Die Einsamkeit der Primzahlen

Paolo Giordanos Erzählung über zwei junge Menschen so einsam wie Primzahlzwillinge wird in Saverio Costanzos Verfilmung mit überraschend satten Bild- und Klangkompositionen umgesetzt.

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Mathematische bzw. physikalische Größen scheinen geeignete oder zumindest gern verwendete Titel für Romane oder Filme zu sein, die von menschlicher Einsamkeit handeln. Darren Aronofsky wählte die Kreiszahl Pi, Michel Houellebecq die Elementarteilchen und Paolo Giordano nun die Primzahlen. Wie seine zwei Vorgänger bestärkt letzterer die These, dass Genie und Einsamkeit dicht beieinander liegen. In seinem 2008 erschienenen Erfolgsroman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ wie auch in Saverio Costanzos gleichnamiger Verfilmung ist das Leben zweier junger Menschen als Außenseiter geprägt durch traumatische Ereignisse in ihrer Kindheit.

Alice (Alba Rohrwacher) leidet seit einem Skiunfall an einer Gehbehinderung. Die Schuld an dem Unfall trägt ihr Vater, der sie in eine gefährliche Situation drängte. Durch ihre Behinderung - von ihren Klassenkameraden wird sie Hinkebein genannt - und durch das verlorene Vertrauen zu ihren Eltern und damit letztlich zu ihrer Umwelt, fällt es ihr schwer sich in Gemeinschaften zu integrieren. Lediglich zu Mattia (Luca Marinelli) kann sie eine zarte Bindung aufbauen. Doch dieser ist seit dem Verschwinden seiner Zwillingsschwester, für das er verantwortlich war, sogar noch mehr in der Einsamkeit verfangen. Die Mathematik ist die einzige Welt, in die er sich erfolgreich einfügen kann. Zwar fühlt auch er sich zu Alice hingezogen, doch eine normale Beziehung scheint für beide unmöglich.

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Mittels zentraler Ereignisse in den Jahren 1984, 1991 und 2001 werden beider Schicksale porträtiert. Der Film bricht mit der linearen Erzählweise des Romans und präsentiert die drei Zeitebenen in einem wechselnden Durcheinander. Über klar unterscheidbare körperliche Erscheinungsbilder der beiden Protagonisten gelingt es stets die zeitliche Orientierung zu gewährleisten. Doch nicht nur deswegen sind ihre Körper von großer Bedeutung für den Film. Costanzo schafft gewissermaßen eine „Somatografie“ von Einsamkeit und Schuld: Ihre emotionale Befindlichkeit wird weniger über Worte, sondern vielmehr über ihre Körper ausgedrückt. Alice leidet neben ihrer Beinverletzung unter Essstörungen. Die kurzzeitige Akzeptanz bei der beliebten Viola manifestiert sich auf ihrem jugendlichen Körper in Form eines Veilchen-Tattoos, die darauf folgende Zurückweisung führt zu dem Versuch, das Tattoo herauszuschneiden. Mattia schreibt sich seine Einsamkeit und Schuldgefühle förmlich durch selbst zugeführte Narben in seine Arme ein.

Die Inszenierung dieses tragischen Stoffes ist jedoch keineswegs so trist wie man es vielleicht erwarten könnte. Im Gegenteil, Costanzo gestaltet seinen Film meist grell und bunt. Aufwendige Kostüme und Masken im Zusammenhang mit Festlichkeiten sind ein Leitmotiv. Oft wirken die Bilder gar surreal und märchenhaft. Auch die Musik ist selten ruhig und andächtig. Treibende, meist in die Erzählung integrierte Synthesizer- und Technotracks durchziehen den Film. Trotz guter Schauspielleistung aller Darsteller der zwei Protagonisten – insgesamt werden Alice und Mattia von je drei Schauspielern verkörpert – fällt es schwer, sich wirklich in die Figuren einzufühlen. Die überstilisierte und mystifizierende Inszenierung erzeugt Distanz.

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Auch wenn die unchronologische Darstellung der Handlung funktioniert, macht der Film dennoch einen eher unzusammenhängenden Eindruck. Viele Sequenzen erinnern an hippe Jugendfilme wie La Boum – die Fete (La Boum, 198o) oder Eiskalte Engel (Cruel Intentions, 1999) – nicht nur wegen ihrer Buntheit und häufigen Unterlegung mit entsprechender Musik, sondern auch inhaltlich. So lässt sich etwa Alice als Vorbereitung auf eine Party von Viola zeigen, wie das Küssen funktioniert. An anderer Stelle schwenkt der Film beinahe in einen Mystery-Thriller um, wenn in artifiziellen, diesmal aber eher düsteren, nebelumwobenen Szenerien im Zusammenspiel mit bedeutungsschwangerem Sounddesign die traumatischen Kindheitsereignisse aufgelöst werden, die sich der Zuschauer jedoch schon längst selbst zusammengereimt hat. Im letzten Teil springt die Erzählung schließlich ins Jahr 2008 und bleibt von dort an linear. Offenbar wollte Costanzo seinen Film nun doch als konventionelleres Drama in Erinnerung bleiben lassen. Er greift auf vergleichsweise ruhige und monochrome Bilder zurück, in denen er Alice und Mattia noch einmal stark in ihrer körperlichen und seelischen Verletzung darstellt: Alice ist kaum mehr als Haut und Knochen, während Mattia deutlich zugenommen hat. Ein weiterer Versuch zueinander zu finden erfolgt nur schwerlich.

Giordano begründet die Metapher der „Primzahlen“ mit der Existenz von Primzahlzwillingen. Dies sind zwei Primzahlen, die durch eine Zahl dazwischen getrennt sind. So wie die 12 stets zwischen der 11 und der 13 steht, steht auch immer etwas zwischen Alice und Mattia. Möchte man das Bild der Primzahlen in Bezug auf Costanzos Werk aufgreifen, diesmal in der geläufigen Definition ihrer Unteilbarkeit, lässt sich der Film als Gegenstück dazu betrachten. Er vermag in Teilstücken gelegentlich zu faszinieren, ist aber gerade als ein Ganzes problematisch. 

Trailer zu „Die Einsamkeit der Primzahlen“


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