Der Schamane und die Schlange

Ciro Guerras mythologische Reise ins schwarz-weiße Herz der Finsternis erinnert gelegentlich an Herzog und Weerasethakul – und ist dennoch ein singuläres Filmerlebnis.

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Eine der filmisch simpelsten Szenen aus Embrace of the Serpent (El abrazo de la serpiente) ist zugleich die inhaltlich komplexeste: Der Forschungsreisende Theo (Jan Bijvoet aus dem grandiosen Borgman) steht einem indigenen Stamm gegenüber und disputiert mit dessen Anführer. Am Abend zuvor hatten beide Seiten noch miteinander gegessen, gesungen und getanzt – nun aber ist Theos einziger Kompass gestohlen worden, tief im Dschungel am Amazonas, im Jahre 1909. Theo fordert ihn wütend zurück. Als Europäer wäre er an diesem Ort ohne Kompass aufgeschmissen, glaubt man als Zuschauer. Doch als er schließlich aufgibt und ohne die Navigationshilfe aufbricht, wird klar, dass sich seine Rage nicht aus Egoismus speist: „Sie orientieren sich am Sonnenschein und am Wind“, erklärt Theo einem Begleiter. „Wenn sie den Kompass verwenden, wird dieses Wissen verloren gehen.“ Hinter der vermeintlichen Empörung über einen Diebstahl steckt also edelmütiger Bewahrungswille. Regisseur Ciro Guerra wendet die Szene gleich noch ein weiteres Mal, wenn der Begleiter Theos Romantisierung archaischer Lebensstile bloßstellt: „Du kannst nicht verhindern, dass sie Neues lernen!“ Das Neue – das ist hier Fortschritt und Zerstörung zugleich. Es ist die weiße europäische Kultur, die in den südamerikanischen Dschungel eindringt und die Ureinwohner versklavt, umformt und ihrer eigenen Kultur beraubt.

Chullachaqui: Die Auslöschung des Ich

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Theo ist in diesem Film nicht der einzige westliche Entdecker, der für die indigenen Stämme nur Gutes will, aber doch Teil jener Kraft ist, die das Böse schafft. 30 Jahre nach ihm reist der Amerikaner Evans (Brionne Davis) in den Amazonas und trifft auf denselben Guide wie Theo: den Schamanen Karamakate (1909: Nilbio Torres, 1940: Antonio Bolivar). Die beiden Weißen – deren Figuren auf den historischen Forschungsreisenden Theodor Koch-Grünberg und Richard Evans Schultes beruhen – eint ihr Wissensdurst über die Naturvölker des Amazonas und die Suche nach der Heilpflanze Yakruna. Die zwei Inkarnationen Karamakates verbindet ein abgrundtiefer Hass auf alle Weißen, weil Kolonialisten seinen Stamm ausgerottet haben. Doch während der junge Schamane wütet, tobt, schreit und droht, ist der gealterte Karamakate ein geknickter, von Selbstzweifeln geplagter Mann, der sich als „chullachaqui“ empfindet – als seelenlosen Wiedergänger. Die Reise durch den Dschungel wird für ihn zur Wiederentdeckung seiner Identität.

Keine edlen Wilden

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Ciro Guerras Wut über den Kolonialismus ist in vielen Szenen spürbar, und die drastischen Darstellungen vermitteln das Unrecht auf sehr emotionale Weise: Ein einarmiger Mann möchte von Theos Assistenten Manduca (Yauenkü Migue) lieber erschossen werden, als sich weiter von Kautschuk-suchenden Sklavenhaltern misshandeln zu lassen. Ein sadistischer, möglicherweise pädophiler Priester verbietet indigenen Waisen die eigene Sprache, bindet sie nachts an einen Pfahl und peitscht sie aus. Ein dem Wahnsinn verfallener Kolonialherr hat sich zum Messias ernannt und eine Sekte gegründet, die ihre Mitglieder „zum Suizid einlädt“ und deren Leichen danach an Baumstämme hängt. Nun rennt man mit Kolonialismus-Kritik heutzutage offene Türen ein, und so besteht das Verdienst Ciro Guerras vielleicht weniger in der Empörung über die Gräueltaten der Europäer als darin, dass er der Versuchung widersteht, die indigenen Opfer zu idealisieren.

