kritik begründet, die die weichgespülten Bilderfolgen der indischen Unterhaltungs-Maschinerie als rassistisch, elitär und vor allem politisch naiv anprangert.

English Vinglish

Wenn nun Shinde in Englisch für Anfänger den Versuch wagt, mit dem auch international so erfolgreichen Filmgenre ihres Heimatlandes zu spielen und dem Bollywood ein wenig das Hollywood austreibt, indem sie an indische Traditionen im Einklang mit einer globalisierten Wirklichkeit gemahnt, hat sie dieses Spiel verloren. In der sich langsam anstauenden Wut, die sich auch mit den Outtakes wild tanzender Hochzeitsgäste im Abspann nicht entladen will, wäre somit das einzige Potenzial des Films zu suchen.

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Kommentare


Michael

"Zugleich aber liegt hier eine auch in Indien immer lauter werdende Kritik begründet, die die weichgespülten Bilderfolgen der indischen Unterhaltungs-Maschinerie als rassistisch, elitär und vor allem politisch naiv anprangert. " Trifft das denn überhaupt auf diesen Film zu? Für Belege, gerade von indischen Websites, wäre ich dankbar.


Regina

Das ist richtig, für diesen Film gab es mehr Jubel denn Kritisches. Der Zusatz daher auch als eine allgemeine Beobachtung gedacht, bei der es interessant gewesen wäre, hätte die Regisseurin derlei Stimmen aufgegriffen. Kritische Kommentare von indischer Seite zitiert zum Beispiel hier: http://www.sueddeutsche.de/stil/debatte-um-bleichende-kosmetika-in-indien-hass-auf-die-eigene-haut-1.1425942; zur Frage nach der Rolle der Frau in Indien: http://www.zeit.de/2013/13/Frauen-in-Indien. Zum Verhältnis von Bollywood und Soziopolitik sind mir Vijay Mishras Bücher "Bollywood Cinema: Temple of Desire" und "Bollywood Cinema: A Critical Genealogy" eine Hilfe gewesen.


Michael

Vielen Dank für die Links (leider ist derjenige zur Zeit tot). Zur bleichenden Kosmetika: ich fand es sehr auffällig, wie hellhäutig hier Sridevi manchesmal aussieht, bisweilen richtiggehend bleich (geschminkt?). Die Bücher, besonders das "Temple of Desire", habe ich mir vorgemerkt. Danke auch dafür.

Zum Film selbst noch zwei Bemerkungen: mich würde interessieren, was für eine Sprachfassung Du gesehen hast - möglicherweise gibt es da Unterschiede in der Übersetzung. Ich habe ihn OmeU gesehen, und da ist Shashis Aussage im Gespräch mit Laurent - laut UT - eben kein Allgemeinplatz ("Immerhin, so sagt sie, habe er sie gelehrt, was es heißt, einen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist."), sondern klar ich-bezogen: sie habe durch ihn gelernt, sich wieder selbst wertzuschätzen. Das ist doch ein beträchtlicher Unterschied - es geht ihr um die Formung der eigenen Persönlichkeit.
Und das leitet auch zu meinem zweiten Einwurf über, den ich doch recht deutlich im Film gesehen habe, und der hier imho im Text ein wenig untergeht - dessen Stoßrichtung ich gleichwohl unterschreiben würde in der Anprangerung der Stereotypen und der Bedienung der Klischees: es ist ja schon auch eine Geschichte über eine Frau, die nach langer Zeit in ihrer traditionellen Rolle, die sie vollkommen einengt, mal wieder das "Glück in die eigene Hand nimmt", sich etwas traut und Hürden überwindet, die sie zunächst völlig erschlugen. Da ist ja schon ein deutlicher Impuls zum selbstbestimmten Leben erkennbar und zur Aufgabe der einengenden Restriktionen gewisser Verhaltenscodes.
Gestört hat mich dann anschließend vielmehr das schwache Ende, wo sie die Institution Familie wieder vollkommen bestätigt und als zwar manchmal schwieriges Terrain beschreibt, für das es sich aber lohne, zu kämpfen.

