Ein Sommersandtraum

„Du rieselst“ – „Ich riesel nicht!“: Der Publikumsliebling des Max Ophüls Festivals hält leider nicht, was seine originelle Grundidee verspricht.

Ein Sommersandtraum 01

Benno (Fabian Krüger) sitzt beim Psychiater und erhofft sich endlich Antworten. Doch nachdem er seine Situation eingängig geschildert hat – nämlich dass beständig große Mengen an Sand aus seinem Körper entweichen –, nickt sein Gegenüber nur langsam und verständnisvoll den Kopf: „Schöne Metapher“, sagt er und lässt Benno verzweifelt zurück. Denn in Peter Luisis fantastischem Film Ein Sommersandtraum (Der Sandmann) drückt Benno keineswegs nur bildhaft ein psychisches Problem aus.

Zunächst findet er nach dem Aufwachen einzelne Sandkörner, aber schon bald entwickelt sich aus dem Mysterium ein wahrer Albtraum. Bei der Arbeit (die leider auch noch aus der Pflege seltener Briefmarkensammlungen besteht), beim Kochen mit der Freundin, beim Spazierengehen – immer größere Mengen Sand rieseln aus Bennos Ärmeln und Hosenbeinen. Schon bald entdeckt der Geplagte zudem, dass er und andere Personen nach unmittelbarer Berührung mit dem Sand tief und fest einschlafen und sich nach dem Aufwachen an nicht mehr viel erinnern. So gewinnt der Protagonist seinem Laster zwar eine produktive Seite ab, doch der Albtraum nimmt kein Ende. Benno verliert weiterhin Sand und zunehmend auch an Gewicht – er droht zu verschwinden.

Ein Sommersandtraum 02

Luisi belässt es nun nicht beim bloßen Horrormärchen, der Sandverlust dient ihm als Aufhänger für eine zunehmend konventionelle Komödie. So wächst in Benno wie im Zuschauer der Verdacht, dass sein Problem etwas mit Nachbarin Sandra (Irene Brügger) zu tun hat, die das Café unter Bennos Wohnung betreibt und nachts gerne mal an ihren Fähigkeiten als Ein-Frau-Orchester und Sängerin arbeitet. Benno hat nur Verachtung für die etwas pummelige Frau übrig, beschimpft sie als hässlich und unbegabt und lässt seine Launen an ihr aus. Die Vermutung liegt also nahe, dass der Sandverlust Strafe für sein egozentrisches Auftreten ist. Genügend Raum für interpretatorische Spielereien lässt das Phänomen allemal – ob Bennos Ich nun auf Sand gebaut oder sein Inneres emotional verwüstet ist oder ob er sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst werden muss, um ein besserer Mensch zu werden. Leider löst Luisi die kafkaeske Erfahrung seines Protagonisten mit einem letzten Clou auf und lässt den anonymen Schrecken zu einem lösbaren Problem werden – während der Film dabei immer weniger inspiriert zu Ende rieselt.

Keine Frage: Luisis Märchen ist charmant und über weite Strecken komisch, und es ist nicht weiter verwunderlich, dass er den Publikumspreis beim Max Ophüls Festival gewinnen konnte. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass hier mehr drin gewesen wäre. Oder vielleicht eher weniger. Denn mit einer zunehmenden Verkomplizierung des Plots nimmt Luisi dem Sommersandtraum viel von seiner anfänglichen Rätselhaftigkeit, und auch der Humor wird gegen Ende immer plumper. So dürfte es dem ein oder anderen Zuschauer am Ende ein bisschen gehen wie Bennos ratlosem Psychiater. So richtig weiß man nichts anzufangen mit diesem Film. Aber schöne Metapher!

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Kommentare


dochnurich

Eindeutig der beste Film, den ich seit langem gesehen habe. Nicht bemüht tiefgründig, sondern komisch überraschend und dabei durchaus mit Sinn. Man muss natürlich in der Lage sein, sich auf solchen Humor einzulassen. Eine lohnende Herausforderung, für jene, die immer eine klare Lösung brauchen...


Klimt

Ich möchte ihn mir auch ansehen. Läuft er in Ungarn auch?


bruni kantz

ein wunderbarer Film,skurril, verrückt in der Idee und durch und durch verständlich.
Gegen sich selbst leben, gegen sein eigenes Ich und sich in Lügen verstricken. Lügen, die wir alle kennen, die uns wie selbstverständlich über die Lippen kommen, oft einfach nur der Höflichkeit halber.
Eine traumhafte Idee, gekonnt in Szene gesetzt. Sich im Traume wiederfinden und sich endlich zu sich und seinen wahren Gefühlen bekennen, die wir so oft selbst verleugnen.
Ein wahrhaft sehenswerter Film, bei dem man keine einzige Sekunde verpassen darf, denn könnte sich die Lösung verbergen. Erst nachdem man sich selbst zerstört hat, zur Wahrheit und zur Liebe zurückfinden.
Endlich tatsächlich leben und nicht nur dem Alltag und den Konventionen begegnen.
Gruß von Bruni Kantz






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