Die Summe meiner einzelnen Teile

Ein genialer Mathematiker zerbricht am Leben und zieht in den Wald. Und Hans Weingartner gelingt es diesmal nicht, seinen Stoff mit zu viel Thesen zu torpedieren.

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Es gibt zwei Momente in Die Summe meiner einzelnen Teile, da hat man um den Film mehr Angst als um seinen Protagonisten. Als Martin (Peter Schneider), gerade obdachlos geworden, auf einer stark befahrenen Straße im nächtlichen Berlin angefahren und liegengelassen wird, findet er ein Kästchen mit Visitenkarten, die den flüchtigen Fahrer als reichen Unternehmensberater enttarnen. Und später fischt er einen Liebesbrief aus dem Müll, den ein Aussteiger aus Portugal an eine gewisse Lena schrieb. Es gibt Regisseure, die solche Momente ganz für sich stehen lassen – doch bei Hans Weingartner können wir sicher sein, dass die Spuren wieder aufgenommen werden und zu einem klaren Ziel führen, und wir fürchten aus Erfahrung, dass dieses Ziel reine Didaktik ist.

Doch ganz so kommt es diesmal nicht. Anders als in den beiden Vorgängern wird der Plot von der Last plakativer Thesen nicht erdrückt (Die fetten Jahre sind vorbei, 2004) oder bricht gar unter ihr zusammen (Free Rainer – Dein Fernseher lügt, 2007). In seinem neuen Film knüpft Weingartner inhaltlich wie formal an sein Debüt Das weiße Rauschen (2002) an und erzählt erneut die Geschichte eines psychisch Erkrankten und seiner Aussperrung aus der Gesellschaft. Und dort, wo er sich ganz auf die Darstellung der Wahrnehmung seiner Figur verlässt, da ist Die Summe meiner einzelnen Teile richtig stark.

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Martin Blunt also ist ein genialer Mathematiker, der eines Tages psychisch zusammenbricht und den Bezug zur Realität verliert (wem jetzt spontan A Beautiful Mind (2001) einfällt, der sollte darüber –zum Spoiler-Selbstschutz – besser nicht zu lange nachdenken). Nach längerem Klinikaufenthalt findet er weder in Berufs- noch Privatleben zurück, denn beide Welten weisen ihn ab, er verfällt dem Alkohol, verliert seine Wohnung und landet auf der Straße. Dort trifft er auf den vorher per Parallelmontage eingeführten russischen Jungen Viktor (Timur Massold) und verbündet sich mit ihm. Nach einigen Irrwegen inklusive eines desaströs scheiternden Besuchs bei Martins Vater ziehen sie sich in den Wald zurück und bauen sich dort eine Hütte. Doch das Idyll währt nicht lange.

Die ganz auf Martin zugeschnittene Erzählperspektive ist vor allem auf akustischer Ebene eindringlich. Immer wieder werden die ihn umgebenden Stadtgeräusche zu einer die Seele tyrannisierenden Lärmwand aufgedreht. Noch intensiver als die Krankheitserfahrung, und fast frei von Sozialromantik, wird die Erfahrung der Obdachlosigkeit vermittelt. Die Martin und Viktor in Berlin zugänglichen Räume sind unwirtliche Höhlen, und aus den Räumen der „normalen“ Welt, ob Supermärkten oder Baustellen, erscheinen sie auch dann ausgeschlossen, wenn sie mittendrin stehen.

Als Fluchtort und märchenhafter Gegenraum wird der Wald bereits in der Anfangssequenz von Die Summe meiner einzelnen Teile etabliert, wenn die Kamera um den mit nacktem Oberkörper unter Bäumen kauernden Helden wirbelt. Und aufs Schönste verschmolzen und kontrastiert werden beide Welten, wenn Martin inmitten einer Fußgängerzone wie ein Waldschrat in einem Baum sitzt und heimlich das Treiben beobachtet. Die Bildsprache und Schneiders einfühlsame Darstellung einer desintegrierten Figur entwerfen eine eindrucksvolle innere und äußere Topografie – schade, dass Weingartner es dabei nicht belässt.