Eine psychedelische Reise in den Dschungel

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Was Embrace of the Serpent einzigartig macht, ist aber ohnehin nicht der Plot, sondern der magische Sog, der den Zuschauer nicht nur in den Amazonas blicken lässt, sondern ihn regelrecht dorthin transportiert. Guerra gelingt dies dank einiger stilistischer Kunstgriffe, aber auch mithilfe der atemberaubenden Erhabenheit der Natur: Üppige dichte Wälder, majestätische kahle Berge und die unbändige Wildheit des Wassers versetzen den Betrachter in einen Zustand des Staunens, der die Differenz zwischen Abbildung und Abgebildetem vergessen lässt. Gerade weil diese schwarz-weiße, mitunter überbelichtete Welt so irreal wirkt, löst sich die Leinwand auf. Wenn Kamera, Protagonisten und Publikum durch den Dschungel irren, zirpt, tiriliert und faucht es von überall. Eine Anakonda windet sich inmitten kleinerer Schlangen, ein Jaguar streift durchs Unterholz – sie bleiben keine bloßen Tiere, sondern werden zu Trägern einer Mythologie, zu übernatürlichen Wesen, die die Welt erschaffen haben oder den Geist der Menschen im drogeninduzierten Traum entführen. Die Inhalation psychoaktiver Substanzen zeigt Kameramann David Gallego wiederholt aus einer subjektiven Perspektive, die Theo zum Vertreter des Zuschauers macht. Die Pfeifen, aus denen der Rauch in Theos Nasenlöcher geblasen wird, erinnern an die Zähne einer Giftschlange. Auch der visuelle Einsatz des Wassers gleicht gelegentlich einer Drogenerfahrung: Im schummrigen Licht über den Fluss gleitend, blendet die Kamera mehrfach alles andere aus und zeigt nur das Wasser – diese Isolation eines Bildelements, verbunden mit der körperlosen Bewegung der Kamera, erzeugt einen meditativen Zustand. Die optischen Verzerrungen der sich im Wasser spiegelnden Umwelt werden zu Verzerrungen der Realität.

Angesichts von Ciro Guerras Fähigkeit, die Sinne des Zuschauers zu überwältigen, ist es etwas enttäuschend, dass ausgerechnet eine finale Drogenvision – auf die der Film lange Zeit hinsteuert – wenig imposant ausfällt. Zumal Filme wie A Field in England (2013) oder Gandu (2010) gezeigt haben, dass Drogentrips sich auch ohne großes Budget rauschhaft visualisieren lassen.

Amazonian Malady

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In seiner fiebrigen (Alb-)Traumhaftigkeit des Selbstverlusts erinnert dieser Dschungelfilm gelegentlich an Herzogs legendären Aguirre, der Zorn Gottes (1972). Noch deutlich klarere Parallelen weist Guerras Werk aber mit Apichatpong Weerasethakuls Tropical Malady (Sud pralad, 2005) auf: In beiden Filmen irrt ein Schamane durch dichte, mit detailreichem Sound Design inszenierte Urwälder und begegnet mythologischen Raubkatzen. In beiden Filmen kommt es zu Reinkarnationen – hier eher realistisch, dort eher metaphorisch. Diese Übereinstimmungen sind aber bloße Referenzen und nicht etwa Nachahmungen. So wie der thailändische Regenwald dem Dschungel am Amazons zwar auf gewisse Weise ähnelt, aber eben doch nicht gleicht, so ist auch Ciro Guerras Film ein komplett singuläres Erlebnis. Es gibt nicht viele Filme, die einen so – im besten Sinne – eigenartigen Eindruck hinterlassen wie Embrace of the Serpent.

Trailer zu „Der Schamane und die Schlange“


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