Eagle Eye

In Disturbia (2007) gab Shia LaBoeuf für D.J. Caruso noch den Voyeur, in dessen neuem Film wird seine Hauptfigur selbst höchst erfolgreich überwacht.

Eagle Eye

Als Jerry Shaw (Shia LaBeouf) von der Beerdigung seines Bruders nach Hause kommt, hat ein Lieferservice gerade seine Wohnung mit Bergen von Päckchen, Paketen und Tonnen voll gestellt: Waffen, Sprengstoff, falsche Pässe, alles, was ein Terrorist so braucht. Jerry hat keine Ahnung, wie das Zeug in seine Wohnung gekommen ist, den Einsatzkräften des FBI, die kurz darauf in seine Wohnung stürmen, ist das aber herzlich egal.

D.J. Carusos Eagle Eye beginnt so noch einigermaßen furios und überraschend; die fast beängstigende Klarheit der Situation – unschuldig dem System der Terroristenverfolgung ausgeliefert zu sein – wird noch gefördert durch die kühle Strenge des Verhörzimmers, wo der FBI-Agent Thomas Morgan (Billy Bob Thornton) Jerry befragt.

Bald darauf nimmt der Film aber Fahrt in unheilvollere Gefilde auf und jagt Jerry gemeinsam mit seiner unfreiwilligen Komplizin Rachel Holloman (Michelle Monaghan) auf eine Autofahrt durch Chicago, nach der klar ist, dass der Regisseur keineswegs weiß, wohin er will. Die Inszenierung dieser durchaus furiosen Verfolgungsjagd ist so wirr, so hektisch und undurchsichtig, dass man nicht nur sehr rasch den Überblick verliert, sondern ihn auch gar nicht wiederhaben möchte, herzlichen Dank auch.

Eagle Eye

Jerry und Rachel, das ist der treibende Einfall des Films, erhalten ihre Anweisungen von einer geheimnisvollen Frau, die sich per Handy – auch dem fremder Leute –, aber auch mal durchs Navigationssystem eines Autos meldet und immer bestens informiert zu sein scheint, wo sie sind und was sie tun; die nicht davor zurückschreckt, Jerry und Rachel großen Gefahren auszusetzen und andere Menschen auf sie zu hetzen, um sie immer weiter zu treiben.

Der Film entwickelt dafür das Phantasma einer völlig überwachten Welt, in der jede Überwachungskamera, jedes Telefon Teil eines einzigen großen Netzwerkes ist, auf das die Unbekannte Zugriff hat. Dass die Möglichkeiten der Überwachungstechnik im Film thematisiert werden, ist dabei nicht unbedingt neu und originell – man denke nur an Coppolas Der Dialog (The Conversation, 1974) –, zumal ein wesentlicher Bestandteil der neueren Überwachungsformen der Kamerablick ist, eine dem Kino nun eben ureigene Perspektive und Technologie.

Eagle Eye

Anders als aber etwa bei Tony Scotts Der Staatsfeind Nr. 1 (Enemy of the State, 1998) ist es hier nun nicht mehr primär die Überwachung per Satellit, deren Blick von oben den Zugriff auf einer bestimmten Machtebene erfordert, der aber zugleich als in der Vogelperspektive sichtbar werdende Anmaßung gottgleicher Macht problematisiert wird. In Eagle Eye ist es nun die Perspektive auf Augenhöhe, die Überwachung mittels allgegenwärtiger Technologie, die von allen genutzt wird: ambient surveillance gewissermaßen.

Nur konsequent ist es da, dass die Frau am Telefon von sich im Plural spricht: „We, the people“, wir, das Volk. Wirklich thematisiert wird die politische Problematik von Überwachung aber in Eagle Eye nicht; bedenklich ist für diesen Film anscheinend allenfalls die Form des Zugriffs auf all die Informationen, nicht die Möglichkeit selbst. Vielleicht, weil sie die einzige Möglichkeit ist, um die ziemlich überkandidelte Geschichte des Films – vier Autoren haben am Drehbuch mitgedrechselt – irgendwie halbwegs stringent zu Ende zu bringen.

Eagle Eye

Das Überwachungs-Phantasma wird dazu noch eine Schraube weitergedreht; auch die physische Welt ist in Eagle Eye schon fast beliebig online manipulierbar. Das manifestiert sich nicht nur in den üblichen Zugriffen auf computergesteuerte Regelnetzwerke, wie das schon ungleich besser inszeniert im Hackerangriff in [filmid: 912]Stirb Langsam 4.0 (Live Free or Die Hard, 2007) gezeigt wurde, sondern auch über die Manipulation von Menschen und ganz konkret: Da werden schon einmal Hochspannungsleitungen mitten im Nirgendwo wie von Geisterhand gekappt.

In einer so durchvernetzten Welt muss natürlich gar nichts mehr wundern, schon gar nicht ein Superrechner, der wie HAL aus Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Space Odyssey, 1968) wirkt, der sich in ein Set von Matrix (The Matrix, 1999) verlaufen hat; da sind die ganzen anderen logischen Unwahrscheinlichkeiten nur noch Kleinkram.

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Kommentare


Mathias

Dieser Filmkritik kann ich nur wenig abgewinnen. Im Gegenteil, ich finde die Thematisierung der Gefahren der digitalen Welt, in der wir heute leben, als überaus plastisch dargestellt. In Zeiten in dem Datenschützer pausenlos davor warnen, ja nicht zuviel von sich preiszugeben, können ein wenig actionreiche Denkanstöße sicher nicht schaden. Die Szene, in den denen die Protagosnisten in einer dunklen Kiste eingesperrt sind, sagt doch schon sehr viel über unseren heutigen Umgang mit der Elektronik aus: Licht besorgt das Handydisplay und das Foto des Sohnes findet sich nicht im Geldbeutel, sondern als Bildschirmhintergrund auf dem Mobiltelefon.
Diesem Actionfilm höhere sozialkritische Weihen zukommen zu lassen, liegt nicht in meinem Interesse. Er bietet dennoch solide Popcorn-Action-Kost und regt zum Nachdenken an.






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