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Denn zum Ende, nicht zuletzt beim Aufgreifen der beiden eingangs genannten Szenen, nimmt die Thesenhaftigkeit wieder merklich zu. Martins Überfall auf den Unternehmensberater in dessen Die fetten Jahre-Villa wird noch angemessen zügig abgehandelt, doch mit dem Strang um die Zahnarzthelferin Lena (Henrike von Kuick), der Martin den Liebesbrief zurückbringt und ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben erweckt, begibt sich Weingartner erneut ins arg Demonstrative. Zu spät wird diese Protagonistin eingeführt, zu schnell ihre Entwicklung erzählt, als dass sie von der Veranschaulichung einer Idee zur Figur werden könnte.

Generell scheint Die Summe meiner einzelnen Teile am stärksten gefährdet, wenn viel geredet wird. Speziell in den „institutionellen“ Dialogen wie mit Martins früherem Chef, mit dem Gerichtsvollzieher oder mit der Therapeutin kippt der Ton schnell in steife Beweisführung, bei der gerade der offiziellen Seite die Worte wie in den Mund gelegt scheinen. Böswillig könnte man sagen, dem Film tut es gut, dass er sich größtenteils auf das deutsch-russische Radebrechen zwischen Martin und Viktor konzentriert.

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Dabei demonstriert Weingartner immer wieder, wie effektiv und reduziert er erzählen kann – ein blitzschnelles, ungefragtes Sudoku-Lösen für die Sitznachbarin im Bus etwa, mehr braucht es nicht, um den Zuschauer Begabung wie Gefährdung des Protagonisten zu zeigen. Und der von Anfang an leicht spukhafte Viktor, der im Gegenschnitt immer wieder mal am unerwarteten Ort auftaucht, gibt dem Film in kurzen Momenten ein unheimliches Flirren. Angesichts solcher Stärken wünschte man sich, von diesem Regisseur einmal ein „nacktes“, sich ganz auf seine filmische Erzählkraft verlassendes Werk zu sehen.

Doch es mag müßig sein, einem Weingartner-Film seine Weingartnerismen vorzuwerfen. Zumal Filmemacher mit einer unbeirrbaren politischen Haltung hierzulande nicht gerade in der Überzahl sind. Und bei allen Einwänden kann Die Summe meiner einzelnen Teile auch einen der magic moments des Kinojahrs für sich verbuchen: wenn nachts vor der Hütte plötzlich fast lautlos ein Wolf auftaucht und im stillen Blickwechsel mit Martin ein Gefühl der Gefahr und des Einklangs nebeneinander schweben.

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Kommentare


ulle

Die Welt des Hans Weingartners ist einfach, so wie seine Filme; Ein total begabtes Mathegenie , von der bösen Standardgesellschaft ausgestoßen, mit Pillen beruhigt, das im Bus für Mitfahrer Sudoku Puzzle in Sekunden löst (der Beweis, es mit einem echten Über- Mathematiker zu tun haben), wird Alkoholiker, wird obdachlos, erhält Bindung und neue Hoffnung durch eine ukrainische Waise, die gerade die eigene Mutter -ebenfalls alkoholsüchtig- verloren hat, wird von der fiesen Fratze des bösen Kapitalismus angefahren,findet Glückseligkeit in der Natur, verliebt sich in eine schöne Zahnarzthelferin, die zurückliebt und darum angstlos ihren Job hinwirft , will nach Portugal mit geraubten Geld , wird dann aber wieder vom System Staat und Psychatrie eingeholt

Für mich ist der Film übelster Betroffenheitskitsch getarnt in Farben und Strukturen des sog. Arthouse Kinos. Bei noch nicht einmal genaueren HInsehen bleibt ein simpel gestrickter Flickenteppich aus "Das weiße Rauschen" und "die fetten Jahre sind vorbei" mit noch simpleren Tricks aus dem Hauptstudium fürs steuerlich geförderte Fernsehfilm-Filmebasteln.






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