Aber vielleicht ist die Perspektive auch zu westlich - ich bin überzeugt davon, dass allein die Tasache, dass sie selbstbewußt aufgestanden ist und die Rede doch gehalten hat, eine kleine Sensation in einem anderen Kulturkreis bedeuten kann. Und dass 90% aller Zuschauer zweifellos den Atem anhielten, als kurz zuvor Laurent Shashi urplötzlich in den Armen hielt. Das ist ja schon hart am Skandal!


Julia

Sie suchen hier etwas in einem Film, das dieser überhaupt nicht leisten will, und sind dann darüber enttäuscht. Was die berechtigte Kritik an Aufhellungscremes mit "English Vinglish" zu tun haben, erschließt sich mir nicht. Ja, es gibt Rassismus in Bollywood, aber eher in anderen Filmen (in "Fashion" zum Beispiel). "English Vinglish" ist eben keine Globalisierungskritik und will auch kein pseudo-europäisches Kunstkino sein, sondern erzählt die Geschichte einer Frau, die wieder zu neuem Selbstwert findet, ohne dabei mit allen Traditionen zu brechen.
Ist es nicht auch erschreckend ethnozentrisch, wenn man westliche Filmmaßstäbe an einen indischen Film anlegt, nach deren Erfüllung dieser ja gar nicht strebt? Außerdem fällt doch auf, dass der Film nur recht oberflächlich konsumiert wurde, wie auch mein Vorredner es bereits andeutet. Es ist zum Beispiel nur ein Kind, das sich über die Mutter lustig macht und den Ehemann als typischen Tyrannen zu charakterisieren trifft den Kern auch nicht so ganz.
Zuletzt: es ist ja schön, dass sie Temple of Desire gelesen haben. Andere Autoren wie zum Beispiel Rachel Dwyer finden die Rasa-Theorie im Bezug auf Bollywood außerdem wieder ein bisschen überbeansprucht.


Regina

Wenn man verschiedene Maßstäbe an einen Film anlegt, heißt das nicht, dass der eine zwangsläufig oberflächlicher ist als der andere.
Sicher ist der Text nicht ethnozentrisch, jedoch eurozentrisch gefärbt. Dies ist Sehgewohnheiten geschuldet, was aber noch nicht bedeutet, dass hier versucht wurde, Indien europäisieren zu wollen.
Globalisierungskritik betreibt der Film jedoch durchaus. Warum sonst sieht man verschiedenste Nationen dann miteinander um eine gemeinsame Sprache - das Englische - ringen?
Ob nun ein Kind oder beide sich über Shashi lustig machen, ist eine Frage der Gewichtung von explizitem Spiel und impliziter Geste. Ein Mann, der seine Frau zu jeder Gelegenheit bloßstellt und sie auf ihre hausfräulichen Pflichten reduziert, nimmt darin tyrannische Züge an.
Außerdem noch: wenn Shashi am Ende in ihrer Rede vor den Hochzeitsgästen betont, wie wichtig Respekt vor dem anderen sei, wie wichtig es sei, den Partner zu akzeptieren und sie darüber hinaus "gelernt" hat, sich selbst so anzunehmen wie sie ist, dann bedeutet das, dass sich die Figur nicht, oder wenn überhaupt kaum entwickelt hat. Keine Annäherung an den Anderen (jeder soll ja so bleiben dürfen wie er ist) und auch keine tiefgreifende Veränderung im eigenen Selbst (über das Englischlernen findet sie lediglich zurück zu dem, was sie davor schon ausgezeichnet hat, bzw. unterstreicht das Englische ihre traditionellen Auffassungen nur noch mehr). Es leuchtet also schwer ein, worin der große Entwicklungsbogen dieser Figur begründet liegt.
Schließlich: der Text behauptet an keiner Stelle, dass es nicht Bollywood-Filme gäbe, die noch diskriminierendere Züge haben, genausowenig wie die Rasa-Theorie verabsolutiert wird. Das vielmehr eine rhetorische Geste der Kritik.






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