Die Peter Berlin Story

Unter der Mitwirkung zahlreicher prominenter Interviewpartner wie John Waters und Armistead Maupin erinnert der Filmemacher Jim Tushinski in seiner Dokumentation an den deutschen Künstler und Selbstdarsteller Peter Berlin.

Die Peter Berlin Story

In den letzten Jahren wurde mit Dokumentationen wie Nico-Icon (1995), Veruschka (My) A Displayed Body (2005) oder Nomi Song (2003) immer wieder der Versuch unternommen, leicht in Vergessenheit geratene Undergroundstars vergangener Jahrzehnte wieder ins kollektive Gedächtnis zu rufen. Dabei verbindet die in diesen Filmen porträtierten Künstler nicht nur ihre deutsche Herkunft, sondern auch die Tatsache, dass sie weniger einem bestimmten künstlerischen Bereich wie Schauspiel, Musik oder Mode zuzuordnen waren, sondern vielmehr als Stilikonen in Erscheinung traten, die vor allem durch die Inszenierung der eigenen Person und ihre interdisziplinäre Arbeit in Kennerkreisen bis heute internationalen Ruhm genießen.

In der Dokumentation Die Peter Berlin Story (That Man: Peter Berlin) nimmt sich Regisseur Jim Tushinski einem weiteren deutschen Star der Subkultur an. Peter Berlin ist seit den siebziger Jahren vor allem durch seine aufwendig inszenierten Selbstporträts in Erscheinung getreten, in denen er sich zur sexualisierten Kunstfigur stilisierte und dabei noch Pionierarbeit für ein schwules Selbstbewusstsein leistete. Was heute von Werbekampagnen aus der Kosmetik- und Modeindustrie als selbstverständlich angesehen wird, war zu Berlins Zeiten noch ein Bruch mit herrschenden Männlichkeitsentwürfen. Auf Grund dieser Vorarbeit verzeiht man Berlin auch gerne einige seiner Bilder, die heute eher wie ein überholtes Klischee schwuler Männlichkeit wirken und an die bis zur Karikatur sexualisierten Zeichnungen von Tom of Finland erinnern.

Die Peter Berlin Story

In seinem Film versammelt Tushinski neben Berlin selbst eine Reihe prominenter und weniger prominenter Gesprächspartner, die ihre Bewunderung für die legendären Selbstporträts und ihren Schöpfer äußern. Unter ihnen befinden sich etwa der ehemalige Pornostar Jack Wrangler, der Schriftsteller Armistead Maupin sowie Trash-Maestro John Waters, der die Lobreden seiner Mitstreiter durch Witz und Ironie bereichert. Dass es sich bei allen Gesprächspartnern um schwule Männer im höheren Alter handelt, ist in seiner Eindimensionalität etwas enttäuschend, weil damit die vielschichtigen Werke Berlins auf die Aspekte „schwul“ und „siebziger Jahre“ limitiert werden.

Von Anfang an setzt der Film auf eine Überforderungstaktik aus pausenlos aneinander gereihten Anekdoten und Einblendungen zahlreicher Fotografien Berlins. Dass Tushinski seinen Zuschauern keine Verschnaufpause gönnt, hat zu Beginn noch den Vorteil, dass man schnell in den Film eingeführt wird, wirkt sich jedoch schon bald negativ aus. Anstatt die Fotos in ihrer visuellen Präsenz für sich stehen zu lassen, begleiten sie das Gesagte nur illustrativ. Um die Erzählungen und Kommentare der Beteiligten besser zu strukturieren, wird der Film zudem wenig originell in Kapitel eingeteilt, in denen die Eckpfeiler von Berlins Biografie wie seine Zeit in Deutschland, seine Karriere in Amerika und private Schicksalsschläge allzu routiniert und leidenschaftslos abgearbeitet werden.

Die Peter Berlin Story

Der Reichtum des Films sollte trotz alledem nicht unterschätzt werden. Zum einen weil Berlins Bilder damit wieder entdeckt werden können, aber auch wegen dem verwendeten Archivmaterial aus Filmen, die man heute entweder gar nicht mehr bekommt oder nur noch als unbezahlbare Sammlerstücke. Besonders die beiden Filme Nights in Black Leather (1973) und That Boy (1974), bei dem Berlin auch Regie führte und somit wie bei seinen Selbstporträts ganz die Kontrolle übernehmen konnte, sind eine Entdeckung wert. Obwohl diese Arbeiten häufig mit dem Label „Softcore-Film“ versehen werden, sind sie zum bloßen Anheizen des Publikums viel zu stilisiert. Von herkömmlichen Sex- und Pornofilmen unterscheiden sie sich auch durch den dominanten Einsatz des gesprochenen Wortes, der keiner narrativen Funktion folgt, sondern reiner Selbstzweck ist. In ihrer Darstellung schöner, gelangweilter Menschen und der Verwendung von Sprache als inhaltslosem Gestammel erinnern diese beiden Arbeiten auch stark an die besten Filme von Paul Morrissey wie Flesh (1968), Trash (1970) oder Heat (1972). Nur leider kleistert Tushinski auch die Filmausschnitte mit den Kommentaren seiner Interviewpartner zu.

Letztlich ist Die Peter Berlin Story lediglich ein gut gemeintes Porträt, das aber immerhin den Mythos Peter Berlin zu neuem Leben erweckt. So könnte das große Verdienst des Filmes zumindest darin liegen, im Rahmen einer Peter Berlin-Retrowelle eine Wiederveröffentlichung seiner alten Filme anzuregen.

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